In die Murder Mystery-Parodie „Fabian und Die mörderische Hochzeit“ bei Amazon Prime hat Komiker und Krimiforscher Bastian Pastewka sein gesamtes Genre-Wissen gepackt. Ein Gespräch über Krimi-Großmeister von Edgar Allan Poe über Agatha Christie bis hin zu David Lynch.
Bastian PastewkaGeschichtsreise mit dem Krimi-Professor

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Unterwegs mit dem Krimi-Professor: Bastian Pastewka ist nicht nur Komiker, sondern auch Krimifan. Unter anderem betreibt er seit sieben Jahren einen Podcast über Radiokrimis. Mit dem Amazon-Film „Fabian und Die mörderische Hochzeit“ hat er nun mal wieder selbst Hand angelegt - in Sachen Murder Mystery-Stoffe. (Bild: Boris Breuer)
In seinem ARD-Krimi-Podcast „Kein Mucks!“ beschäftigt sich Komiker und TV-Genre-Forscher Bastian Pastewka schon seit 2020 mit klassischen Radiokrimis und Filmklassikern. Mit dem Murder Mystery-Film „Fabian und Die mörderische Hochzeit“ (ab Freitag, 6. Februar, Amazon Prime Video) legt der 53-Jährige nun selbst die Würgehand an und nimmt das Genre mit einer Parodie aufs Korn. Diese funktioniert jedoch auch nach den Gesetzen des Genres: Spannung und schaurige Rätselfreude sind garantiert. Im Interview erklärt Bastian Pastewka, warum klassische Rätselkrimis nicht tot zu kriegen sind, welche Klassiker man kennen sollte und wie es mit seiner Erfolgsserie „Perfekt Verpasst“ mit Anke Engelke weitergeht.
teleschau: Ihr neuer Film ist ein „Murder Mystery“, ein Genre, das gegenwärtig äußerst populär ist. Auch Sie sind ein Fan, oder?
Bastian Pastewka: Erst mal bin ich froh, dass es Genres gibt. Das Publikum möchte bei der Menge an Möglichkeiten gerne wissen, was es erwartet. Die meisten Trailer verraten zu viel, bei unserem „Fabian“-Film ist das nicht so. Ich bin tatsächlich Krimi-Fan, wobei ich kein Leser bin, sondern Krimi gerne in Form von Filmen, Serien und vor allem auch als Hörspiel genießen kann.
teleschau: Warum lieben die Leute Krimis?
Pastewka: Weil sie aus einer offenen Erzählung eine geschlossene machen. Es gibt ein Rätsel, und am Ende folgt die Auflösung. In welchem anderen Genre erleben wir das schon so zwingend? Nach den langen Erzählungen der letzten Jahrzehnte spüre ich momentan einen Trend zur Würze in der Kürze. Wann immer ich Freunden eine Serie empfehle mit den Worten: „Guck das auf jeden Fall, es sind nur sechs Folgen“ - dann stoße ich auf große Begeisterung.
„Vereinfachungen echter Menschen, die keinerlei Stress in uns erzeugen“
teleschau: Hat das mit Stress und fehlendem Zeitbudget in unserer hektischen Welt zu tun? Große Erzählbögen wie in „Breaking Bad“ oder „Game of Thrones“ wurden doch ebenso gefeiert ...

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Bastian Pastewka plädiert für mehr Langsamkeit im Krimi, um die Spannung zu steigern: „Die letzte unerträglich spannende Stille fand in 'Twin Peaks' von David Lynch statt“, sagt der 53-Jährige im Interview. (Bild: Boris Breuer)
Pastewka: Natürlich gibt es große Erzählbögen, die faszinieren - wenn sie gut sind und man sich drauf einlässt. Der Normalfall ist jedoch, dass Serien oder Filme immer weiter fortgesetzt werden, weil sie zwar noch erfolgreich sind, aber nichts mehr Neues zu erzählen haben. „Homeland“ etwa ist ein Beispiel dafür. Fantasy- und Science Fiction- Serien haben es schon einfacher, weil sie ihren Kosmos unendlich erweitern und mit Sequels und Reboots ein Franchise eröffnen können. Mich persönlich ermüdet das. All das ist im Genre-Krimi seltener anzutreffen.
teleschau: Mit der „Knives Out“-Filmreihe oder Serien wie „Only Murders in the Building“ sind gerade wieder klassische Krimi-Settings populär, die an Agatha Christie und Co. erinnern. Warum ist das so?
Pastewka: Wir reden da über eine bestimmte Krimi-Schule, die aus Großbritannien kommt. Wir haben übersichtliches Personal, einen Schauplatz und meist gediegene Charaktere. Dabei kann man sich entspannen und kaum gestresst miträtseln. Meiner Meinung war das Genre nie weg. Wenn man sich anschaut, wie oft „Miss Marple“ oder „Poirot“ in den letzten 50 Jahren wieder verfilmt wurden! Ich glaube, die „Poirot“-Ermittlerfigur von Agatha Christie steht sogar im Guinnessbuch der Rekorde, was die Anzahl der Verfilmungen betrifft.
teleschau: Aber ist es nicht so, dass die Figuren in den Krimirätseln eigentlich nur Klischee-Typen sind, die Geheimnisse anstoßen, so wie im Brettspiel „Cluedo“?
Pastewka: Ja, das stimmt. Ich glaube, dass sich Agatha Christie nie wirklich für Figuren interessiert hat. Sie wollte nur clevere Rätsel erschaffen. Vielleicht ist das aber auch ein Erfolgsrezept des Murder Mystery-Genres. Man kann die Figuren als Platzhalter begreifen und muss nicht mit ihnen mitleiden. Es ist ja auch anstrengend, wenn man eine Serie wie „Adolescence“ schaut und die ganze Zeit Angst um diese gebeutelten Charaktere hat. Wie viel einfacher ist dagegen leichte Unterhaltung mit Klischeefiguren: der Schnösel mit dem Spitzbart, das unschuldige Hausmädchen. Die kennen wir schon aus anderen Filmen und Serien. Es sind Vereinfachungen echter Menschen, zweidimensionale Charaktere, die keinerlei Stress in uns erzeugen.
„Ich habe zwei klassische Vorbilder“
teleschau: Ist Agatha Christie die Erfinderin dieses Genres?
Pastewka: Es gibt andere, die Vorarbeit geleistet haben. Edgar Allan Poe und seine Detektivfigur C. Auguste Dupin wären da zu nennen. Auch die leider recht unbekannte Anna Katharine Green sollte man kennen, die von 1846 bis 1935 in Amerika lebte und als eine der Begründerinnen des Detektivromans gilt. Sie war auf jeden Fall die erste Frau, die einen Kriminalroman geschrieben hat. Das war 1878 „Der Fall Leavenworth“. Es ist ein Buch, in dem Forensik eine große Rolle spielt - und das tut sie bis heute. Also eine große Vordenkerin! Vergessen wir auch nicht John Dickson Carr und Dorothy Sayers.
teleschau: Kommen wir zu Ihrer Figur Fabian. Sie ist der Ermittler und gleichzeitig ein Hochstapler, denn er ist überhaupt kein Kommissar, sondern versteckt sich nur als solcher in einer Hochzeitsgesellschaft. Hat das Vorteile fürs Erzählen?

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Demnächst dreht er auch wieder mit Langzeit-Partnerin Anke Engelke: Von der Amazon-Erfolgsserie „Perfekt Verpasst“ steht die zweite Staffel an. (Bild: Boris Breuer)
Pastewka: Ja, zum einen hat es natürlich etwas Komödiantisches, dass sich der Ermittler selbst davor fürchten muss, enttarnt zu werden. Ich finde es aber auch reizvoll, wenn Figuren nicht zu verorten sind. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob die Figur in echt auch Fabian heißt, denn sie hat als Hochstapler schon viele Identitäten angenommen. Lebten wir noch im Zeitalter von „Dick und Doof“, also Stan Laurel und Oliver Hardy, könnte man einen nächsten Fabian-Film, für den es derzeit keine Pläne gibt, auch in den 60-ern oder sogar 1850 spielen lassen. Laurel und Hardy sprangen ja auch munter in der Zeit, mal rannten sie durchs Mittelalter oder den Wilden Westen, dann waren sie plötzlich lange verheiratet. Manche Figuren funktionieren, weil sie eben nicht verortet sind, und auch das hat etwas sehr Unterhaltsames.
teleschau: Haben Sie ein Lieblings-Murder Mystery?
Pastewka: Ich habe zwei klassische Vorbilder. Das eine ist die Verfilmung von „Mord im Orient-Expreß“ aus dem Jahre 1974. Diesen Film von Sydney Lumet habe ich mit 13 Jahren das erste Mal gesehen, unzählige Male danach, und ich bleibe beim Zappen immer noch hängen. Wenn ich den Film heute sehe, weiß ich noch genau, wie ich mich als 13-Jähriger beim Schauen auf dem alten Fernseher, der auf dem Dachboden stand, fühlte. Dann habe ich noch eine Empfehlung eines eher unbekannten Filmes: „Night Boat To Dublin“ von 1946, der auf Deutsch „Rauschgift an Bord“ hieß. Den habe ich bei den Recherchen für meinen Krimi-Podcast entdeckt, für den ich mittlerweile viele Filme der 40er- und 50er-Jahre schaue.
„Ich glaube, dass sich die Wirkung der Kulisse auf das Schauspiel überträgt“
teleschau: „Mord im Orient-Expreß“ ist natürlich ein Filmklassiker, aber was finden Sie am anderen Film so beeindruckend?
Pastewka: Das ist ein B-Movie, und da reden wir über Atmosphäre. Das war einer der ersten Filme, die nach dem Krieg auf Deutsch synchronisiert wurden. Da sprachen spätere Kult-Stimmen wie Hans Paetsch die Synchronfassung. Es war ein britischer Film, und die Macher hatten nicht viel Budget. Dieses Schiff, von dem da geredet wird, ist nie gefahren. Man hat nur ein wenig an der Kulisse gewackelt, um Wellengang zu simulieren. Was ich aber liebe, ist das Handgemachte an solchen Filmen. Das alles gebaut ist und mit Ambition gefilmt und nicht mit viel CGI entstanden ist, wie zum Beispiel der neue „Mord im Orient Express“-Film von Kenneth Branagh. Der Zug von 1974 stand wirklich in einem historischen Bahnhof oder später in einer Schneelawine als die Kamera lief. Ich mag dieses Echte in der Herstellung.
teleschau: Was ist so wichtig daran?
Pastewka: Ich glaube, dass sich die Wirkung der Kulisse auf das Schauspiel überträgt. Und ach: Eben ist mir ist noch etwas eingefallen, was man sich als Murder Mystery-Fan anschauen sollte: die deutsche Verfilmung des Francis Durbridge-Stoffes „Das Halstuch“ von 1962. Diese sechsteilige Serie ist ein Paradebeispiel dafür, wie viel Spannung entstehen kann, wenn man Tempo rausnimmt und Stille zulässt. Die letzte unerträglich spannende Stille, an die ich mich erinnern kann, fand in „Twin Peaks“ von David Lynch statt.
„Sind Menschen glücklicher, wenn sie sich gefunden haben?“
teleschau: Zum Abschluss wollen wir auf Ihre Erfolgsserie „Perfekt Verpasst“ mit Anke Engelke zu sprechen kommen, die ebenfalls bei Prime Video läuft. Wann kommt die zweite Staffel?
Pastewka: Wir machen weiter, noch kann ich Ihnen leider keinen Zeitplan nennen. Aber Anke und ich laufen uns schon warm!
teleschau: Die Serie ist ja nun eine ganz andere, weil das potenziell glückliche Paar, das sich in dieser kleinen Stadt immer verpasste, nun zusammen ist. Ein mutiger Schritt, oder?
Pastewka: Uns war von Anfang an klar, dass dies die Idee der zweiten Staffel sein sollte. Maria und Ralf haben sich zwar gefunden, aber was passiert denn nach der Begegnung und dem Verlieben? Sind Menschen glücklicher, wenn sie sich gefunden haben? Und passen sie perfekt zusammen? Das gilt es zu klären. Das Schönste für mich ist allerdings: Endlich gibt es viele gemeinsame Szenen mit Anke, denn sie ist so wunderbar, beflügelnd und lustig; das Beste, was ich mir beim Schauspielen vorstellen kann. (tsch)

