Wenn Jungs in die Pubertät kommen, geraten Eltern schon mal an ihre Grenzen. Nicht verzweifeln - hier kommt professionelle Hilfe!
Erste Hilfe für ElternOh Gott, mein Sohn ist ein „Puber-Tier“!

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Chaos herrscht nicht nur im Jugendzimmer, sondern auch im Kopf eines Pubertierenden. Mit rigorosen Verboten kommt man dann selten weiter. Das Hirn schaltet im wahrsten Sinne des Wortes auf Durchzug.

Die Pickel sprießen, die Stimme kippt, das Teenie-Zimmer sieht aus wie eine Müllhalde, die Noten rutschen in den Keller. Wenn Jungs in die Pubertät kommen, würden Eltern manchmal am liebsten Augen, Ohren und auch die Nase verschließen. Warum benehmen die sich so? Wie kann ich dem Teenie helfen? Und wie kann ich der Zeit auch etwas Positives abgewinnen? Die Bonner Bestsellerautorin und Pädagogin Inke Hummel hat dazu ein neues Buch herausgebracht. Als Mutter von drei Jungs (16, 19 und 21 Jahre), weiß sie genau, wovon sie spricht.
Sie sind nicht Fisch, nicht Fleisch, diese „Puber-Tiere“. Aber was unterscheidet Mädchen und Jungen in dieser schwierigen Zeit? „Die Pubertät beginnt bei Jungen eher mit 13, 14 Jahren und kann bis 21 Jahren gehen, bei Mädchen beginnt sie eher oft schon mit zehn, elf Jahren und endet mit 16 bis 18 Jahren“, sagt Inke Hummel im EXPRESS-Gespräch.
Pädagogin Inke Hummel weiß, wovon sie spricht
Sie listet in ihrem Buch „Redet nicht, Räumt nicht auf, Lieb ich trotzdem“ typische „Jungenmerkmale“ auf: Die Hormone können größere Auswirkungen auf die Steuerung von Emotionen haben als bei Mädchen. Die Rollenerwartung führe oft dazu, dass „hartes Auftreten symbolisiert, ein echter Kerl zu sein“. Dazu komme auch der große Bewegungsdrang, verbunden mit Raufereien. „Das ist aber nicht immer aggressiv gemeint, sondern ein Kräftemessen“, sagt die Pädagogin. Deshalb sei es gut, wenn Jungs sich sportlich austoben würden.
Das alles, verbunden mit schlechter Laune, riesigem Schlafbedürfnis und ständigem Kontra ergibt eine Mixtur, die Eltern in den Wahnsinn treiben kann. Hummels Tipp: „Sie dürfen fast nichts, was passiert, persönlich nehmen. Es kocht schon viele Situationen runter, wenn man diesen Satz beherzigt.“ Ihre Erfahrung in dieser Phase: Besser nachfragen und sich als Gesprächspartner anbieten, als ständige Verbote zu erteilen. Sie nennt Beispiele:
- Sein bester Kumpel ist Ihnen suspekt, ein sogenannter „schlechter Umgang“? Dann sei ein Kontaktverbot kontraproduktiv, besser einige Fragen stellen, die ihn zum Nachdenken anregen können: „Kann es sein, dass er dich immer dominiert, dass er immer sagt, was ihr macht, und du hast gar nicht so Raum für deine Meinung?“
- In der Schule läuft es nicht so gut? Sagen Sie ihm, dass Sie ihm helfen wollen bei seiner Prioritätenliste. „Lernen und Üben vor der Arbeit muss sein, aber du kannst entscheiden, ob am Freitag oder Samstag?“ Es sei ein wichtiger Punkt, sich als Elternteil in der Pubertät zu hinterfragen, ob man wirklich noch so viel Kontrolle haben wolle. „Fragen Sie sich generell: Kann ich ein Nein akzeptieren, wenn er meine Hilfe ablehnt auch wenn er auf die Nase fallen könnte?“
- Schwer sei es für Eltern auch, wenn der Sohn plötzlich keine Lust mehr auf einst geliebte Hobbys wie Tennis oder Fußball habe, bei denen man als Elternteil vielleicht auch selbst sehr involviert war. Auch da müsse man lernen loszulassen – und sich vielleicht einfach darüber freuen, dass er selbst Stressoren und Verpflichtungen streiche.
- „Du vergisst noch deinen Kopf.“ Ein Satz, den viele Eltern beim Sohnemann unterschreiben würden. Schimpftiraden würden selten was bringen. Besser: „Was der Junge nicht im Kopf hat, muss auf Klebezetteln, im Handy-Familienkalender oder als Termin im Smartphone eingetragen werden, und zwar in seinem“, schmunzelt Hummel. „So bekommt es mehr Verbindlichkeit.“
- Er hängt nur noch am Smartphone oder Computer rum? „Man muss Regeln finden, die nicht täglich neu erstritten werden müssen“, so die Pädagogin. „Und zwar am besten vor dem Kauf von Konsole und Co.“! Sie hält indes wenig von Apps, mit denen man Zeiten freigeben kann. „Kinder sollen ja dahin kommen, dass sie irgendwann Erwachsene sind, die von selbst sagen, dass sie bei dem schönen Wetter nicht vor der Konsole sitzen.“ Besser: „Mit ihnen vereinbaren, zwei Level beim Spiel oder zwei Videos statt eine genaue Zeitvorgabe.“
- Die Bude sieht aus wie Sau? Sollte auf der Prioritätenliste nicht ganz oben stehen, solange keine gesundheitliche Gefährdung vorliege. Die dreifache Mutter sagt: „Da muss man eine Weile die Augen zumachen und bloß nicht hinterherräumen.“
Am wichtigsten sei es in ihren Augen vielmehr, dem Nachwuchs zu signalisieren, dass man immer mit Rat und Tat zur Seite stehe, wenn es gewünscht ist. Ihre Erfahrung: „Jungen mögen zwar gern allein sein, aber sie mögen es nicht, alleingelassen zu werden.“ Außerdem sollte man sich vor Augen führen, wie bereichernd der Teenie für einen selbst sei. „Ich fand die Pubertät immer spannender als die Kleinkindzeit. Gemeinsam Filme zu gucken, auf Konzerte zu gehen, Spiele zu machen. Es ist spannend als Frau, die männlichen Perspektiven kennenzulernen, was politische Einstellungen, LGBTQ-Themen und Co. angeht.“
