Bei „Markus Lanz“ analysierte Journalist Martin Debes das Umfragehoch der AfD. Nicht ein einzelnes Thema sei entscheidend, sondern eine Mischung aus Veränderungsdruck, Überforderung und Ängsten in der Gesellschaft. Genau dort setze die Partei an.
„Migration nicht das entscheidende Thema“Journalist offenbart bei Lanz Gründe für Erstarken der AfD

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Migration sei für den Aufstieg der AfD nicht das „entscheidende Theme“ gewesen, urteilte Journalist Martin Debes bei „Markus Lanz“. (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)
Im September wird in Sachsen‑Anhalt ein neuer Landtag gewählt. In aktuellen Umfragen kommt die AfD dort auf 42 Prozent. Der Aufschwung der Partei ist jedoch längst kein rein ostdeutsches Phänomen mehr: Auch bundesweit wird intensiv darüber diskutiert, ob die politische Brandmauer noch funktioniert oder bereits als gescheitert gelten muss.
Bei „Markus Lanz“ ging es am Donnerstagabend um die Ursachen für das Erstarken der AfD - und um die Frage, was Ost und West fast vier Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung trennt. Zunächst wollte Lanz von der DDR‑Bürgerrechtlerin Marianne Birthler wissen, wie sie auf das Land heute schaut. Birthler antwortete überraschend optimistisch: „Bei mir überwiegen die positiven Empfindungen und eigentlich wundere ich mich immer, dass es bei anderen nicht genauso ist.“
Für sie stehe vor allem das Erreichte im Vordergrund: „Ich lebe als freier Mensch in einem freien Land. (...) Wir können einfach sagen, was wir wollen.“ Trotzdem sah Birthler einen beunruhigenden Trend: „Unzufriedenheit scheint irgendwie 'In' zu sein in Deutschland - und in Ostdeutschland ganz besonders.“ Lanz hakte nach: „Woher kommt der Frust?“ Birthler erklärte, Unzufriedenheit habe „verschiedene Quellen“, doch ein Gefühl sei besonders prägend: „Kränkung ist, glaube ich, ein ganz wesentliches Motiv“. Viele Menschen im Osten hätten den Eindruck, übersehen zu werden. Sie formulierte es sehr direkt: Man fühle sich „nicht wahrgenommen“. „Das war ein Gefühl in der DDR. Das war ein Gefühl, als wir im Westen ankamen“, so Birthler.
Martin Debes: Ostdeutsche fühlen sich „nicht repräsentiert“

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DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler kann den Trend zur Unzufriedenheit in Deutschland nicht nachvollziehen. (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)
Historikerin Katja Hoyer ergänzte, dass neben Emotionen auch harte Faktoren eine Rolle spielten: „Es gibt doch auch ganz rationale, wirtschaftliche Probleme, die einfach da sind“, etwa Unterschiede bei Besitz und Lohn. Daraus entstehe bei vielen eine existenzielle Unsicherheit, eine „Grundangst, dass man auf ganz, ganz dünnem Eis einfach wirtschaftlich steht“.
Journalist Martin Debes lenkte den Blick zusätzlich auf Macht- und Repräsentationsfragen. In Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien säßen „an den entscheidenden Stellen natürlich zu 90 bis 95 Prozent Westdeutsche“. Für viele im Osten bedeute das, dass sie „sich nicht repräsentiert, nicht abgebildet, nicht gehört“ fühlen, so Debes.
Anschließend ging es um die Rolle des Jahres 2015 für den Aufstieg der AfD. Lanz blickte dabei besonders auf „das große Thema Migration“. Debes ordnete Migration als Beschleuniger ein: „Ich würde ein Wort dazu sagen: Katalysator. Es hat die Entwicklung nicht komplett verändert, sondern hat sie beschleunigt.“ Zugleich widersprach er der Vorstellung, es gehe nur um Zuwanderung. Migration sei nicht „das entscheidende Thema“: „Die Themen sind Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel. All das wirkt zusammen und erzeugt einen enormen Veränderungsdruck auf eine Gesellschaft.“
Luca Piwodda über die Brandmauer: „Die AfD wurde immer stärker“
Dieser Druck, so Debes, führe „zu einer Müdigkeit bei vielen Leuten, zu einer Überforderung und zu einer Abwehr - und natürlich auch zu großen Ängsten. Und das nutzt (...) die AfD gnadenlos aus. Das ist ihr Geschäftsmodell“. Lokalpolitiker Luca Piwodda sprach daraufhin die Debatte um die Abgrenzung zur AfD an, die er selbst als Problem betrachtete. Piwodda äußerte sich kritisch über die bisherige Strategie: „Wir haben es jetzt 10 Jahre mit der Brandmauer probiert. Das Resultat ist: Die AfD wurde immer stärker und alle anderen Parteien wurden - gerade in vielen ostdeutschen Regionen - immer schwächer. Meines Erachtens ist die Brandmauer auch viel zu einfach für die AfD, weil die Brandmauer führt genau dazu, dass die AfD ja nie wirklich argumentieren muss.“ (tsch)
