Paul Ronzheimer will in seiner neuen SAT.1-Doku dem deutschen „Bürokratie-Wahnsinn“ auf den Grund gehen. Gerhard Zawatzki erfuhr diesen als Überlebender des Terroranschlags am Breitscheidplatz am eigenen Leib. Sein Therapeut mahnt gar: „Bürokratie kann Menschen umbringen.“
Ronzheimer trifft Terror-Überlebenden - dem kommen wegen „Wahnsinn der Bürokratie“ die Tränen

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Paul Ronzheimer (links) trifft den Terror-Überlebenden Gerhard Zawatzki am Berliner Breitscheidplatz. (Bild: Joyn)
Am 19. Dezember 2016 kamen zwölf Menschen beim Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz ums Leben. Auch Gerhard Zawatzki war vor Ort, als der Täter Anis Amri mit einem Lastwagen über den dortigen Weihnachtsmarkt fuhr. Er sei damals mit Freunden verabredet gewesen, erinnert sich der Überlebende im Gespräch mit Paul Ronzheimer.
Auf den ersten Blick scheint nicht klar, wie Zawatzkis Geschichte in die jüngste Ausgabe von Ronzheimers SAT.1-Dokureihe „Wie geht's, Deutschland?“ passen soll. Schließlich beschäftigt sich diese mit dem hiesigen „Bürokratie-Wahnsinn“ - wo, mag sich manch einer zunächst fragen, besteht hier der Zusammenhang mit einem terroristischen Attentat?
Eine Antwort darauf gibt Zawatzki selbst. Als Ersthelfer kümmerte er sich um Verletzte; noch heute kommen ihm beim Gedanken an den Abend die Tränen. „Es gibt keinen anderen Gedanken mehr. Du kannst dich an nichts anderes mehr erinnern als an diese Szenen“, erzählt er. In den darauffolgenden Tagen und Wochen hatte er mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen.
Die „schnelle und unbürokratische Hilfe“, die den Überlebenden und Angehörigen damals vom Staat zugesichert worden sei, habe er jedoch nie bekommen: „Es ging hin und her. Man hat mir gesagt: Du bist ja nicht verletzt worden, du bist offensichtlich noch am Leben und auch kein Hinterbliebener. Das ist sozusagen mein Privatvergnügen.“
„Bürokratie kann Menschen umbringen“
„Unfassbar“, schüttelt Ronzheimer den Kopf. Zunächst habe sich Zawatzki krankgemeldet, auch die Therapiekosten seien in den ersten Monaten übernommen worden. Nach kurzer Zeit sei damit jedoch Schluss gewesen: „Dann hat die Krankenkasse gesagt: Jetzt sind unsere Leistungen vorbei, jetzt bist du arbeitsunfähig. Normalerweise sollte dann eben auch der Staat unterstützen und helfen. Ich habe ewig nach Hilfe gesucht - und wurde immer abgeschmettert.“
Er sei „komplett im Stich gelassen“ worden, sagt er heute. Er glaubt: „Der Wahnsinn der Bürokratie ist tatsächlich, dass die Bürokratie existiert, um den Menschen nicht zu helfen.“ So sei ihm ein „Fragebogen über 20 Seiten etwa“ geschickt worden. Die Fragen hätten sich unter anderem auf das Nummernschild des Tatfahrzeugs und die Postanschrift des Weihnachtsmarktes bezogen. „Du brauchst Hilfe und sollst Informationen zusammensammeln, die völlig abwegig sind“, ärgert sich Zawatzki. „Das ist, wie wenn Sie einem Querschnittsgelähmten sagen, mach mal einen Dauerlauf und dann reden wir weiter.“
Auch mit Zawatzkis Psychotherapeut Rainer Rothe spricht Paul Ronzheimer. Der Psychologe zeigt sich ähnlich verärgert über die Steine, die traumatisierten und psychisch erkrankten Menschen in den Weg gelegt würden. „Das Leid und der Schmerz und die Symptomatik werden von den Ämtern nicht anerkannt. Diese Nichtanerkennung ist im Grunde für viele die zweite Wunde“, erklärt er.
„Das heißt: Manche sagen, der Terroranschlag war schlimm, das hat mich zutriefst getroffen. Aber das, was danach kam, ist zum Teil noch schlimmer.“ Viele Betroffene seien „als Simulanten“ dargestellt worden. „Das zerstört Menschen“, mahnt Rothe. „Bürokratie ist richtig strukturelle Gewalt. Bürokratie kann Menschen umbringen.“ (tsch)

