In der ZDF-Doku „Die geheime Welt des Adels“ schaut sich Jochen Breyer an, wie der Adel in einer Zeit lebt, in der er eigentlich seit über 100 Jahren in Deutschland offiziell gar nicht mehr existiert. Für den Film spricht der Moderator auch mit dem Sohn des angeklagten Prinzen Reuß.
Deutscher AdelJochen Breyer erblickt „geheime Welt“ – und „kann es kaum glauben“

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Jochen Breyer erkundet die „geheime Welt des Adels“ in Deutschland. (Bild: ZDF/Nicolai Mehring)
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„Kann das alles hier echt sein oder bin ich in einem Spielfilm gelandet?“, wundert sich Jochen Breyer, als er in die „geheime Welt des Adels“ eintaucht. So lautet auch der Titel der Doku, die am Dienstag, 28. April, um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird. Der bekannte Journalist kommt sich während seiner Recherchen teilweise vor wie „in einer der vielen Adels-Serien“.
Er erlebt bei einem exklusiven Fest ein Polo-Turnier, jede Menge Champagner, Kaviar und sogar einen Hut-Wettbewerb. „Ich kann es kaum glauben“, sagt Jochen Breyer dazu. Das pure Adels-Klischee. Doch der Moderator erkennt im Zuge der ZDF-Doku auch, dass der deutsche Adel nicht nur für Glanz und Gloria steht.
Wie ist das Leben in einem Traum-Schloss wirklich?
Jochen Breyer trifft Baron Nikolaus von Gayling-Westphal, den 26. Herrn von Schloss Ebnet bei Freiburg, in seinem prächtigen Anwesen.
Ist das Leben in einem Schloss wirklich so traumhaft, wie es gerne dargestellt wird? Das möchte Breyer herausfinden. Als er durch den privaten Park bis in den Gartensaal marschiert, wirkt alles in der Tat äußerst idyllisch. Der Schein trügt allerdings.
Das gesamte Schloss werde aktuell renoviert, schildert Baron Nikolaus von Gayling-Westphal. „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, fasst er die Realität des Lebens hier zusammen. „Mindestens zehn Millionen“ habe er in all der Zeit in das 276 Jahre alte Schloss investieren müssen. Allein die Nebenkosten betragen monatlich rund 10.000 Euro - und dennoch wird die riesige Residenz nie richtig warm.
„Man muss dafür leben und nicht davon“, erzählt der Baron. Dann geht er seinen Schloss-Storch Otto füttern.
Das Adelsrecht benachteiligt Frauen - und lässt sich nicht ändern
Schnell wird in der ZDF-Doku klar, wie wichtig die alten Traditionen für den Adel sind. Dafür wird seit Jahrhunderten ein festes Netzwerk geknüpft. Bei Bällen oder speziellen Events soll sich der Nachwuchs der Adelsfamilien kennenlernen. Denn im Idealfall - und obwohl nur etwa 0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung adelig sind - kommt es zu einer Eheschließung zwischen einer adeligen Braut und einem adeligen Bräutigam. Das klappt immerhin in einer von vier Ehen mit adeliger Beteiligung.
Wenn ein adeliger Mann eine bürgerliche Frau heiratet, so ist das zwar kein großes Problem. Doch heiratet eine adelige Frau einen bürgerlichen Mann, so verliert sie gewissermaßen ihren adeligen Status. Ohnehin sind Frauen im Adelsrecht nicht gleichgestellt. Das gilt auch für die gleichgeschlechtliche Ehe. Es sind veraltete, nicht wirklich fair wirkende Regeln, die sich nicht mehr ändern lassen. Denn lediglich ein Monarch könnte das Adelsrecht reformieren. Allerdings gibt es in Deutschland ja keinen König mehr.
Sohn von Prinz Reuß spricht im ZDF erstmals über Terror-Vorwurf: „Er wollte nur sein Thüringen zurück“
Seit der Abschaffung der Monarchie 1918 und Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919 ist der Adelsstand rechtlich bedeutungslos. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg kam es für den Adel noch weitaus schlimmer. Zahlreiche adelige Familien im Gebiet der ehemaligen DDR sind von den sowjetischen Besatzern enteignet worden. Nach der Wiedervereinigung bekamen sie ihren Besitz nicht zurück. Wie die ZDF-Doku zeigt, ist die Wut darüber im Adel noch immer fest verankert.
„Viele haben dadurch an der Bundesrepublik gezweifelt“, sagt der Historiker Jobst Graf von Wintzingerode. Manche Adelige hätten sich „zurückgezogen in die Resignation“, andere wenige hätten sich „radikalisiert und die Systemfrage gestellt“, führt er weiter aus. Der wohl extremste Fall im Kampf um enteignete Besitztümer brachte Heinrich XIII. Prinz Reuß in die Schlagzeilen, der mehr als 30 Jahre lang vergeblich gegen die Bundesrepublik geklagt hatte.
Seit knapp zwei Jahren muss sich Prinz Reuß vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts verantworten. Die Anklage: Der mittlerweile 74-Jährige soll zusammen mit 24 weiteren Männern und Frauen einen bewaffneten Umsturz in Deutschland vorbereitet haben.
Nach monatelangem Austausch hat das ZDF eine Interview-Zusage des Prinzen in seinem Gefängnis erhalten. Doch beim Termin taucht dieser nicht auf. „Das war jetzt ein sehr kurzer Besuch“, sagt Jochen Breyer nur enttäuscht. Prinz Reuß hat das Treffen kurzfristig abgesagt. Stattdessen erklärt sich aber immerhin sein Sohn, Heinrich XXVII. Prinz Reuß, zu einem Gespräch mit dem Journalisten bereit.
Der spricht in der ZDF-Doku erstmals über die Vorwürfe gegen seinen Vater und stellt überzeugt klar: „Für mich ist er absolut kein Terrorist, auch kein Reichsbürger. Ich habe den immer als offenen und modernen Menschen erlebt, der immer mit der Zeit gegangen ist.“ Seiner Meinung nach habe sich sein Vater auf die falschen Leute eingelassen. „Er wollte immer nur sein Thüringen zurück.“ (tsch)
