Nutzer machen auf Prognosemärkten Millionengewinne - oftmals mit Kriegen und dem Leid anderer Menschen.
Erbärmlich!Internet-Wetten auf Krieg und Katastrophen

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Donald Trump (hier am 6. April 2026 im Weißen Haus in der Pose eines Scharfschützen) und seine politischen Entscheidungen, vor allem in Bezug auf Krieg, sind beliebte „Wettobjekte“. AFP

Auf sogenannten Prognosemärkten wie den Webseiten Polymarket und Kalshi können Nutzer online auf alle erdenklichen Ereignisse im Weltgeschehen wetten. Aufs Wetter, auf das Geschlecht von Promi-Babys, den Ausgang des Eurovision Song Contests, auf Naturkatastrophen und Kriegsbeginne. Das ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern in den meisten Ländern illegal. Und anfällig für lukrativen Insiderhandel.
Neu angelegte Accounts wetteten etwa auf Polymarket, der größten dieser Plattformen, auf den Waffenstillstandsdeal der USA mit Iran. Und zwar hochgradig präzise für ein Abkommen am Dienstag, den 7. April – damit machten sie hunderttausende Dollar Gewinn. Ein US-Soldat wurde jetzt angeklagt, weil er mit Geheimwissen 400.000 Dollar verdient haben soll er wettete auf eine Ende der Präsidentschaft von Venezuales Präsident Maduro, an dessen Festnahme er beteiligt gewesen sein soll.
Wetten rund um Donald Trump sind beliebt
Öffentlichkeit und US-Kongress werfen Plattformen wie Polymarket und dem Konkurrenten Kalshi immer wieder vor, Insider Trading zu ermöglichen. Die Nutzer bleiben anonym. Es gibt etwa Wetten darauf, wie viele Posts eine Person – etwa Donald Trump – in Sozialen Medien in einem bestimmten Zeitraum absetzt oder wie oft gewisse Wörter in Reden genutzt werden. Ob ein USA-Iran-Deal ausgehandelt wird. Ob 2026 noch eine schwere Naturkatastrophe eintritt oder ob eine Figur in der neuesten Staffel einer TV-Serie stirbt. Gehandelt wird in Form von Ja-oder-Nein-Fragen.
Zwar hat Polymarket seine Richtlinien im März 2026 verschärft. Verboten ist demnach, vertrauliche Informationen zu seinem Vorteil beim Handel zu nutzen. Es ist auch verboten, als Person, die Einfluss auf den Ausgang eines Ereignisses nehmen kann, auf jenes Ereignis zu setzen. Die Aktivitäten eines jeden Nutzers sind öffentlich einsehbar. Es gibt Möglichkeiten, verdächtige Aktivitäten zu melden, und im Verdachtsfall kann Polymarket Nutzerdaten an die Strafverfolgungsbehörden weiterleiten. Zudem gibt Polymarket an, dass Spezialisten Handelsaktivitäten genau überwachen. Trotzdem wird Polymarket bzw. der Konkurrenz Kalshi Insiderhandel immer wieder vorgeworfen – und es ist bereits nachweislich passiert. Das Startup P2P.Me gab kürzlich zu, auf Polymarket Wetten auf das eigene Finanzierungsziel abgegeben zu haben.
Polymarket: Das Weiße Haus warnte Beamte
Auch das Weiße Haus schien es laut eines Berichts der „Washington Post“ Ende März für nötig zu halten, seine Mitarbeiter vor Aktivitäten auf Vorhersagemärkten wie Polymarket und Kalshi eindrücklich per Mail zu warnen. Dass es bereits Fälle gegeben habe, wies ein Sprecher gegenüber der BBC als „haltlose und verantwortungslose“ Behauptung zurück. Insider-Wissen für ihren finanziellen Vorteil zu nutzen, ist Regierungsbeamten natürlich verboten. Die Rundmail weist aber auf eine gewisse Unruhe hin. Wetten mit geheimem Insider-Wissen auf politische Ereignisse – das wäre ein gefährlicher Deal. Auf eine Anfrage desEXPRESS antwortete Polymarket nicht.
Polymarket selbst und dessen Befürworter sehen in Prognosemärkten eine Art Vorhersage-Orakel für die Zukunft. Laut eigener Statistik sind Ergebnisse mit den meisten Stimmen vor Schließung des Marktes am Ende zu 90 Prozent richtig. Das Versprechen von Polymarket: Die Weisheit der Vielen soll eine unvoreingenommene Prognose für die Zukunft sein. Oft liegt Polymarket tatsächlich besser als klassische Meinungsumfragen.
Wer die Plattform nutzt, macht sich strafbar
Ethisch ist es mindestens fragwürdig, sich mit dem Eintreten eines Kriegs, einer Naturkatastrophe oder Ähnlichem zu bereichern. Rein rechtlich ist die Sache klar: In Deutschland fällt Polymarket unter illegales Glücksspiel. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) sagt gegenüber EXPRESS: „Wetten auf politische Ereignisse wie Wahlen sind nach geltendem Recht in Deutschland eindeutig unzulässig.“ Laut Glücksspielstaatsvertrag 2021 sind ausschließlich Sport- und Pferdewetten erlaubnisfähig. „Alle anderen Ereignisse, auf die gewettet werden kann, darunter auch sogenannte Prognosemärkte auf Wahlausgänge, sind nicht erlaubnisfähig und damit verboten.“
Und das trifft dann nicht nur den Anbieter, „sondern auch die Teilnahme und Bewerbung solcher Angebote, die ebenfalls strafbar sein können.“ Heißt: Wer auf Polymarket wettet, macht sich strafbar. Übrigens auch in vielen anderen Ländern inklusive den USA. „Für Nutzer können zudem neben strafrechtlichen Risiken auch praktische Risiken, etwa fehlende Durchsetzbarkeit von Gewinnen oder mangelnder Schutz vor Betrug bestehen“, warnt die GGL.

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Nutzer antworten und wetten auf Ja-Nein-Fragen.
Auch sieht die Behörde Risiken der Marktmanipulation und des Insider-Handels. Die Webseite bzw. der Bereich, in dem dann Wetten abgegeben werden, ist via Geo-Blocking gesperrt. Geo-Blocking bedeutet, dass Webseiten in bestimmten Ländern nicht erreichbar sind. Zugreifen lässt sich auf Polymarket auch ohne VPN, dann aber nur im „Nur-Lesen“-Modus. Ein VPN (Virtual Private Network) ist eine Anwendung, die einen anderen Standort vorgaukelt.
Damit ließen sich auch Wetten absetzen – was offenbar auch viele tun, in den Nutzerlisten finden sich auch deutscher Nutzer, die bereits Gewinne erzielt haben. Zudem beziehen sich die meisten politischen Wetten auf Ereignisse in den USA. Laut der Plattform „Token Terminal“ hat Polymarket 718000 aktive monatliche Nutzer, mit einem besonderen Anstieg seit Ende 2025. Der derzeitige Anführer der Ranglisten, ein Nutzer mit Namen „Theo4“, hat auf Polymarket vor allem 2024 mit diversen Wetten auf eine Präsidentschaft von Donald Trump Profit gemacht. Sein Gesamtgewinn: 22053934 Dollar (ca. 18,8 Mio Euro).
