Dicke Luft ist Gift für unsere Lunge! EXPRESS-Experte Doc Esser erklärt, warum wir auf eine „ Allergie-Epidemie“ zusteuern – und was sogar Gärtner damit zu tun haben.
Gift für die LungeWir steuern auf Allergie-Epidemie zu - Experte klärt auf

Copyright: picture alliance / Bodo Marks/dpa
Der Mensch atmet pro Minute 14 bis 16 mal. Pro Tag sind das über 20.000 Atemzüge und zwischen 10.000 und 20.000 Liter Luft. Wenn die verschmutzt (oder wie hier auf dem Foto dargestellt voller Pollen) ist, wird's kritisch.

Früher konnte man sich ziemlich gewiss sein: Wenn ich nicht gerade unter Tage arbeite, habe ich als Nichtraucher wenig zu befürchten, dass meine Lunge von äußeren Faktoren ausgeknockt wird. „Doch das ist längst ein Trugschluss“, warnt der Kölner Lungenarzt Heinz-Wilhelm Esser. Der bekannte TV-Mediziner (Doc Esser) und EXPRESS-Kolumnist erklärt, warum dicke Luft Gift für unsere Lunge ist vor allem für Allergiker. Und davon gibt es leider auch immer mehr.
Luftverschmutzung wird viel zu selten ernst genommen, moniert der Mediziner. „Bisher ging man von etwa 4,5 Millionen Menschen jährlich aus, die an den Folgen schlechter Luft sterben. Nach neuesten Untersuchungen muss die Zahl jedoch fast verdoppelt werden. Allein in Europa, belegen diverse Studien, geht man von knapp einer Million Toten aus, deren Lunge Risikofaktoren wie Feinstaub, Klimawandel und Umweltverschmutzung besonders ausgesetzt war.“
Pollen fliegen immer früher - eine Qual für Allergiker
Dass es mit der Luft in der Kölner Bucht schlechter aussehe als auf einem Berggipfel, muss man keinem erklären. Und dass Feinstaub „ein fieser Typ“ sei, sicherlich auch nicht. „Er schleicht sich in die Lunge, bis in die kleinsten Bläschen. Manche von ihnen schaffen es sogar bis in den Blutkreislauf und wandern in andere Organe. Das löst Entzündungen aus“, erklärt Dr. Heinz-Wilhelm Esser.
- Stickstoffdioxid (NO2, zum Beispiel durch Dieselfahrzeuge) sei ebenso schädlich. Es reize die Atemwege, löse Entzündungen aus und verursache akute Verschlechterungen bei bereits bestehenden Lungenerkrankungen wie Asthma bronchiale.
- Bleibt noch Ozon. Bodennahes Ozon und hohe Lufttemperatur (Stichwort: Klimawandel) sind ein schlimmer Mix für die Atemwege, schädigen Schleimhäute, führen zu verringerter Lungenfunktion, Husten und Halskratzen, besonders im Sommer.
Das alles sei besonders schlimm für Allergiker und Asthmatiker, so der Fachmann. Es gebe kaum noch eine Saison im Jahr, die für diese Personengruppe einigermaßen erträglich sei. Die Haselblüte beginnt laut Studien 17 Tage, die Forsythien- und Apfelblüte um elf, die Sommerlinde um 14 Tage früher. Dazu komme, dass Klimawandel und Luftverschmutzung die Pollenproduktion von Bäumen und Gräsern pushen. Er nennt ein Beispiel: „Schadstoffe wie NO2 verändern die chemische Struktur von Birkenpollen, wodurch sie stärker allergieauslösend sind.“
Als wäre das für Schniefnasen nicht genug, werden bei uns auch immer mehr Neophyten (Pflanzen, die sich hier angesiedelt haben) heimisch, denen es früher zu kalt gewesen sei – wie Ambrosia. Sie habe pro Pflanze über eine Million Pollen, so Esser: „Aber sechs bis zehn Pollenkörner pro Kubikmeter Luft reichen aus, um bei sensibilisierten Personen allergische Reaktionen wie Heuschnupfen, Niesen, juckende Augen oder sogar Asthma auszulösen.“
Was den Mediziner besonders ärgert, ist, dass nicht gegengesteuert wird – im Gegenteil. „In Städten werden immer öfter klimaresistente, aber hochallergene Bäume gepflanzt.“ Als Beispiel nennt er die Purpur-Erle. „Gedeiht wunderbar in einem Stadtpark, beginnt jedoch schon im Winter mit der Pollenproduktion. Dabei wären Spitzahorn und Kirschbäume ebenso geeignet, quälen aber unsere Asthmatiker nicht so.“
Fazit des Pneumologen: „Wir steuern auf eine echte Allergie-Epidemie zu. Bis 2050 könnten die Hälfte aller Menschen in Europa an einer allergischen Erkrankung leiden. “ Aber was hat das mit unserer Lunge zu tun? „Wenn Allergien nicht ordentlich behandelt werden, ist irgendwann nicht nur der obere Atmungstrakt, also Nase und Auge, betroffen, sondern auch der untere, nämlich die Lunge. Man spricht von Etagenwechsel und dieser wiederum führt zu Asthma Bronchiale.“
Kostenloser Lungenscan: Was bringt er Rauchern?
- Seit dem 1. April gibt es in Deutschland ein kostenloses Lungenkrebs-Screening für Starkraucher. EXPRESS-Reporterin Andrea Kahlmeier, Leichtraucherin (aber schon seit über 40 Jahren) hats ausprobiert, Doc Esser hat's gecheckt. Alles okay! Aufatmen!
- Er kann dem Screening, trotz der Gefahr der Überdiagnostik, viel Positives abgewinnen: „Es gibt zwar Therapien, die die Lebenszeit bei Lungenkrebs drei bis fünf Jahre erweitern, doch dieser Tumor ist einfach schwer zu behandeln. Deshalb macht es Sinn, das Pöckchen, das für den Krebs verantwortlich ist, so früh wie möglich zu entdecken und wegzuoperieren.“ Wer hat Anspruch auf den kostenlosen Lungenscan? Aktive oder ehemalige starke Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren.
In seinem Buch „Einfach atemberaubend“ gibt Esser Tipps, welche Superfoods die Lunge schützen (Äpfel, Tomaten, fettreiche Fische, grünes Blattgemüse, Nüsse, Vollkornprodukte). Er rät Müttern, möglichst zu stillen. „Wenn das Immunsystem in den ersten Lebensmonaten gut trainiert wird, lernt es eher, Stoffe wie Pollen oder Tierhaare als das zu erkennen, was sie sind: harmlos.“ Doch vor allem sei die Politik gefragt. Studien aus der Schweiz, den USA und Dänemark zeigen: „Wenn die Luft sauberer wird, rettet das nicht nur Menschenleben, sondern spart auch Millionen im Gesundheitssystem.“
Aktion „Rauchfrei im Mai“ startet
Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland: Jedes Jahr sterben etwa 130.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Wer aufhört, senkt sein Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronische Atemwegserkrankungen deutlich. Gerd Nettekoven, Vorstand der Deutschen Krebshilfe: „Etwa 20 Prozent aller Krebserkrankungen in Deutschland gehen auf das Rauchen zurück.“
„Hoch die Hände, Kippenende!“ So lautet das Motto des bundesweiten Mitmachmonats „Rauchfrei im Mai“. Ziel: Im Mai 31 Tage rauchfrei bleiben – und so den Grundstein für ein rauchfreies Leben legen. Wer sich anmeldet, erhält motivierende Nachrichten und praktische Tipps. Alles kostenlos! Unter allen erfolgreichen Teilnehmenden werden Geldpreise von bis zu 1000 Euro verlost. Anmelden kann man sich bis zum 30. April hier.
Prof. Dr. Hendrik Streeck, Bundesdrogenbeauftragter: „Schon wenige Wochen ohne Zigaretten machen einen Unterschied.“ Positive Effekte zeigen sich schneller, als viele denken: Geschmacks- und Geruchssinn verbessern sich schon nach wenigen Tagen. Schon nach wenigen Wochen verbessert sich die Lungenfunktion, Hustenanfälle und Kurzatmigkeit gehen zurück, das Hautbild wirkt reiner und frischer, die Anfälligkeit für Infekte ist geringer. Nach einem Jahr sinkt das Risiko für Herzkrankheiten erheblich. Telefonische Beratung zur Rauchentwöhnung gibt es übrigens auch unter Tel.: 08008- 31 31 31 (montags bis donnerstags, 10 bis 22 Uhr; freitags bis sonntags,10 bis 18 Uhr).

