Sport und Skincare vs. Spritze und Skalpell: Die zweiteilige ZDFinfo-Dokumentation „Make Me Beautiful“ zeigt die Bandbreite der Selbstoptimierung - von softer Pflegeroutine bis zu radikalem Raubbau am eigenen Körper.
„Raubbau am eigenen Körper“Wie weit junge Menschen für ihr Aussehen gehen

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Reality-TV Star Melody lässt sich Botox spritzen. (Bild: ZDF und Matthias Knebl)

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Bodybuilder Maik lässt sich für seinen Traumkörper coachen. (Bild: ZDF und Harald Schmuck)
Einst reichten ein wenig Sport und acht Stunden Schönheitsschlaf, um frisch auszusehen. Heute gelten offenbar längst andere Maßstäbe. Da wird das Gesicht mit Nervengift glattgezogen oder gleich die Schönheitschirurgie konsultiert. Nicht nur die vermeintlichen Vorbilder in den sozialen Medien oder Hochglanz-Magazinen, sondern auch glamouröse Stars und sogar Protagonisten in Erotikfilmen sorgen dafür, dass sich immer mehr Menschen wünschen, besser auszusehen. Die ZDFinfo-Dokumentation „Make Me Beautiful“ schaut genauer auf diese Entwicklung und begleitet in zwei Teilen Frauen, die „Perfekt um jeden Preis“ und Männer, die „Maximal männlich“ sein wollen.

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Alex wünscht sich dünnere und definierte Arme. (Bild: ZDF und Matthias Knebl)
Kim Kardashians ausladendes Hinterteil oder Arnold Schwarzeneggers Muckis zu seinen besten Bodybuilder-Zeiten sind längst mehr als Promi-Exzesse. Sie setzen Maßstäbe. Wie im Film, der eng einigen Protagonisten folgt, berichtet wird, ließ sich Reality-TV-Sternchen Melody vom Kardashian-Po zu einem lebensgefährlichen Brazilian Butt Lift inspirieren. Und Bodybuilder Mike will seinen Körper ebenso wie einst „Arnie“ zum Titel „Mr. Olympia“ pushen. Den Drang, vermeintlichen Schönheitsidealen nachzueifern, verspüren immer mehr Menschen.
Mehr ist mehr!

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Maik nimmt für seinen Erfolg als Bodybuilder einiges in Kauf. Er wisse, dass er „Raubbau am eigenen Körper“ betreibe. (Bild: ZDF und Harald Schmuck)
64 Prozent der Frauen in Deutschland geben laut ZDF-Doku an, sich beim Kauf von Kosmetikprodukten stark von den sozialen Medien beeinflussen zu lassen. Dabei werden die Konsumentinnen und Influencer immer jünger: Isi ist 15 und steht bereits seit sieben Jahren als „Kidfluencerin“ vor der Kamera. Kernkompetenz: Skincare. Ihre Schönheitsroutinen teilt sie mit über 650.000 Followern. Doch trotz eines Dutzends Tuben und Tiegeln stören Hautunreinheiten das Spiegelbild der Teenagerin. Ein Besuch beim Dermatologen zeigt Isi, dass „weniger mehr“ wäre in Sachen Gesichtspflege.

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Alex wird sich auf eine mehrstündige Operation einlassen. (Bild: ZDF und Matthias Knebl)
Der Trend in der Beautybrache, so wird es im Beitrag überdeutlich, geht allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Mehr ist mehr! Den eigenen Look maximal zu optimieren, ist das erklärte Ziel der sogenannten „Looksmaxxing“-Community, heißt es in der Doku.
Der 16-jährige Soufian berichtet von Bewertungssystemen des äußeren Erscheinungsbildes. Die unterste - also unattraktivste - Stufe heißt „subhuman“. Um dieser unterirdischen Kategorie zu entgehen und zum „Chad“ (Inbegriff des perfekten Alphamännchens) aufzusteigen, werde sowohl auf „Softmaxxing“ (sanftere Pflegemethoden wie Gesichtscrèmes oder Sport) sowie „Hardmaxxing“ gesetzt. Zu den „harten“ Schönheitsritualen gehören zum Beispiel das Klopfen mit einem Hammer auf die Wangenknochen oder der Einsatz von Implantaten, um die Kieferpartie kantiger zu machen.
„Ich konnte mit dem Skalpell mein psychisches Problem lösen“

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Fitness-Influencerin Paula muss sich für ihre Kooperationspartner perfekt in Form zeigen. (Bild: ZDF und Matthias Knebl)

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Auch immer mehr Männer probieren sich an der Selbstoptimierung. (Bild: ZDF und Harald Schmuck)
Immer mehr Männer haben Interesse an dieser Art von Selbstoptimierung. So liegt ihr Anteil in der ästhetischen Chirurgie in Deutschland mittlerweile bei etwa 15 Prozent, heißt es im Film. 85 Prozent aller Eingriffe werden demnach hierzulande an Frauen durchgeführt. Lidstraffung und Fettabsaugung sind Standardprozeduren in den OP-Sälen, die von beiden Geschlechtern gewünscht werden. Doch vermehrt kommt es den Männern auch auf die Größe an: Sie möchten nicht nur mehr Zentimeter in der Unterhose, sondern auch bei der Gesamtkörperlänge. Penis- und Beinverlängerungen sind riskant und schmerzhaft, aber medizinisch machbar, sodass bei manchen Herren der Wunsch nach längeren Gliedmaßen stärker ist, als die Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen. Eine Operationen unterhalb der Gürtellinie sowie weitere Eingriffe hat Leon bereits hinter sich. Dadurch wuchsen laut eigener Aussage nicht nur die Körperteile, sondern auch sein Selbstbewusstsein: „Ich konnte mit dem Skalpell mein psychisches Problem lösen.“
Viele Menschen, die Schönheitsoperationen vornehmen lassen, gehen selbstreflektiert mit ihrem Optimierungsdrang um: „Das hat natürlich immer etwas mit Selbstbewusstsein zu tun und mit Unsicherheit“, erklärt ein anonymer Teilnehmer der ZDFinfo-Dokumentation, der seinen Intimbereich „korrigieren“ ließ, wie es im Film genannt wird. Und mit fehlender Selbstliebe. Er räumt ebenso wie Melody, die eine Brust- und Po-Vergrößerung sowie eine Schamlippenverkleinerung durchführen ließ, ein: Neben Social Media hätten vor allem Erotik-Inhalte ihr „Selbstbild verzerrt“, sagen sie. Sie wüssten zwar, dass die Darsteller der einschlägigen Filme nicht der Norm entsprechen, wollten aber dennoch ihr eigenes Aussehen der „Realität“ der Erwachsenenfilme anpassen.
„Raubbau am eigenen Körper“
Auch Bodybuilder Mike ist sich bewusst, dass er „Raubbau am eigenen Körper“ betreibt. Alexandra und ihre Freundinnen „kennen niemanden im Freundeskreis, der nicht Botox benutzt“, und Sport-Influencerin Paula hat Angst, dass ihre Kooperationspartner abspringen, wenn sie sich bei Instagram nicht perfekt in Form zeigt. Keine Frage, da ist bei vielen jungen Leuten ganz schön viel Druck im Kessel.
Die Protagonisten dieser Dokumentation sind sich einig: Wer als attraktiv gelte, habe mehr Erfolg im Beruf und in der Liebe. Erweiterte medizinische Methoden und neue Beauty-Produkte machen die angestrebte „Perfektion“ möglich. „Make Me Beautiful“ (ab Freitag, 13. Februar, im ZDF-Stream; am Freitag, 27. Februar, 20.15 Uhr, bei ZDFinfo) begleitet junge Menschen ohne erhobenen Zeigefinger und zeigt, wie die Digitalisierung den ständigen Vergleichsdruck fördert. (tsch)

