Altersdiskriminierung ist in Deutschland per Gesetz verboten. Aber davon spüren die Protagonisten der ZDF-Reportage „37°: Zu jung fürs Abstellgleis“ wenig. Ältere Menschen, heißt es im Film, würden im Alltag nicht wahrgenommen. „Außer wenn sie stören.“
Klemens hatte sein Berufsleben lang Erfolg - mit 58 fühlt er sich nur noch „unsichtbar“

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Der 58-jährige Kreativdirektor Klemens Schüttken beklagt, dass er als Werbeprofi immer weniger Aufträge erhält. (Bild: ZDF/Andrea Rumpler)
Nein, wie ein Abziehbild des deutschen Frührentners sieht Klemens Schüttken nun wirklich nicht aus. Mit Baseball-Jacke und Kreativen-Scheitel präsentiert er sich in der „37°“-Reportage „Zu jung fürs Abstellgleis“. An Motivation und Fitness mangelt es dem freiberuflichen Kreativ-Direktor offensichtlich nicht. An einschlägigen Erfahrungen bei renommierten Werbe-Agenturen auch nicht. Beruflich kommt er seit drei Jahren dennoch nicht vom Fleck. Das liegt, so glaubt der 58-Jährige, an seinem Alter.
Ab 55 wird der Wiedereinstieg in den Beruf schwer, sagt die Bundesagentur für Arbeit. Für die Werbebranche, wissen Fachleute, gelte das in besonderem Maße. Davon kann Klemens Schüttken im Film von Corinna Wirth ein bitteres Lied singen.
„Das Vorurteil besteht, dass das nur Leute machen können, die zwischen 20 und 35 Jahre alt sind“, sagt Klemens über seine Branche. „Weil man Leuten in meinem Alter unterstellt, wir wären nicht mehr am Trend oder würden nicht mitkriegen, was auf Social Media abgeht.“
„Du bist zu teuer, du bist zu erfahren, du bist überqualifiziert“
In Hamburg, Berlin und München hat der Werbefachmann gearbeitet und erfolgreiche Kampagnen geleitet. Wie von selbst habe sich der berufliche Erfolg über lange Jahre eingestellt. „Wenn man in dieser schönen und glücklichen Lage ist, denkt man komischerweise nicht darüber nach, dass es aufhören könnte“, reflektiert er nun, mit Ende 50. Die Erkenntnis habe ihn überrascht: „Oh, es geht gar nicht mehr bergauf, sondern bergab. Man kriegt keine Aufträge mehr. Man wird unsichtbarer.“

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Die Journalistin Katrin Schwahlen möchte mit 68 Jahren nicht außen vor bleiben, sie ist beruflich voll aktiv. (Bild: ZDF/Andrea Rumpler)
Nachdem Klemens seine eigene Agentur auflösen musste, kehrte er als Freiberufler auf den Arbeitsmarkt zurück. Seitdem sei es „sehr, sehr schwierig“. Über 100 Bewerbungen habe er inzwischen geschrieben. Am Anfang habe er noch gedacht, das werde „ein Kinderspiel“. Schließlich habe er ja beste Referenzen. Tatsächlich habe er oft nicht mal eine Absage bekommen.
Unter der Hand sei von den Personal-Entscheidern zu vernehmen gewesen: „Du bist zu teuer, du bist zu erfahren, du bist überqualifiziert.“ Für ihn seien das alles nur Synonyme für: „Du bist zu alt.“ - „Ja, es macht was mit einem“, klagt Klemens in der „37°“-Reportage. „Es nimmt einem Freude und Leichtigkeit.“ Seine Frau, die beizeiten den Absprung aus der Werbebranche gewagt hat und nun einen Blumenladen betreibt, unterschätzt die Lage nicht: „Man muss jetzt aufpassen, dass das Seelchen nicht wegrutscht.“
Forscherin: Altersdiskriminierung gefährdet Wohlstand und Demokratie
Seit 2006 ist Altersdiskriminierung (Fachbegriff: Ageismus) gesetzlich verboten. Aber das hilft Klemens wenig - und es entschärft die tatsächliche Lage auch nur bedingt, wie Gerontopsychologin Eva-Marie Kessler bestätigt. Die Forscherin ist Autorin einer Studie über Altersdiskriminierung. Ihr Befund: Wenn jüngere Menschen negative Vorstellungen vom Alter haben, übertragen sie diese später auf das eigene Älterwerden: „Ich bin so alt, ich bin es nicht mehr wert, ich bin unattraktiv für andere.“
Genau diese inneren Glaubenssätze seien es, die den Lebenswillen rauben. „Das macht uns nachweislich psychisch und körperlich kränker“, weiß die Wissenschaftlerin. Sie gibt vor der Kamera zu bedenken: Ungehobene individuelle Potenziale verursachten am Ende auch einen großen volkswirtschaftlichen Schaden, und sie „gefährden die Demokratie“.
Katrin (68) möchte später im Altersheim die Toten Hosen hören
Dass sie früher selbst abschätzig auf die ältere Generation geblickt hat, hat inzwischen auch Katrin Schwahlen erkannt. Heute erlaubt sich die 68-Jährige ein solches Schwarzweißdenken nicht mehr. Vielmehr regen Pauschalisierungen die ehemalige Online-Redakteurin und jetzige Buch-Autorin fürchterlich auf.
„Was mich am meisten auf die Palme bringt, wenn es um Alten-Diskriminierung und/oder Boomer-Bashing geht, ist, dass diese Generation schuld ist an allem auf dieser Welt“, wettert sie im ZDF-Film. Sie nehme das persönlich. Ihre Beobachtung: „Ältere Menschen werden nicht mehr im Alltag wahrgenommen, außer wenn sie stören.“ Das Gefühl, nicht gesehen zu werden, sei kein schönes.
Dass sie mit 68 in die gleiche Kohorte gepackt werde wie deutlich ältere Menschen, findet Katrin überdies ein Unding: „Wir sind Teil der Friedensbewegung, der Frauenbewegung, der Anti-Akw-Bewegung, wir hören völlig andere Musik als Leute, die über 80 oder 90 sind.“ Daraus ergeben sich für die Doku-Protagonistin ganz praktische Erwägungen: „Wenn ich mal ins Altersheim muss, möchte ich keine Marschmusik hören. Ich möchte wenn, dann bitte Die Toten Hosen hören.“
„37°: Zu jung fürs Abstellgleis“ ist am Dienstag, 24. März, um 22.15 Uhr im ZDF zu sehen und schon jetzt in der ZDF-Mediathek. (tsch)

