Im Vorfeld der WM 2026 tauschten sich Joachim Löw, Rainer Bonhof und Renate Lingor bei der lit.Cologne aus. Dabei sehen die Weltmeister große Probleme vor dem Turnier im Sommer.
Weltmeister-Runde in KölnWM 2026: „Weiß nicht, ob man überhaupt spielen soll“

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Weltmeister-Trainer Joachim Löw war einer der Talkgäste am Montagabend (16. März 2026) im Rahmen der lit.Cologne.
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Wenn fünf Weltmeistertitel und insgesamt 473 Länderspiele aufeinandertreffen, dann kann schon erwartet werden, dass diese Runde den Schlüssel zum Erfolg kennt. Entsprechend ambitioniert war das Motto gesetzt.
„Wie wird man eigentlich Weltmeister?“, wollte Moderator Christoph Biermann im Rahmen der lit.Cologne von Rainer Bonhof (73), Pierre Littbarski (65), Renate Lingor (50) und Joachim Löw (66) wissen.
Weltmeister erinnerten sich an die besonderen Turnier-Momente
Litti musste kurzfristig zur Vorpremiere des WM-Films „Ein Sommer in Italien“ nach Hamburg und war deshalb am Montagabend (16. März 2026) nur per Videobotschaft im Theater am Tanzbrunnen dabei. Dafür hörte Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester aufmerksam in der ersten Reihe zu.
Es entwickelte sich ein (zu) langer Rückblick auf die damaligen Erfolge, gepaart mit vielen Anekdoten. Bonhof erzählte vom nächtlichen Gelage nach der unerwarteten 0:1-Niederlage gegen die DDR in der Küche der Sportschule Malente. Diese Zusammenkunft wurde rückblickend für den „Geist“, der zum Titel 1974 geführt hat, verantwortlich gemacht.
Nach dem Turnier habe er sich drei, vier Monate auf Wolke sieben befunden und den Ruhm als Weltmeister genossen. „Ich wollte nicht mehr einkaufen, empfand es als schon lästig, selbst tanken zu gehen. Meine Frau hat damals gesagt: ‚Kannst du mal wieder der Rainer sein?‘.“
Lingor erinnerte sich daran, wie die Nationalspielerinnen bei langen Lehrgängen gerne mal Pizza oder Burger bestellt hätten. Zudem wird sie nie vergessen, wie Trainerin Tina Theune im Bus auf der Fahrt zum Stadion stets den Radetzkymarsch aufgelegt habe.

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Auch Rainer Bonhof nahm an der Debatte teil. Er blickt sehr skeptisch auf die bevorstehende WM in den USA, Mexiko und Kanada.
Eine Busepisode hatte auch Litti beizusteuern. „Vor dem WM-Finale 1982 war ich so aufgeregt, dass ich in der Nacht Poker gespielt habe, weil ich nicht schlafen konnte. Vor dem Endspiel 1990 war ich hingegen komplett siegessicher. Ich habe schon auf der Hinfahrt ‚We are the Champions‘ angemacht, wurde dafür aber zusammengestaucht.“
Weltmeister-Trainer Löw muss beim Gedanken an den Titel in Brasilien immer wieder an die Nacht nach dem 4:0-Auftaktsieg gegen Portugal denken. Als er nachts um 2 Uhr wach wurde, hörte er laute Musik von der Hotelbar. „Ich bin in Boxershorts und T-Shirt runter. Thomas Müller und die anderen Bayernspieler feierten da mit ihren Weizenbieren. Da habe ich den Stecker von der Anlage gezogen.“
Nach vielen Rückblicken blieb am Ende der Debatte noch kurz Raum, auf die anstehende Weltmeisterschaft zu blicken. Und da wurde es auf einmal ernst. „Ich weiß gar nicht, ob du überhaupt spielen sollst“, stellte Bonhof in den Raum und erntete lauten Applaus.
„Natürlich würde ich dem Julian wünschen, dass er den WM-Titel holt und in Berlin empfangen wird“, sagte der Präsident von Borussia Mönchengladbach. „Aber bei den Umständen, die aktuell bestehen, ist für mich nur Kanada ein neutrales Land. Ich will keine WM boykottieren, dafür sind wir zu sehr Fußballer. Aber man muss wirklich über Sicherheitsmaßnahmen nachdenken, über die wir uns bis dato noch keinen Kopf gemacht haben.“

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Die Talkrunde im Rahmen der lit.Cologne: Christoph Biermann, Joachim Löw, Renate Lingor und Rainer Bonhof (v.l.).
Neben dem Nahostkrieg verwies der Weltmeister auf den Drogenkrieg in Mexiko. „Ich hätte keinen Drang, da hinzufahren.“ Die Bedenken konnte Löw teilen. „Wir hatten schon vor der WM 2018 in Russland Debatten, Boykott-Aufrufe vor der WM 2022 in Katar. Aber in einem Land zu spielen, das sich gerade aktiv im Krieg befindet, ist noch einmal gefährlicher“, sagte er zu EXPRESS.de. „Die politische Situation überlagert das Turnier komplett.“
Grundsätzlich blickt der Weltmeister-Trainer recht zuversichtlich auf die aktuelle Konstellation der Nationalmannschaft. „Wir haben eine relativ gute Mischung in der Mannschaft“, findet er. Neben überaus begabten und technisch guten Spielern wie Musiala, Wirtz und Havertz habe man erfahrene Akteure wie Kimmich, Gnabry und Rüdiger, die nun gefragt seien. „Sie müssen jetzt Verantwortung tragen.“

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Joachim Löw hatte einige Ratschläge für Bundestrainer Julian Nagelsmann.
„Wir benötigen auf jeden Fall Stabilität. Unsere Mannschaft ist in der Lage, gegen jeden zu gewinnen. Aber das hat sie in den letzten zwei, drei Jahren nicht in jedem Spiel gezeigt. Julian Nagelsmann hat eine klare Vision, ist innovativ und mutig. Er hat schon bewiesen, dass er Mannschaften entwickeln kann“, sagte Löw.
Sein Ratschlag: „Ein Trainer muss in einem Turnier, wenn es mal in einem Spiel nicht so gut läuft, die Ruhe bewahren. Er muss gegenüber der Mannschaft ausstrahlen, dass man an die Dinge glaubt. Wenn es mal einen Rückschlag gibt, darf man sich nicht beeinflussen lassen. Diese Klarheit, seinem Weg zu vertrauen, das braucht eine Mannschaft. Eine WM ist ein wahnsinnig emotionaler Stress, das muss man als Trainer ausgleichen.“
Zudem müsse Nagelsmann eine klare Hierarchie schaffen. „Du benötigst eine Stabilität in der Mannschaft. Und einen Titel gewinnt die Mannschaft mit vielen Persönlichkeiten. Bastian Schweinsteiger war unser emotionaler Leader, Philipp Lahm der strategische Kopf, Manuel Neuer hat das Torwartspiel neu definiert. Zudem benötigst du in der Mischung einer Mannschaft, die Weltmeister werden will, auch Leute, die Energie geben. Thomas Müller und Lukas Podolski haben eine gewisse Lockerheit ins Team gebracht.“
Joachim Löw: „Julian Nagelsmann benötigt Stabilität in der Mannschaft“
Der Verlauf einer WM sei nur bedingt planbar. „Aber die Mannschaft muss sich sicher sein, was sie spielen soll und will. Der Prozess geht nicht beim Turnier los, sondern Jahre davor. Das Team muss die Überzeugung haben, dass dieser Weg, den der Trainer gehen will, hilft, um erfolgreich zu sein“, sagte Löw.
Bei ihm sei der Titel das Ergebnis eines achtjährigen Prozesses gewesen mit den Zwischenstufen der WM 2006 und 2010. „Daher war für mich immer der wichtigste Satz zu sagen: Wir bleiben bei unserem Weg.“


