Ex-FC-Kicker Adil Chihi ganz offen: Darum kann ich Kölner Stadion noch nicht betreten

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Adil Chihi beim Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. 

Köln – Er galt als eines der größten Talente des 1. FC Köln – doch Adil Chihis (31) Karriere verlief anders als erhofft. Nach viel Verletzungspech und einigen Stationen im Ausland kickt der Offensivmann nun in der sechsten Liga.

Im Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sprach Chihi über seinen verrückten Weg als Fußballer. Und er erklärt, warum er das Rhein-Energie-Stadion noch nicht wieder betreten kann.

Herr Chihi, warum spielen Sie als Ex-Profi und Ex-Nationalspieler mit 31 Jahren in der sechsten Liga für den FSV Duisburg?
Der Kontakt zu den Verantwortlichen ist durch meine eigene Firma entstanden, die ich 2018 gegründet habe. Ich bin heute in der Bau- und Immobilienbranche tätig. Es läuft ganz gut, die Aufträge sind da. Ich trage Verantwortung für mehrere Mitarbeiter. In dieser Branche habe ich den FSV-Vorsitzenden Ayhan Coskun kennengelernt, er und Sportdirektor Erol Ayar haben mich dann überzeugt. Der Verein fördert junge Spieler, gibt ihnen auch nach dem Fußball eine Perspektive – das finde ich ganz wichtig. Ich kann ebenfalls den jungen Spielern mit meiner Erfahrung weiterhelfen.

Die Immobilienbranche hat nichts mehr mit Ihrem langjährigen Beruf, dem des Fußballprofis, zu tun.
Das stimmt. Aber mich hat das schon immer interessiert. Bereits als 18-Jähriger hatte ich mir meine erste eigene Immobilie gekauft. Dicke Autos, teure Uhren oder Klamotten: Darauf hatte ich damals schon keinen Wert gelegt. Ich wollte auch einen Plan für die Zeit nach meiner Karriere haben. Ich könnte zwar noch heute mit dem Fußball Geld verdienen, es gab zuletzt Anfragen aus der dritten oder vierten Liga. Der Fußball ist für mich aber nebensächlicher geworden. Und Sie wissen ja auch, dass meine Karriere neben Höhen auch Tiefen hatte.

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Sie waren oft verletzt. Und Ihre letzten Stationen waren – sagen wir mal – außergewöhnlich. Nach zehn Jahren beim 1. FC Köln und 141 Pflichtspielen landeten Sie 2014 beim FC Fulham, 2016 wechselten Sie zu Esteghlal Teheran, es folgte die kurze Rückkehr zum FSV Frankfurt, einige Probetrainings im In-und Ausland und 2017 ein Gastspiel bei IR Tanger in Marokko, dem Land Ihrer Eltern.
Natürlich hatte ich mir vieles anders vorgestellt, ganz klar. Die letzte Saison in Köln 2013/14 verlief vollkommen anders als geplant. Der FC hatte mir früh nahegelegt, dass ich mir einen neuen Klub suchen solle. Das war auch legitim. Trainer Peter Stöger und Manager Jörg Schmadtke waren neu beim FC und wollten einen kompletten Umbruch. Ich hätte damals sowohl zum FC Augsburg als auch zu Werder Bremen in die Bundesliga wechseln können. Die Verträge waren schon ausgearbeitet, aber leider verletzte ich mich im Sommer schwer. Und dadurch platzte ein Wechsel. Beim FC zählte ich zu den alten Spielern – obwohl ich nicht alt war. Ich hatte in Köln nur noch einen Vertrag über ein Jahr und musste bleiben. Denn wer nimmt in dieser Konstellation schon einen schwer verletzten Spieler? Im Januar 2014 hatte ich dann ein Probetraining beim englischen Zweitligisten FC Blackpool. Ich wollte nicht meinen Vertrag in Köln aussitzen. Trainer Paul Ince, der auf meinen Wechsel gedrängt hatte, wurde dann aber überraschend gefeuert. Und wieder zerschlug sich der Wechsel. Unter Peter Stöger spielte ich dann noch einmal für zehn Minuten, das war es.

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Adil Chihi absolvierte 141 Spiele für den 1. FC Köln. 

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Felix Magath, der damals den FC Fulham trainierte, holte Sie im Sommer 2014 nach London.
Felix Magath wollte mich schon 2010 beim FC Schalke 04 verpflichten, aber Präsident Wolfgang Overath war dagegen. Ich war glücklich, dass der Wechsel zu Fulham geklappt hatte. Leider verletzte ich mich in der Vorbereitung erneut. Ich spielte dann zwar, doch schon im September wurde Magath beurlaubt. Und der neue Trainer setzte nicht auf mich. Da ich zu wenige Einsätze hatte, verlängerte sich mein Vertrag nach der Saison nicht.

Und dann waren Sie bis 2016 vereinslos.
Ich hielt mich erst mit einem Personal-Coach fit, dann im Herbst 2015 bei Fortuna Düsseldorf. Jetzt denken bestimmt einige, der Chihi ist ein Schwätzer: Aber auch bei Fortuna war es so, dass mich der damalige Trainer Frank Kramer fest verpflichten wollte, dann aber rausflog. Und wieder zerschlug sich der Transfer.

War danach der Wechsel in den Iran nach Teheran eine Art Panik-Transfer?
Ich wollte auch erst nicht in den Iran, habe mich dann aber ausgiebig über den Klub erkundigt. Esteghlal ist der Klub im Iran und der Region schlechthin, im Schnitt kamen 50.000 Zuschauer, zu Derbys sogar knapp 100.000 Fans. Das war beeindruckend. Ich war ungebunden, musste auf keinen groß Rücksicht nehmen und verdiente zudem richtig gut. Die Menschen im Iran waren sehr nett, aber die Kultur und die Gesetze waren ganz neu für mich, und ich habe meine Familie in Deutschland dann doch vermisst.

Sie sind dann auch nach Deutschland zurück – zum FSV Frankfurt in die 3. Liga.
Sportdirektor Roland Benschneider kannte mich noch gut aus der gemeinsamen Zeit beim FC. Aber leider lief es nicht so, wie es sich beide Seiten wohl vorgestellt hatten. Im Januar 2017 nahm ich dann das Angebot aus der Ersten Liga in Marokko an. Mich hatte der Wechsel nach Tanger wegen der Aussicht gereizt, möglicherweise noch einmal eine Chance in der marokkanischen Nationalmannschaft zu erhalten. Nach drei Monaten blieben dann aber die Gehaltszahlungen komplett aus, ein juristisches Verfahren läuft immer noch. Nach dieser Erfahrung hatte ich eigentlich mit dem aktiven Fußball abgeschlossen, doch in Duisburg kann ich jetzt den Sport und den Beruf perfekt verbinden.

Wie viele Berater hatten Sie in Ihrer Karriere?
Zwei über einen längeren Zeitraum, aber zuletzt eigentlich keinen festen mehr. Warum?

Fühlten Sie sich in Ihrer Karriere manchmal schlecht beraten?
Mir wurde von vielen Menschen in der Branche Märchen erzählt. Am Ende hatte ich auf viele Leute einfach keine Lust mehr. Natürlich wurde ich als junger Spieler auch falsch beraten. Ich kann Talenten nur raten, sich eine ganz vertraute Person ins Boot zu holen. Ich will da überhaupt nicht verallgemeinern, aber einige Berater gucken nur auf sich. Du wirst von Beratern und Vereinen zwar auf das Profigeschäft vorbereitet, aber nicht auf die Zeit nach der Karriere. Viele Spieler sind zu unselbständig, weil ihnen alles abgenommen wird. Das war bei mir damals auch schon oft der Fall und ist heute noch extremer. Als Jung-Profi hast du einen so hohen Lebensstandard, der sicherlich nicht normal ist. Du wirst verwöhnt. Auch ich habe lange Zeit sehr gut verdient. Wenn du dann eines Tages nicht mehr so viel Geld bekommst, dann ist das schon eine gravierende Umstellung.

Haben Sie Fehler gemacht?
Natürlich habe ich auch falsche Entscheidungen getroffen und würde aus heutiger Sicht einiges anders machen. Darauf jetzt genau einzugehen, würde aber den Rahmen sprengen.

Der FC war mit 141 Pflichtspielen mit Abstand Ihre erfolgreichste Station.
Nur 141 Spiele, leider. Kreuzband, Achillessehne, Syndesmose, Leiste, Sehne: Ich war leider zu oft verletzt. Der Körper hat nicht so mitgemacht, wie ich es wollte. Ansonsten wäre vieles wohl anders verlaufen. Das Talent und das Potenzial für mehr hatte ich, das wurde mir von so vielen Experten bescheinigt. Bereits 2006 hatte ich ja Gespräche mit dem FC Arsenal geführt, fühlte mich dann aber mit 18 noch nicht bereit für einen Wechsel. Ich bin oft auf die Fresse gefallen. Aber ich habe daraus gelernt, immer wieder aufzustehen und zu kämpfen.

Christoph Daum war drei Jahre lang Ihr Trainer in Köln. Was das Talent angeht, hat er Sie mal mit Cristiano Ronaldo verglichen. War dieser Vergleich ein Fluch?
Der hat mich verfolgt, er war schon ein Rucksack für mich. Aber die Aussage zeigte mir auch, was Christoph Daum, ein so erfolgreicher Trainer, in mir damals gesehen hat.

Sind Sie sauer auf ihn?
Nein, gar nicht. Wir hatten uns damals auch mal gestritten, aber dennoch denke ich, dass wir uns mochten. Ich schätze Christoph Daum sehr. Ich bin Herrn Daum und Wolfgang Overath dankbar dafür, was sie für mich gemacht haben. Der FC ist mein Verein, ich habe ihn geliebt. Er hat eine so große Wucht. Die Zeit damals war wunderschön. Manchmal trauere ich noch heute dieser Zeit hinterher, mit Jonas Hector, Timo Horn und Marcel Risse habe ich ja noch zusammengespielt, aus dem Stab und dem Verein kenne ich noch viele Leute. Wenn ich heute das Stadion im TV sehe, dann kommen die Emotionen sofort wieder hoch. Deshalb kann ich es noch nicht wieder betreten – noch nicht.

Verfolgen Sie den FC noch intensiv?
Natürlich. Und jetzt warte ich darauf, bis mein ehemaliger Mitspieler Lukas Podolski Präsident des FC wird (lacht). Im Ernst: Für mich wäre es aber die logische Konsequenz, wenn Poldi in Zukunft mal beim FC Verantwortung trägt.

Wenn Sie mit ein paar Worten Ihre Karriere beschreiben würden, was wären diese Worte?
Sie war schön, interessant, verrückt, dann auch wieder brutal und traurig. Ich habe leider sicherlich nicht das ausgeschöpft, was vom Potenzial her möglich war. Ich bin ein Instinkt-Fußballer, habe die Technik und Ausdauer. Ich hätte gerne noch mehr gezeigt.

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