„So schlimm war es noch nie“Immer mehr Vergewaltigungen auf Mallorca: Was ist los mit den Touristen?

Menschen Anfang Juli am Strand von Arenal, während die Sonne untergeht: Die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Mallorca steigt.

Menschen Anfang Juli am Strand von Arenal, während die Sonne untergeht: Die Zahl der sexuellen Übergriffe auf Mallorca steigt.

Wieder junge männliche Touristen, wieder Mallorca: Erneut stehen deutsche Urlauber auf der Ferieninsel unter Vergewaltigungsverdacht. Bereits im Juli sorgte ein grausamer Fall für Schlagzeilen, als mehrere Deutsche eine 18-Jährige zum Sex gezwungen haben sollen. Was ist los auf Mallorca?

von Martin Gätke (mg)

Auch diesmal soll es so begonnen haben wie so oft in den vergangenen Monaten und Jahren: Auf einer Party fängt alles an, man trinkt, lernt sich kennen. Doch irgendwann gerät die Situation außer Kontrolle, kippt die Stimmung. Die Party endet im Vorwurf der sexuellen Gewalt. 

So soll es auch diesmal passiert sein: Am Freitag seien zwei deutsche wegen der mutmaßlichen Vergewaltigung einer deutschen Touristin festgenommen worden, berichtete die Zeitung „Última Hora“. Das Opfer soll einen der beiden in einem Lokal am Ballermann kennengelernt haben, im Hotel sollen beide einvernehmlichen Sex gehabt und die Nacht gemeinsam verbracht haben. Am nächsten Morgen dann soll der Freund des Mannes die Frau vergewaltigt – und sein Kumpel tatenlos zugeschaut haben. 

Der Untersuchungsrichter soll die 27-jährigen Deutschen am Samstag unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt haben. 

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Mallorca: Immer mehr eine Insel der Exzesse?

Wird Mallorca immer mehr zur Insel der Exzesse? Der schockierende Fall vom Wochenende erinnert an den erschreckenden Vorfall im Juli: Mehrere deutsche Urlauber sollen eine 18-Jährige aus Deutschland zum Sex gezwungen oder tatenlos zugeschaut haben sollen. Auch damals lernte das Opfer einen Mann der Gruppe an der Playa kennen. Von den sechs anfänglich festgenommenen Deutschen befinden sich vier weiter auf Mallorca in U-Haft.

Wenig später wurden sieben Franzosen und ein Schweizer verhaftet, weil sie in Magaluf eine junge britische Urlauberin nach einer Partynacht vergewaltigt haben sollen. Ende August wurden zudem drei Briten festgenommen, die im selben Hotel untergebracht waren: Eine Urlauberin warf ihnen vor, sie unter Drogen gesetzt und dann missbraucht zu haben.

Mallorca: Zahl der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe wächst

Die Serie mutmaßlicher Gruppenvergewaltigungen in diesem Jahr wächst, tatsächlich wächst die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe auf der Ferieninsel stetig, und das bereits seit Jahren: Wurden 2019, also vor der Corona-Pandemie, noch 89 Vergewaltigungen angezeigt, waren es im vergangenen Jahr bereit 111. Nirgendwo in Spanien verzeichnet die Kriminalstatistik so viele Sexualstraftaten wie auf Mallorca. Die Polizei geht jedoch davon aus, dass die wirkliche Zahl der Sexualdelikte noch größer ist. Viele Taten würden nicht angezeigt.

Auch in den spanischen Medien sind die zahlreichen Vergewaltigungen der „manadas“ (zu Deutsch: „Rudel“), wie die Männergruppen, die Sexualverbrechen begehen, genannt werden, ein großes Thema. Was sind die Gründe für die Exzesse?

Fachleute machen darauf aufmerksam, dass die meisten sexuellen Übergriffe in der Hochsaison von Mai bis Oktober gemeldet werden – wenn also besonders viele Reisende auf Mallorca Party machen. 

Mallorca: Was sind die Gründe für die vermehrten Sexualstraftaten?

Sexualität sei in der Vergangenheit trivialisiert worden, erklärt eine Juristin „Ultima Hora“. Der Beweis dafür sei, dass die Angreifer die Vergewaltigungen immer öfter mit ihren Mobiltelefonen aufzeichnen. Sie argumentiert, dass der frühe Zugang zu Pornografie, insbesondere zu „gewalttätigen Pornos, die Frauen erniedrigen, Mädchen hypersexualisieren und immer mehr Jungen dazu bringen, bei Vergewaltigungen mitzuwirken“ als eine Art Bestätigung der Männlichkeit sei.

Drogen und Alkohol würden zudem das Verhalten der Touristen enthemmen, meinen Fachleute wie die Psychiaterin Nahlah Saimeh. Sie erklärt gegenüber dem „Tagesspiegel“: „Am Ballermann wird, wie der Volksmund sagt, ‚die Sau rausgelassen‘. Und der Begriff zeigt ja schon, dass es unterschwellig die Bereitschaft dazu gibt, unter bestimmten Umständen etwas zu tun, was man zu anderer Zeit an anderen Orten nicht täte“. Erst werde zusammen gefeiert und geflirtet, Grenzüberschreitungen und Tabubrüche seien nicht weit entfernt.

Ein weiteres Hauptproblem sei der Glaube, dass „der Körper der Frau den Männern gehört“, argumentiert Rosa Cursach, ehemalige Inseldirektorin für den Ausschuss für Gleichstellung und Vielfalt auf Mallorca. Vor einigen Jahren noch wurde in Spanien alle acht Stunden ein Angriff gemeldet, mittlerweile passiere das alle drei Stunden. „Andererseits hat sexuelle Gewalt dank der Arbeit feministischer Gruppen einen Platz in der Verwaltung.“

Mallorca: Sexualstrafrecht wurde deutlich verschärft

In Spanien wurde im vergangenen Jahr das Sexualstrafrecht deutlich verschärft. Seit Oktober 2022 müssen betroffene Frauen nicht mehr nachweisen, dass sie sich gegen sexuelle Handlungen gewehrt haben oder sie ausdrücklich abgelehnt haben. Nach dem neuen Recht, dem „Solo sí es sí“-Gesetz („Nur-Ja-heißt-Ja-Gesetz“) ist nur ein klares „Ja“ auch ein juristisch belastbares „Ja“. 

Das heißt auch: Das Schweigen oder das Fehlen von Gegenwehr darf nicht länger als mildernder Umstand für die Täter gewertet werden. Für Vergewaltigung drohen bis zu zwölf Jahre Gefängnis, für Gruppenvergewaltigung sogar 15 Jahre.

Mallorca: „So schlimm war es noch nie“

Zwar beruhigt die Nationalpolizei auf Mallorca, ihr Chef Francisco Javier Santos erklärte, Spanien sei ein „sicheres Land“. Doch in einem Interview mit „Diario de Mallorca“ erklärte er auch, dass die Verbrechen an der Playa in direktem Zusammenhang mit übermäßigem Tourismus stünden. Der „Tourismus der Exzesse“ bringe Diebstähle, Prügeleien und eben auch Sexualstraftaten mit sich.

Auch die Gastronomie, Hotels und Nachtclubs haben sich bereits mit einem Hilferuf an die Medien gewandt, um auf die alarmierende Situation aufmerksam zu machen, schrieb die „Mallorca Zeitung“. „Die fehlende Kontrolle des Alkoholkonsums auf offener Straße sowie mangelnde Maßnahmen, um diese Vergehen zu bestrafen, gefährden derzeit die wichtige Urlauberzone und stellen auch eine Gefahr für die Zukunft dar“, wird aus dem Schreiben des Gastroverbands CAEB, des Nachtclubverbands ABONE und des Hoteliersverbands Playa de Palma zitiert.

Saufurlauberinnen und -urlauber, so klagen sie, würden mit ihrem Benehmen das Ansehen der Zone beschmutzen. So schlimm wie in diesem Jahr sei es noch nie gewesen. Die Verbände fordern drastische Strafen und eine erhöhte Polizeipräsenz an der Playa de Palma.