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Alles nur Einbildung?Forscher entlarven den Mythos Frühjahrsmüdigkeit

Frühjahrsmüdigkeit

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Eine Frau liegt auf einer mit Krokussen bewachsenen Wiese und gähnt. (Archivbild)

Die Sonne kommt raus, aber Sie fühlen sich nur noch schlapp? Damit sind Sie nicht allein, denn hierzulande hat das Phänomen einen Namen: Frühjahrsmüdigkeit. Doch ist da wirklich etwas dran? Eine Schweizer Untersuchung sorgt jetzt für Aufsehen und legt nahe, dass wir uns die Erschöpfung vielleicht nur einreden. Zwar gaben in einer Online-Umfrage viele an, betroffen zu sein, doch eine genaue Langzeitstudie mit hunderten Teilnehmern fand dafür keinerlei Beweise. «Das hätte sich in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen», erklärt Studienleiterin Christine Blume von der Universität Basel laut Deutscher Presse-Agentur (dpa).

Bei diesem oft genannten Phänomen handelt es sich den Erkenntnissen nach um einen reinen Mythos im deutschen Sprachraum. Das schreiben Blume zusammen mit dem Schlafspezialisten Albrecht Vorster vom Inselspital Bern im Fachmagazin «Journal of Sleep Research». Dieser Irrglaube sei nur deshalb so wirkungsvoll, weil der Begriff Frühjahrsmüdigkeit so fest im Sprachgebrauch verankert ist. Es handle sich demnach um eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.

Wie kam es überhaupt zu der Studie? Die Psychologin Blume, die am Zentrum für Chronobiologie tätig ist, wurde regelmäßig nach dem Winter von Journalisten kontaktiert, die eine Erklärung für die Frühjahrsmüdigkeit wollten. «Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären», sagt Blume dazu. «Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert.»

Die Daten lügen nicht: Keine Spur von extra Müdigkeit

Als Begründung für die Frühjahrsmüdigkeit wird oft angeführt, dass sich bei wärmeren Temperaturen die Blutgefäße weiten und der Blutdruck absinkt. An diesen Zustand müsse sich der Organismus erst gewöhnen. Oft wird auch auf Hormone verwiesen – etwa auf einen angeblichen Überschuss des «Nachthormons» Melatonin nach der kalten Jahreszeit.

«Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel», meint dazu Expertin Blume. Melatonin werde in einem 24-Stunden-Rhythmus hergestellt und wieder abgebaut. «Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.»

Frühjahrsmüdigkeit

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Ein Patient gähnt im Schlaflabor des Universitätsklinikums Münster. (Archivbild)

Um der Sache auf den Grund zu gehen, initiierten Blume und Vorster vor zwei Jahren eine Online-Befragung. Hierbei machten 418 Personen ein Jahr lang alle sechs Wochen Mitteilungen zu ihrem Schlaf und ihrer Müdigkeit. Obwohl mit 47 Prozent fast die Hälfte der Teilnehmenden angab, selbst unter Frühjahrsmüdigkeit zu leiden, konnten die Einzelbefragungen dies nicht bestätigen: Es fanden sich weder Anzeichen für stärkere Erschöpfung noch für erhöhte Schläfrigkeit am Tag oder eine schlechtere Schlafqualität im Frühling.

Psychotrick statt Biologie: „Wir fanden keinen empirischen Beleg“

«Im Frühling werden die Tage schnell länger», erklärt Blume. «Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss.» In den Daten spielte die Geschwindigkeit der Tageslängenänderung jedoch keine Rolle für die Abgeschlagenheit der Studienteilnehmer. «Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen.»

Aber woher kommt dann der Glaube an die Frühjahrsmüdigkeit? Ein Verdacht: Allein die Bekanntheit dieses Mythos könnte Menschen für diese Wahrnehmung empfänglicher machen – eben weil der Begriff so etabliert ist. Psychologen nennen dies einen Labeling-Effekt: Wein wird von Menschen beispielsweise als besser schmeckend empfunden, wenn man ihnen mitteilt, dass er besonders kostspielig war.

Frühjahrsmüdigkeit

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Eine Frau liegt auf einer mit Krokussen bewachsenen Wiese und gähnt. (Archivbild)

«Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun», führt die Forscherin aus. «Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher "Symptome".» In der Medizin ist dies als Nocebo-Effekt bekannt – die Erfüllung einer negativen Erwartung. Dies ist das Gegenstück zum Placebo-Effekt, bei dem eine positive Erwartung die Wahrnehmung formt.

Eine alternative psychologische Erklärung ist die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Nach der dunklen, kalten Jahreszeit wächst der Wunsch, die steigenden Temperaturen und das schönere Wetter zu nutzen – für Sport, Ausflüge und Treffen. Bleibt der erhoffte Energieschub dann aus, liefert die Frühjahrsmüdigkeit eine passende Erklärung – vor allem, wenn sie vom sozialen Umfeld geteilt wird.

Nur ein deutsches Ding? Im Ausland kennt das keiner

Sollte der Begriff „Frühjahrsmüdigkeit“ der entscheidende Faktor für das Phänomen sein, so dürfte es außerhalb des deutschen Sprachraums kaum existieren. Blume bestätigt dies: «Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die.»

In der englischsprachigen Welt existiert hingegen der Begriff «spring fever». Dieses «Frühlingsfieber» wird allerdings nicht mit Abgeschlagenheit und Erschöpfung assoziiert, sondern im Gegenteil mit einem Zuwachs an Vitalität und Energie. (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

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