Vegane Ernährung sei „die intelligenteste Entscheidung“, die aktuelle Streitkultur eigentlich eine „Beleidigungskultur“ und er selbst „ein sehr guter Wingman“: Tim Mälzer nimmt selten ein Blatt vor den Mund - auch nicht im Interview, das der Starkoch nun anlässlich der neuen Staffel „Kitchen Impossible“ gab.
Tim Mälzer„Ich denke nach. Wer hätte gedacht, dass ich das mal sage?“

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Tim Mälzer ist in der elften Staffel „Kitchen Impossible“ nicht der einzige Gastgeber. (Bild: RTL / Henning Kretschmer)
Es werde „persönlicher als je zuvor“, heißt es in der Ankündigung, die VOX vor dem Start der nunmehr elften „Kitchen Impossible“-Staffel (wöchentlich ab Sonntag, 12. April, 20.15 Uhr) veröffentlichte. Das mag nicht zuletzt den Ansprüchen des Stars der Sendung geschuldet sein: „Solange ich mit Menschen zu tun habe, liebe ich dieses Format“, betont Tim Mälzer selbst im Interview.
An einer reinen Wettbewerbsshow habe er „eigentlich kein Interesse“. Dennoch dürfte es überraschen, wenn Mälzer in seinen diesmal nur drei Kochduellen nicht wieder vollen Ehrgeiz zeigt. Die softe Seite des TV-Kochs war indessen zu sehen, als Mälzer unlängst auf die Erfolge des Inklusionsprojekts „Herbstresidenz“ zurückblickte. Und auch weiteren TV-Projekten scheint der 55-Jährige nicht abgeneigt zu sein ...
teleschau: In der neuen Staffel von „Kitchen Impossible“ springt Roland Trettl in mehreren Folgen für Sie ein. Werden Sie sich revanchieren - und in Kürze auch als „First Dates“-Gastgeber zu sehen sein?
Tim Mälzer: Das ist eine tolle Idee, vielen Dank! Wenn ich einen Fernsehpreis dafür bekomme, werde ich Sie in meiner Dankesrede erwähnen (lacht). Vielleicht mache ich „First Dates Malediven“, das wäre auch noch mal ganz anderes Bildmaterial. Im Ernst: Ich bin ein sehr guter Wingman im echten Leben. Ich glaube aber, ich würde mich nicht so neutral verhalten. Manchmal sitzen da auch spezielle Typen ...
teleschau: Apropos Fernsehpreis: „Kitchen Impossible“ wurde in der Vergangenheit bereits vielfach ausgezeichnet. Haben Sie den Anspruch, von Staffel zu Staffel noch einen draufzusetzen?
Mälzer: Es geht nicht so sehr ums Draufsetzen. Es geht eigentlich darum, echt zu sein. Wir machen aber immer noch Fernsehen, deshalb ist „echt“ ein schwieriges Wort. Insbesondere die Emotionalität ist aber schon sehr echt. Es geht nicht darum, etwas zu steigern, es geht um Facetten. Und ums Kennenlernen.
teleschau: Ums Kennenlernen?
Mälzer: Wir hatten ja eben das Thema: Ich habe bei „Kitchen Impossible“ wahnsinnig viele First Dates. Und wenn mein Gegenüber sich emotional öffnet, lasse ich auch die Hosen runter.
„Man wird von mir nie etwas Negatives über Kollegen hören“

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„Man wird von mir nie etwas Negatives über Kollegen hören“, stellt Tim Mälzer im Interview klar. (Bild: 2018 Getty Images/Christian Augustin)
teleschau: Gibt es Köchinnen oder Köche, gegen die Sie nicht mehr antreten würden?
Mälzer Ja. Aber ich möchte mich nicht mit anderen Menschen so negativ auseinandersetzen. Auch wenn der Schlagabtausch auf Augenhöhe passiert. In diesem Fall ist immer Tim Raue mein Lieblingsbeispiel: Wir sind so eng miteinander, dass wir uns im Wettbewerb mit der notwendigen Härte begegnen können, ohne herablassend zu werden. Solange ich nach oben trete, ist alles in Ordnung. Wenn ich anfange, nach unten zu treten, muss ich aufhören. Das tut die Gesellschaft schon genug. Man wird von mir nie etwas Negatives über Kollegen hören, selbst wenn ich das so empfinde.
teleschau: Sie stehen seit mehr als zehn Jahren für „Kitchen Impossible“ vor der Kamera. Kommt da auch mal Langeweile auf?
Mälzer: Nein. Wir haben natürlich darüber diskutiert, ob ich überhaupt noch eine Staffel mache, weil die letzte so emotional war. Ich möchte nicht zum Klischee von mir selbst werden. Ich habe deshalb darum gebeten, mit Menschen zusammengepackt zu werden. Solange ich mit Menschen zu tun habe, liebe ich dieses Format. Wenn es nur ums Kochen geht und um die Herausforderung, ist es eine Wettbewerbsshow - und daran habe ich eigentlich kein Interesse.
teleschau: Wie häufig denken Sie an Ihr Karriereende?
Mälzer: Ich bin 55 Jahre alt. Ich mache seit 20 Jahren Fernsehen. Wenn ich nicht das Rückgrat hätte, mich auch irgendwann mit meinem Ende zu beschäftigen, würde ich einen Riesenfehler machen. Natürlich muss ich mich damit auseinandersetzen.
teleschau: Vor einigen Wochen hatten Sie erklärt, „Kitchen Impossible“ beenden zu wollen, falls die Sendungsqualität Einsparungen zum Opfer fallen sollte.
Mälzer: Es gibt Einsparungsmaßnahmen, die sinnvoll sind. Ich bin auch Unternehmer. Wenn ich in der Gastronomie anfange, schlechtere Produkte einzukaufen, wäre das falsch. Also muss ich andere Wege finden, mich wirtschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Sollte ich irgendwann nicht mehr in der Lage sein, das Produkt anzubieten, von dem ich hundertprozentig überzeugt bin, müsste ich die Bullerei wohl einstellen.

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Tim Mälzer wurde bereits mehrfach mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. (Bild: 2025 Getty Images/Joshua Sammer)
teleschau: Wie realistisch ist dieses Szenario?
Mälzer: Davon bin ich glücklicherweise weit entfernt. Ähnlich ist es im Medialen. Aber ich drohe nicht, ich fordere nicht, das sind laute Gedanken. Ich denke nach. Wer hätte gedacht, dass ich das mal sage? (lacht)
„Ich halte vegane und vegetarische Ernährung für die intelligenteste Entscheidung“
teleschau: Sie haben sich im vergangenen Jahr eine mehrmonatige Auszeit genommen. Wie kam es dazu?
Mälzer: Grundsätzlich fahre ich schon seit vielen Jahren ein sehr hohes Tempo. Ich wollte einfach mal kurz nach den Werten meines Lebens gucken: Was bedeutet mir wirklich etwas, wo laufe ich nur mit? Diesen Prozess durchläuft man nicht an einem langen Wochenende auf Sylt. Das reicht nicht, um Antworten aufs Leben zu finden.
teleschau: Vor 20 Jahren nahmen Sie sich ebenfalls eine Pause - weil Sie an Burnout litten.
Mälzer: Aus dieser Phase habe ich sehr viel mitgenommen. Und dazu gehört, sich auch mal eine Auszeit zu nehmen. Ich bin weit entfernt von Burnout oder davon, ein Sabbatical in Neuseeland zu machen, um Schafe zu scheren. Ich finde aber, man muss nicht immer warten, bis es so weit ist. Ein halbes Jahr klingt so gigantisch viel. In Relation zu der Intensität, mit der ich mein leidenschaftliches Leben führe, ist das jedoch noch nicht mal ein langes Wochenende.
teleschau: Sie nutzten die kamerafreie Zeit auch, um sich mit ihrem Verhältnis zu „Wokeness“ auseinanderzusetzen. Auch in puncto Ernährung?
Mälzer: Ich halte vegane und vegetarische Ernährung für die intelligenteste Entscheidung, die man heute im Allgemeinen treffen kann. Allein: Der Mensch ist der Mensch, und Veränderungen sind schwer. Wer diesen Prozess missachtet und immer nur fordert, steht sich und seinen Forderungen im Weg und wird keine Veränderung schaffen. Mich stört dieses Moralinsaure. So machen wir eher einen großen Schritt zurück, wenn jeder, der sich eine Verfehlung leistet, automatisch ein Sünder ist. So hart müssen wir ja nicht sein.

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Zuletzt blickten André Dietz und Tim Mälzer nach einem Jahr auf das Projekt „Herbstresidenz“ zurück. (Bild: RTL)
teleschau: Denken Sie, es handelt sich hierbei um einen Generationenkonflikt?
Mälzer: Mit Sicherheit. Jeder Generationswechsel bringt seine Herausforderungen mit sich. Ich bin das erste Mal die ältere Generation. Ich finde die Wut der Jüngeren gut, die man allgegenwärtig mitbekommt. Ich denke nur manchmal, die Kommunikation und der Anstand miteinander, die könnten mal wieder ein bisschen Form annehmen.
teleschau: Wie geht es Ihnen damit, Teil der „älteren Generation“ zu sein?
Mälzer: Ganz gut. Für die Älteren ist Veränderung immer schwieriger als für die Generation, die noch keine Erfahrungswerte hat und zu Recht so ist, wie sie ist. Die Jugend darf rabiater sein und sie muss über das Ziel hinausschießen. Alles andere wäre angepasst. Die Alten haben hingegen das Recht, ein bisschen in ihren Strukturen zu bleiben - aber sie haben nicht das Recht, starrsinnig zu sein. Während ich Ihnen jetzt antworte, weiß ich ganz genau, welche Reaktionen das verursachen wird ...
teleschau: Und zwar?
Mälzer: Ich kenne die Reaktionen von der Rechten, von der Linken, von der hinteren, von der vorderen Seite. Ich fühle mich dennoch wohl damit zu sagen: Ich denke über Prozesse nach, aber ich habe an der ein oder anderen Stelle noch keine Entscheidung getroffen. Was ich manchmal eigenartig finde an der heutigen Gesellschaft, ist dieser Anspruch des Rechthabens für sich selbst.
teleschau: Sie hadern mit der Streitkultur?
Mälzer: Total! Die Streitkultur ist aktuell eigentlich nur eine Beleidigungskultur. Dabei ist Streiten etwas sehr Schönes. Dafür muss man allerdings den Raum für Argumente lassen. Und: Meine Lebenserfahrung zeigt mir, dass Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Dinge brauchen ihre Zeit.
„Ehrenamt kann auch sein, einfach mal den Müll von der Straße aufzuheben“

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In der elften Staffel von „Kitchen Impossible“ duelliert sich Tim Mälzer unter anderem mit Alexander Herrmann. (Bild: RTL / Henning Kretschmer)
teleschau: Letzteres gilt auch für die „Herbstresidenz“. Wie war es für Sie, ein Jahr später zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt hat?
Mälzer: Mit einzelnen Azubis war ich ohnehin weiterhin im Austausch. In das Altersheim hingegen hatte ich keinen weiteren Kontakt, weil mir die emotionale Bindung ein bisschen über den Kopf gewachsen ist. Im Gegensatz zum Regisseur und der Produktion: Sie waren noch lange Zeit nach unseren Dreharbeiten nah am Geschehen. Ich wäre in meinem Alltag ganz einfach nicht so in der Lage gewesen, dem nachzugehen. Den Zuschauern wollten wir nun aber zeigen: Labern wir nur? Oder haben wir auch eine Nachhaltigkeit geschaffen? Letzteres kann ich sehr deutlich mit Ja beantworten.
teleschau: Welchen Einfluss hatte das Format auf Sie selbst?
Mälzer: Ich habe die Stärke der Gemeinschaft mehr verstanden. Ich meine das Kleine: einfach mal beim Nachbarn klingeln, etwas vom Einkaufen mitbringen. Das Ehrenamt muss nicht vereinsmäßig koordiniert sein. Ehrenamt kann auch sein, einfach mal den Müll von der Straße aufzuheben.
teleschau: Gelingen Ihnen diese kleinen Gesten im Alltag?
Mälzer: Absolut. Ein konkretes Beispiel aus der Vergangenheit: Wir hatten eine Bewohnerin im Haus, die bettlägerig geworden ist. Die haben wir als Hausgemeinschaft so umsorgt, dass wir für sehr lange Zeit den Einzug in ein Pflegeheim verhindern konnten. Ich habe damals nur gekocht und eingekauft, für mehr reichte meine Kompetenz damals noch nicht (grinst). Gemeinsam ist es uns aber gelungen, immer die sozialen Kontakte für sie aufrechtzuerhalten. Da haben wir nur für diese eine Person etwas verändert - und das reicht auch schon.
teleschau: Wie stolz sind Sie auf das, was Sie mit „Herbstresidenz“ erreicht haben?
Mälzer: Ich bin sehr stolz darauf, dass wir vor allem nichts faken mussten. Mir war wichtig, dass das nie so ein Prominenten-Ding wird: Prominente tun was Gutes, feiern sich dafür, gehen wieder weg und tut so, als sei es simpel.
teleschau: Wie wären Sie damit umgegangen, wenn das Projekt gescheitert wäre?
Mälzer: Mir war wichtig, dass wir das Rückgrat haben, auch zu erzählen, wenn wir es nicht schaffen. Mit dem, was wir erzählen wollten, kann man es kaum besser machen. Die Frage war: Können wir es als Gesellschaft schaffen, einer relevanten Gruppe eine würdevolle Restlebenszeit zu bereiten, wenn wir zusammenrücken? Ohne den ständigen Schrei nach der Politik, der Tätigkeit anderer oder mehr Geld? Ausblenden sollten wir es ohnehin nicht. Denn dass wir uns nicht damit beschäftigen, bedeutet nicht, dass es nicht auf uns zukommt.
teleschau: Wie sehr trieb Sie das Thema Pflegeheim auch nach Ende der Dreharbeiten um?
Mälzer: Sehr. Ich glaube nicht, dass ich noch mal in den Kindergarten muss. Aber die Welt, die ich dort betreten habe - das ist eine Welt, die mir auch bevorstehen kann. Die Option sollte man nicht aus dem Blick verlieren. Jetzt kann ich noch mitgestalten, und das tue ich gern. (tsch)
