Comedian Nikita Miller hat mir uns über den Messerangriff auf ihn und den Grund für seinen Umzug von Köln nach Norwegen gesprochen.
„Die Justiz ist irgendwie seltsam“Bekannter Comedian über Messer-Attacke aus dem Nichts

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Comedian Nikita Miller sagt von sich, er mach kein „Stand-Up“ – schließlich sitzt er bei seinen Auftritten.
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Comedian Nikita Miller erzählt in seinen Shows Geschichten: Von seiner Kindheit und seinen kasachischen Wurzeln, von verrückten Erlebnissen in der Jugend, von seinem lieblosen Vater, von Beobachtungen des Alltags in der Gegenwart. Immer mit Humor, immer mit leichtem russischen Akzent, nie mit Selbstmitleid.
So auch im großen EXPRESS-Talk. Mit seinem neuesten Programm „Schuld und Bühne“ tourt der fast zwei Meter große Ex-Kölner jetzt durch die Republik, kommt am 19. März auch nach Köln (ins E-Werk, Restkarten ab 36,50 Euro).
Nikita Miller: „Ich ging mit mehr Geld aus dem Bordell hinaus als hinein“
Herr Miller, Sie hatten viele Jobs, bevor Sie Comedian wurden. Was waren die Kuriosesten?
Nikita Miller: Da gibt es zwei. Einmal habe ich in Europas größtem Kaninchenzuchtverein gearbeitet. Die hatten da 2000 Käfige und weiß Gott wie viele Tiere. Und ich musste diese Käfige alle mit einer Zahnbürste reinigen. Allerdings hatte ich irgendeine Allergie und wenn ich meine Maske ausgezogen habe, klatschten da fünf Kilo Rotz runter, sah aus, als hätte ich etwas zur Welt gebracht. Da wurde ich schnell gefeuert.
Und der andere?
Nikita Miller: Ich habe Schmuck aus einem Kofferraum raus verkauft, im Rotlichtviertel. Das waren Armbänder, die meine Cousins mitgebracht haben. Eine revolutionäre Erfindung, du ziehst die an und dann kann dich niemand umschubsen. Meine Cousins sagten: ‚Ey, die sind gerade ganz groß in Kanada, wir haben hier paar Kisten, die vom Laster gefallen sind‘. Da kostete eins zwei-, dreihundert Euro, wir haben sie für 25 Euro verkauft an Sportstudenten, das hat mich durch ein ganzes Semester gebracht. Ich wollte expandieren, aber in der Stadt liefen die Leute einfach weiter. Bis mir jemand den Rat gab, es im Rotlichtviertel zu versuchen. Das war genial. Wir waren die einzigen Männer, die im Bordell mit mehr Geld raus- als reingingen.
Sie wurden 2023 im Hauptbahnhof Bremen von einem Mann niedergestochen. Was war passiert?
Nikita Miller: Ich bin aus dem Zug ausgestiegen und wir haben uns angerempelt – er hat wild gestikuliert und ich bin mit meinem Gesicht in seine Hand gelaufen. Er flippt sofort aus, ‚Was fasst du mich an, spinnst du‘ und ich sage, ‚Nerv nicht, reiß dich zusammen, hier laufen Leute‘ und gehe. Da ist es eigentlich schon vergessen. In der Unterführung sehe ich auf meinem Handy, dass ich in die falsche Richtung gehe und drehe um, da treffen sich unsere Blicke wieder – und es eskaliert, er zieht die Klinge. Wir stehen auf einem schmalen Treppengang, ich versuche ihn umzudrehen, die Treppe runterzuschmeißen wenn er hochkommt, kann ich noch treten. Es war ein Kampf von 20 Sekunden und er hat aufgegeben, aber er hat mich in diesen 20 Sekunden fünfmal mit dem Messer erwischt. Er wollte mir an die Kehle und hat mir viermal hier (deutet auf den Bereich zwischen Schlüsselbein und Brust) und in den Hinterkopf gestochen, weil ich mich noch geduckt habe. Passiert ist am Ende gar nichts, er wurde in derselben Nacht freigelassen und hat mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Justiz ist irgendwie seltsam.

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Comedian Nikita Miller beim Video-Call mit EXPRESS-Redakteurin Laura Schmidl.
Sind sind mit Ihrer Frau aus Köln nach Norwegen gezogen. Wieso?
Nikita Miller: Ich wollte schon immer in Skandinavien leben. Ich mag das Wetter in Deutschland nicht – es ist viel zu heiß im Sommer, 25 Grad ist bei mir Schmerzgrenze. Danach zieh ich die Rollladen runter, esse Eiscreme und gucke Mafiafilme, bis der Herbst anfängt. Und die Sache mit dem Messer und der Justiz haben das beschleunigt. Da kam meine Steuerabrechnung und ich habe mich gefragt: Wozu zahle ich Steuern, wenn die Justiz nicht für Gerechtigkeit sorgt?
Wie lebt es sich auf dem norwegischen Land?
Nikita Miller: Ich lebe 30 Minuten von der nächsten Stadt entfernt, ich habe da oben auf dem Berg ein Haus mit Meerblick, ich sehe die Berge, es ist wunderschön, es ist extrem ruhig. Es ist tiefenentspannt, egal, wohin du gehst. Es ist purer Digitalismus, Briefkästen sind nur Deko. Es wird alles digital organisiert.
Ihre ersten Jahre als Kind haben Sie in der Sowjetunion und danach in der Ukraine verbracht. Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?
Nikita Miller: Filme auf Englisch wurden übersetzt von einem Russen mit monotoner Stimme, der mittendrin reinredet. Ansonsten bin ich im Zusammenbruch der Sowjetunion groß geworden. Inflation von 2000 Prozent. Stundenlang anstehen für Zucker und Mehl, alles war unberechenbar. Manchmal wurden Löhne in Wodka und Klopapier ausgezahlt. Überall Banden und Korruption.
Und dann, im Grundschulalter, ging es nach Deutschland. Was war die größte Umstellung?
Nikita Miller: Der Supermarkt. Allein tausende Varianten von Käse. Wir hatten einen Käse. Und ich weiß noch, dass ich einen westlichen Film gesehen habe und die Teenies hatten schnurlose Telefone – meine Mutter meinte nur: Das spielt in einer fernen Zukunft.
Nikita Miller über sein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater
„Schuld und Bühne“ scheint ein noch persönlicheres Programm zu werden. Gleich im Ankündigungstext heißt es, Sie haben Ihren Vater gehasst. Eine heftige Aussage. Wie viel ist da dran?
Nikita Miller: Da ist alles dran. Wir haben ein sehr, sehr schwieriges Verhältnis und seit wahrscheinlich zehn Jahren nicht mehr gesprochen. Ich habe das alles mit Therapie aufgearbeitet. Es war ein sehr konservatives, autoritäres Regime zuhause – mit vielen Ungerechtigkeiten. Es geht mir ohne die Familie sehr viel besser. Es gibt diesen gesellschaftlichen Druck: ‚Du kannst doch nicht von der Familie weg!‘. Doch, kannst du. Die haben dich nicht großgezogen für dich, sondern für sich, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, nicht deinem. Nur, weil ich meinen Hund füttere, habe ich nicht das Recht, ihn zu treten.
Welche Ungerechtigkeiten gab es mit Ihrem Vater?
Nikita Miller: Teils Schikanen, nach dem Motto: ‚Komm mal her‘, und ich renne ins Wohnzimmer und mein Vater sitzt vor dem Fernseher, der aus ist. Und er sagt: ‚Mach mir den Fernseher an‘. Ich sage: ‚Steh doch auf und mach ihn selbst an‘. Dann steht er schon auf und die Hand fliegt. Ihm ist die Hand sehr oft ausgerutscht. Es gab keine Widerworte, keine Schlagfertigkeit – halt die Klappe, sei ein Soldat.
Da steht auch, in Hinsicht auf „Schuld“ hätten Sie das „Komplettpaket“ gewonnen. Wie ist das gemeint?
Nikita Miller: Diese Dinge halten heute noch. Wenn der Vater heimkam, war es ein No-Go auf der Couch zu sitzen. Du musstest produktiv sein. Bis vor kurzem stand ich wie ein Erdmännchen stramm, wenn meine Frau nach Hause kam. Und ich habe anhand der Schrittgeräusche erkennen gelernt, in welcher Stimmung die Leute sind. Das kriegst du nicht raus, das ist übel. Du bist voll mit Schuldgefühlen. Wenn du im Restaurant essen gehst, geht's dir scheiße – du hast doch Essen zuhause. Alles sowas, was mir vehement eingedrückt wurde. Wenn ich mir einen Döner geholt habe, sagte mein Vater: ‚Ach so, du hast jetzt Geld zum Essengehen – dann streich ich das Taschengeld‘. Ich habe dann heimlich Döner gegessen.
Und heute lachen Sie drüber. Wie sind Sie an diesen Punkt gekommen?
Nikita Miller: Humor war schon immer ein Schutzschild. Das ist die eleganteste Methode, Leute auf Distanz zu halten, unangenehmen Gesprächen zu entgehen oder auch Kritik zu äußern. Ich habe gemerkt, dass Humor der stärkste Garant für alles ist. Ich habe das vom Kindergarten an zum Teil meines Charakters gemacht.
Und dann wurden Sie Comedian – wieso überhaupt?
Nikita Miller: Ich wusste nie, wohin mit mir. Also hab ich gedacht, mache ich einfach alles Mögliche und dann streiche ich Stück für Stück, was ich alles nicht werden will. Und das mit Comedy war erstmal nur ein Experiment. Ich dachte, ich probiere mein Glück und wenn es nicht klappt, kann ich wieder am Stammtisch erzählen: ‚Ey, ich war Comedian‘. Und Mann, es hat geklappt, vom ersten Mal an.
Sie sagen, Sie finden Erlösung auf der Bühne. Wie das?
Nikita Miller: Ich will nicht sagen, dass es Selbsttherapie sei. Man sollte auf der Bühne nur über ein Trauma reden, das man schon verarbeitet hat. Sonst ist es nicht förderlich und die Leute werden es auch merken. Es ist eine Form der Erlösung, denn wenn die Leute lachen. Dann erkennst du, wie absurd das Ganze ist, wie bescheuert. Das klappt aber auch nur die ersten zehn, zwanzig Male, danach geht's rückwärts. Danach bist du der Kriegsveteran, der ‚Call Of Duty‘ spielt, dann badest du in deinem Schmerz und deswegen schreibe ich alle paar Monate die Hälfte des Programms neu und nehme ich mir Raum für neue Dinge. Wenn du nicht weißt, wo du hingehst, bleibt dir nur das, wo du herkommst.
Nikita Miller: Sowjet-Kind, Kampfsportler, Auswanderer
Comedian Nikita Miller wurde 1987 in Temirtau in der Sowjetunion (im heutigen Kasachstan) geboren. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR zog er mit seinem Vater 1992 in die Ukraine – und später nach Deutschland, wo er zur Schule ging. 2009 bis 2014: Studium Medieninformatik in Stuttgart mit Bachelor-Abschluss, anschließend Studium der Philosophie und Rhetorik. Daneben machte er etliche Jobs: Als Telemarketer, Umzugshelfer, Türsteher, Bandarbeiter. Erzielte Erfolge als Kampfsportler.
Seit Ende 2016 steht er als Comedian auf der Bühne, es folgen Auftritte bei Dieter Nuhr, „NightWash“ und beim „NDR-Comedy Contest“. Gewinnt u. a. 2023 den Deutschen Kleinkunstpreis. 2021 heiratete er seine Freundin, mit der er zunächst nach Köln zog. 2024 veröffentlichte er seinen Roman „Kalasch“. Anfang 2025 wanderten er und seine Frau nach Norwegen aus.


