„Lindenstraße“-Star Christian Kahrmann spricht über Existenzängste, seinen Koma-Kampf und die harte Realität der Branche.
„Die fetten Jahre sind vorbei“TV-Star Christian Kahrmann über die harte Realität der Schauspielbranche

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Der Schauspieler Christian Kahrmann, hier bei einem Spaziergang durch seinen Kiez in Prenzlauer Berg im Mai 2022, arbeitet als Synchronsprecher.
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Einst war er als „Benny Beimer“ ein TV-Liebling. Heute spricht Christian Kahrmann Klartext über die Schattenseiten des Ruhms, seinen dramatischen Kampf zurück ins Leben und die Existenzängste, die viele seiner Kollegen plagen.
Der Tod des Schauspielers Ralf Richter bewegt die Branche und ist für Christian Kahrmann (54) ein Anlass, mit den falschen Vorstellungen vom Leben als Schauspieler aufzuräumen. Die Reaktionen auf Richters Schicksal nennt er „sehr traurig und empathielos“. Viele Menschen, so Kahrmann, hätten ein völlig verzerrtes Bild vom Schauspiel-Business.
Christian Kahrmann nur während Drehzeiten sozial- und rentenversichert
„Man denkt: Der ist bekannt und hat super Gagen gekriegt, der muss Millionär sein. Stimmt aber natürlich nicht“, stellt Kahrmann im Interview mit der Redaktion klar. Um im Alter abgesichert zu sein, müsse man über viele Jahre durchgehend beschäftigt sein, denn nur während der Drehzeiträume sei man sozial- und rentenversichert. Ein Schauspieler brauche neben Talent auch kaufmännisches Geschick. Sein Fazit: „Rock ‚n‘ Roll und Bausparvertrag passen nicht so gut zueinander.“
Kahrmann selbst sagt von sich: „Ich komme ganz gut klar, kenne natürlich aber auch diese Aufs und Abs über die Jahre.“ Er habe früh gelernt, vorausschauend zu wirtschaften.
„Es gibt in unserer Branche viele Kollegen, die in ihrer Blütezeit auf großem Fuß gelebt haben: große Wohnung, dickes Auto, schöne Reisen – und heute holt sie das ein. Ich konnte in jungen Jahren etwas zurücklegen, hatte damals aber auch nicht so hohe Kosten – und ich habe versucht, sehr offen zu bleiben und mich immer wieder neu zu erfinden.“
Als die Rollenangebote weniger wurden, erfüllte er sich 2012 einen Traum und eröffnete in Berlin das Café „Kahrmann’s Own“. „Ich wollte mich unabhängig von den Launen der Branche machen. Der Laden hat mich nicht reich gemacht, mich aber sehr erfüllt und meine kleine Familie finanziert.“
Christian Kahrmann: Nach Koma-Drama zurück ins Leben gekämpft
Dann traf ihn das Schicksal mit voller Wucht: eine schwere Covid-Erkrankung. „Ja, da habe ich vom Leben mal so richtig die Keule bekommen“, erzählt er. Drei Wochen lag er im künstlichen Koma, überlebte nur knapp. Während dieser Zeit starb sein Vater ebenfalls an Corona, kurz darauf seine Mutter an Krebs.
Nach drei Monaten im Krankenhaus war er ein Schatten seiner selbst: 30 Kilo leichter, musste Laufen und Sprechen neu lernen und kämpfte zwei Jahre mit Long Covid. Es folgten zahlreiche Behandlungen und zwei künstliche Hüften.
Seine bittere Erkenntnis: „Du wirst als freischaffender Künstler schwer krank und hast über Monate oder Jahre keine Einnahmen.“ Die Möglichkeit, 2022 wieder drehen zu können, habe ihn gerettet.

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Christian Kahrmann wurde als Kind in der Serie „Lindenstraße“ bekannt. Er spielte den Benny Beimer, auf dem Foto von 1985 rechts unten zu sehen.
Finanzielle Unsicherheit ist in der Branche weitverbreitet, aber ein Tabu. „Viele Kollegen bekommen zeitweise Stütze, weil sie nur wenige Drehtage im Jahr haben“, so Kahrmann. Darüber zu reden, sei aber schwierig, denn es gehe ums Image. Öffentlich Geldsorgen zuzugeben, sei „nicht gerade sexy und ein Magnet für neue Engagements“.
Verschärft wird die Lage durch ein seit Jahren anhaltendes „Gagendumping“ in der deutschen Film- und TV-Landschaft. Sparmaßnahmen der Sender würden direkt an die Schauspieler weitergegeben. Weniger Förderungen und gekürzte Budgets führen dazu, dass immer weniger gedreht wird. Selbst langlaufende Formate wie „Unter uns“, „Ein Fall für zwei“ oder „Der Staatsanwalt“ werden eingestellt.
Der Boom der 90er-Jahre, als Privatsender unzählige Eigenproduktionen in Auftrag gaben, ist längst Geschichte. Nach der Pleite der Kirch-Gruppe 2002 ging es bergab. Auch Streamingdienste investieren lieber in internationale Blockbuster als in deutsche Produktionen. Übrig bleiben ARD und ZDF, die ebenfalls den Rotstift ansetzen.
Für ihn als 54-jährigen Mann sei es nicht einfacher geworden, sagt Kahrmann. Die wachsende Diversität sei zwar gut, doch das Alter werde nun auch für Männer zum Nachteil. Nach seiner Krankheit hat er sich breiter aufgestellt und arbeitet viel als Synchronsprecher. Sein Fazit bleibt: „Die fetten Jahre sind vorbei.“
Wer schnell reich werden will, sei in der Schauspielerei fehl am Platz. Es sei und bleibe eine Passion. Doch eine neue Bedrohung sorgt für Unruhe: Künstliche Intelligenz. Synchronsprecher demonstrierten bereits gegen Netflix, weil der Dienst ihre Stimmen für KI-Training nutzen will – ohne Bezahlung. Die Sorge, dass die eigene Arbeit überflüssig wird, ist riesig. Dass Shows wie „Richter Ulrich Wetzel“ bereits mit KI-Schauspielern produziert werden, nennt er „unsäglich“. Am Ende, so glaubt er, werden die Zuschauer entscheiden. (red)


