Sie feierte beispiellose Triumphe als Schwimmerin, dann wurde sie auch als Sportjournalistin erfolgreich - aller Gerüchte und Beschuldigungen zum Trotz. Nun wird Kristin Otto 60 Jahre alt.
Zwei Leben im SchattenKristin Otto feiert 60. Geburtstag

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Kristin Otto ist eine der erfolgreichsten deutschen Olympioniken aller Zeiten. Nun feiert die Journalistin ihren 60. Geburtstag. (Bild: ZDF / Jana Kay )

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Kristin Otto gewann 1988 bei den Olympischen Sommerspielen in Seoul sechs Goldmedaillen. (Bild: 2023 Getty Images/Mike Powell)
Es gibt Menschen, die schaffen es, mehrere Leben in eines zu packen. Kristin Otto ist einer davon. Ihr erstes Leben führte sie als Hochleistungsschwimmerin, als die sie größte Erfolge eingefahren hatte. Das zweite schloss sich dem ersten unmittelbar an. Nach der Sportkarriere wurde Otto Sportjournalistin, und auch hier brachte sie es weit. Doch über beide Leben liegt seit jeher ein Schatten, der sie bis heute verfolgt und selbst ihren 60. Geburtstag am 7. Februar trüben dürfte.

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Olympische Sommerspiele 1988 in Seoul: Kristin Otto (zweite von links) springt mit ihren Konkurrentinnen im Finale von 100 m Freistil ins Schwimmbecken. Wenige Sekunden später wird die Leipzigerin Olympiasiegerin. (Bild: Tony Duffy)
Im Schwimmsport erreichte Otto alles, was sich ein Schwimmer, eine Schwimmerin zum Ziel setzen kann. Ihren Status als erfolgreichsten deutsche Schwimmsportlerin aller Zeiten schnürte sie 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul fest. Sechs Goldmedaillen gewann die damals 22-Jährige für die DDR, unter anderem in den Disziplinen 50 und 100 Meter Freistil. Zweimal Gold holte sie mit dem Team. Das ist nahe am Rekord im Schwimmen, nur der Amerikaner Mark Spitz konnte bei einer Olympia-Ausgabe mehr Goldmedaillen gewinnen, nämlich sieben in München 1972. Die Marke hätte Otto sechzehn Jahre später auch schaffen können, doch die 200 Meter Lagen hatte sie damals ausgelassen. „Ich will kein weiblicher Mark Spitz werden“, soll sie gesagt haben.
Ein solcher Triumph, und dazu kommen nicht gerade nebensächliche Erfolge wie sieben WM- und neun EM-Titel, setzt neben Talent viel Ehrgeiz, Fleiß und Akribie voraus. Dass Otto über diese Eigenschaften als Profisportlerin verfügte, davon zeugt auch eine Episode aus Seoul, wo die Schwimmmannschaften mit einer ungewöhnlichen Wettkampf-Zeit Vorlieb nehmen mussten. Der Startschuss für Ottos erste Goldmedaille - im 100 Meter Freistil - ertönte am 19. September um 12 Uhr Mittag. Für die baldige Olympiasiegerin und ihr Team kein Problem, sie hatten sich lange vor Beginn der Spiele darauf eingestellt. „Wir haben unser Training so eingerichtet“, sagte Otto laut der „Welt“, „dass wir auch mittags schnell schwimmen können.“
Vom Schwimmbecken ins TV-Studio

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Kristin Otto und ihre Tochter Kaya Otto Britze. Die Aufnahme zeigt sie bei der Sportgala „Ball des Sports“ im Jahr 2017. (Bild: 2017 Getty Images/Andreas Rentz)
Oder hatte Otto, die gebürtige Leipzigerin, ihre großen Schwimmerfolge der Tatsache zu verdanken, dass sie in der DDR trainierte und im Namen der DDR an großen Wettkämpfen angetreten war? In einem Land und für ein Land, das für seinen systematischen, von oben herab diktierten Arzneimittelmissbrauch zu Doping-Zwecken berüchtigt wurde? Das ist der hartnäckige Schatten über Ottos Leben. Dass sie Teil dieses Systems war, sei es, indem sie wissentlich oder unwissentlich gedopt hatte, diese Vorwürfe tauchten schon 1989 auf. Doch so vehement die Beschuldigungen seither immer wieder und am zuverlässigsten vor internationalen Sportereignissen geäußert werden, so beharrlich weist Otto sie zurück. „Ich bleibe dabei“, sagte sie im „Aktuellen Sportstudio“, „nie etwas Verbotenes genommen zu haben, was meine negativ ausgefallenen Dopingkontrollen belegen.“
Auch deswegen durfte Otto ihr zweites Leben beginnen. Dass sie Journalistin werden wollte, stand für sie fest, lange bevor sie 1989 nach den Europameisterschaften in Bonn ihre Schwimmkarriere beendete. Nach dem Abitur im Juni 1988 begann sie ein Volontariat beim Sender Leipzig. Sie studierte, ebenfalls in ihrer Heimatstadt, Sportjournalismus, bekam 1990 eine Anstellung als Sportredaktion im Sachsenradio Leipzig und ging schließlich zum ersten Mal mit jenem Arbeitgeber auf Tuchfühlung, der sie bis heute beschäftigt: Beim ZDF begann Otto 1991 als Co-Kommentatorin von Schwimmwettbewerben, bevor sie feste Redakteurin in der ZDF-Hauptredaktion „Sport“ wurde. Seit 1995 moderiert sie den Sportteil in Sendungen wie „heute“ und „Mittagsmagazin“, seit 2023 ist sie zudem Leiterin der „sportstudio reportage“.
Auskünfte über ihre journalistische Arbeit gibt Otto so selten, wie sie in der Öffentlichkeit über ihr Privatleben spricht. Aus nachvollziehbaren Gründen, der Elefant im Raum ließe sich nicht übersehen. Liiert ist Otto seit vielen Jahren mit Nils Britze, seines Zeichens Marketingexperte, wie es Berichten zufolge heißt. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Kaya Otto Britze, das sei nebenbei gesagt, ist heute alt wie ihre Mama damals, als sie ihren größten sportlichen Triumph erzielte - und bevor sie, im Schatten des Zweifels, ihr zweites Leben begann. (tsch)

