„Ich habe nackte Gewalt erlebt“ Baumgart spricht über den Skandal-Abend von Nizza

Kölns Trainer Steffen Baumgart erlebte das Spiel in Nizza wegen seiner Sperre von der Tribüne. Die Szenen haben den FC-Coach schwer schockiert. Am Tag danach sprach er über die Ereignisse.

Für FC-Trainer Steffen Baumgart (50) war der Abend am Donnerstag (8. September 2022) in Nizza gleich doppelt schlimm. Erst musste er wegen seiner Sperre auf die Tribüne und konnte nicht nah bei der Mannschaft sein. Dann erlebte er mit seiner Frau Katja und Tochter Emilia die Skandal-Szenen hautnah mit.

Die Hooligan-Schlägereien spielten sich teilweise direkt vor der Loge im Stade Allianz Riviera ab, in der Baumgart mit seiner Familie war. Nach Schlusspfiff (OGC Nizza spielte 1:1 gegen den 1. FC Köln) verließ der Coach geschockt und schweigend das Stadion. Am Tag danach äußerte er sich ausführlich am Geißbockheim zum Geschehen. EXPRESS.de dokumentiert Baumgarts wichtigste Aussagen.

Steffen Baumgart spricht über die Gewalt-Exzesse von Nizza

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…seinen Gemütszustand: „Ich konnte das noch gar nicht verarbeiten. Da kann man auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir sind selbst in der Aufarbeitung. Wut und Fassungslosigkeit treffen es ganz gut. Wir haben ein sportlich großes Ziel erreicht und wollten ein Fußball-Fest erleben. Das war alles andere als ein Fußball-Fest. Es ist wichtig, dass es eine klare Aufarbeitung von allen Seiten gibt.“

…die Gründe für die Eskalation: „Man fragt sich schon, warum die Situation so entstanden ist. Warum waren die Sektoren nicht abgegrenzt voneinander? Wir als Verein und auch die UEFA haben Nizza gesagt, dass das nicht ausreichend ist, was an Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurde. Und das hat man dann auch gesehen. Wie kann das möglich sein, dass Zugänge einfach so betreten werden können? Es ging auch schon vor dem Stadion los. Ich glaube, man hätte es verhindern können, wenn man die Dinge richtig angegangen wäre. Es haben genug Leute darauf aufmerksam gemacht, dass so etwas passieren kann.“

…die Situation für seine Familie: „Ich habe nackte Gewalt erlebt. Da ging es nur drum, Menschen zu schaden. Das ist dann schon beängstigend, wenn man da oben so dicht dran steht. Meine Familie war zunächst noch auf den Sitzen, an denen die vorbeigelaufen sind. Da geht schon einiges in einem ab. Zunächst habe ich noch versucht, dagegen zu wirken. Aber da war nichts möglich. Die Jungs, die hochgeschaut haben, haben durch mich durch geguckt. Da konnte man nichts mehr machen. Wir sind dann in den VIP-Raum rein, um selbst geschützt zu sein.“

1. FC Köln: Baumgart wollte nach Krawallen zum Team – abgelehnt

…seine Rotsperre: „Wir haben angefragt, ob ich in der Grenzsituation noch mal zur Mannschaft gehen kann. Aus meiner Sicht trage ich da eine hohe Verantwortung und daher hätte ich noch einmal gerne zum Team gesprochen. Das hat man untersagt. Auch da sieht man, dass Leute nicht bereit sind, über Sachen hinwegzusehen und stattdessen das Gehirn einzuschalten. Ich hätte mich auch rechtzeitig wieder von der Mannschaft lösen können.“

…die Entscheidung, doch zu spielen: „Ich habe mir keine Gedanken gemacht, ob das Spiel noch stattfindet. Ich habe den jungen Mann aus dem Oberrang stürzen sehen. Da bist du nur noch geschockt. Da denkst du nicht mehr an das Spiel. Wir haben jetzt von vielen Verletzten gehört und hoffen nur, dass es nichts Schwerwiegendes ist.“

…mögliche Strafen für den FC: „Darüber reden wir nicht. Es geht um eine klare Aufarbeitung und auch nicht darum, dass einer dem anderen die Schuld in die Schuhe schiebt. Wir werden nicht über Maßnahmen reden. Ich war um 2.30 Uhr wieder in Köln, bin seit 8 Uhr wieder auf der Anlage. Da kann ich noch nichts über die Aufarbeitung sagen. Noch mal: Es ist unverständlich, dass es keine Sicherheitsmaßnahmen im Stadion gab, obwohl viele Leute gewarnt hatten.“

…die Verfassung seiner Spieler: „Die Mannschaft hat es nicht mitbekommen, weil sie noch in der Kabine war. Zum Glück haben sie nicht unmittelbar damit zu tun gehabt. Ich halte mich nicht für den ängstlichsten Menschen. Aber um das zu verarbeiten, dafür brauche ich eine ganze Zeit. Das wird mich lange begleiten. Daher bin ich froh, dass die Jungs nicht alles mitbekommen haben.“

…das anstehende Spiel gegen Union Berlin am Sonntag, 11. September: „Natürlich werden wir unseren Job machen und uns auf das nächste Spiel vorbereiten. Aber ich kann das nicht einfach so abhaken. Das war mein erster internationaler Auftritt als Trainer. Und der wird immer damit in Verbindung bleiben. Ich war Anfang der 90er Jahre in der Bereitschaftspolizei und hab da noch die ersten Sachen mitgemacht als Polizist. Genau aus diesen Gründen bin ich aus der Polizei ausgetreten, weil ich so etwas nicht mitmachen will. Für mich ist das nicht einfach, damit umzugehen.“

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