9

Alarmstufe Rot am RheinDroht unserem Fluss jetzt die Spaltung?

Blick auf Burg Stahleck. Im Hintergrund sieht man den Grund des Flusses.

Copyright: Boris Roessler/dpa

Extremes Niedrigwasser auf dem Rhein lässt bei Bacharach hinter der Burg Stahleck den Grund des Flusses sichtbar werden.

Der Rhein trocknet aus! Wegen des extremen Niedrigwassers droht dem Fluss die Spaltung – mit fatalen Folgen für die Wirtschaft.

Der Pegel fällt und fällt! Bei Kaub wird der Rhein für Schiffe zur Sackgasse. Eine Katastrophe für die Wirtschaft – mit direkten Folgen für Köln.

Die zeitweilige Aussetzung des Sonntagsfahrverbots für Lkw hat laut dem NRW-Verkehrsministerium schon am ersten Wochenende für mehr Lastwagen auf den Autobahnen gesorgt. „Größere zusätzliche Staus blieben aber aus“, teilte Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) in Düsseldorf mit. „Die befristete Aufhebung des Lkw-Fahrverbots ist notwendig, um trotz des extremen Niedrigwassers am Rhein die Versorgung der Wirtschaft und wichtige Lieferketten zu sichern“, bekräftigte er. Für eine endgültige Auswertung des ersten Wochenendes sei es jedoch noch zu zeitig.

Transportbranche atmet auf: Fahrverbot-Lockerung kommt gut an

Krischer äußerte sich auch zur Kritik von Umweltschutzorganisationen. Die Ausnahmeregelung vom Fahrverbot am Sonntag müsse auf das absolut Nötigste beschränkt werden. „Sobald es die Situation auf dem Rhein wieder zulässt, müssen die Güter zurück auf die Wasserstraße“, bekräftigte der Minister. Neben Nordrhein-Westfalen haben auch Niedersachsen, Rheinland-Pfalz sowie das Saarland das Verbot wegen der Wasserknappheit zeitweise gelockert.

Auch das Land Baden-Württemberg plant, ab dem bevorstehenden Wochenende den Lkw-Verkehr sonntags temporär zu gestatten. Sachsen hingegen lehnt eine pauschale Lockerung ab und verweist auf die Möglichkeit von Einzelgenehmigungen. Dies geschieht, obwohl zahlreiche Frachtkähne wegen der geringen Wasserstände aktuell nur einen Bruchteil ihrer normalen Ladung transportieren können.

Die temporäre Aussetzung des Lkw-Fahrverbots soll möglichen Versorgungsengpässen vorbeugen. Die Transportunternehmen in der Region begrüßen die Erweiterung der Fahrzeiten auf den Sonntag. „Wir begrüßen die temporäre Aufhebung des Verbots sehr“, erklärte Rüdiger Ostrowski, der Geschäftsführer des Verbands Spedition und Logistik in NRW, gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die entsprechende Anordnung des Landes sei am Freitag innerhalb nur eines Tages und somit ungewöhnlich rasch umgesetzt worden. Aus diesem Grund habe man viele Mitgliedsfirmen nicht mehr rechtzeitig erreicht.

Am vergangenen Wochenende sei in NRW deshalb kaum ein erhöhtes Lkw-Aufkommen zu verzeichnen gewesen, schlicht weil die Logistiker noch nicht darauf reagieren konnten. Doch das werde sich ändern, zeigte sich Ostrowski überzeugt. Die Aussetzung des Fahrverbots sei eine enorme Erleichterung für die komplexen Transportketten in dieser Phase extremer Dürre. „Wir müssen jetzt übergeordnet und vernetzt denken“, sagte Ostrowski. Letztendlich sei es die Aufgabe der Speditionen, die Container aus Rotterdam termingerecht ins Rheinland zu schaffen. Und der Transportweg auf dem Wasser wird immer unzuverlässiger.

Schifffahrt vor dem Aus: Rhein droht die Zweiteilung

Aufgrund der aktuellen Wasserknappheit könnte der Rhein nach Einschätzung des Binnenschifffahrtsverbands (BDB) schon bald nicht mehr auf seiner gesamten Länge befahrbar sein. Im Wochenverlauf werde, „an dem für Schifffahrt und Wirtschaft wichtigen Pegel Kaub erstmals ein nur noch einstelliger Wert prognostiziert“, so die Aussage von BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen.

Im Grunde genommen wäre der Rhein dadurch in zwei Abschnitte geteilt. „Es gibt nach wie vor Schifffahrt zwischen den ARA-Häfen (Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen) und Nordrhein-Westfalen bis etwa Köln, und zwar über den Rhein und das westdeutsche Kanalgebiet“, erläuterte Schwanen. „Und es gibt weiter südlich Schiffsverkehr an den Nebenflüssen Neckar, Mosel, Main, Main-Donau-Kanal.“

Bei dem prognostizierten Tiefstand bei Kaub werde die kommerzielle Schifffahrt in diesem Bereich jedoch „keinen Gütertransport mehr durchführen können“, warnte der Geschäftsführer des Verbands. Das Gleiche treffe auf die Passagierschifffahrt mit Ausflugs- und Kreuzfahrtschiffen zu.

Historische Tiefststände belasten die Wirtschaft

Die großen Ströme in Deutschland führen wegen der andauernden Trockenperiode an vielen Stellen extrem wenig Wasser. Am Rhein wurden über das Wochenende in Nordrhein-Westfalen Rekord-Tiefstände registriert. Der Wasserstand bei Kaub betrug früh am Montagmorgen lediglich 17 Zentimeter, wie von der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt verlautbart wurde. Der bis dahin geringste bekannte Wert war im Jahr 2018 mit 25 Zentimetern gemessen worden. Die niedrigen Pegel bereiten der Binnenschifffahrt gewaltige Schwierigkeiten, weil die Frachter erheblich weniger Fracht befördern können. Dies steigert die Transportpreise und trifft besonders Industriezweige, die auf den Transport von Massengütern angewiesen sind.

Wirtschaftsexperten mahnten bereits vor deutlichen Konsequenzen für die deutsche wirtschaftliche Entwicklung. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, bewertete die ökonomischen Auswirkungen des Rekord-Tiefstands noch als kontrollierbar. Die Lage könne sich allerdings zu einer ernsthaften Gefahr für die Konjunktur auswachsen, erklärte er gegenüber dem Online-Portal Politico. „Sollte das Niedrigwasser noch vier bis sechs Wochen andauern, könnte das einen signifikanten Schaden für die Wirtschaft bedeuten.“

Gigaliner als Lösung? Handel fordert dauerhafte Erlaubnis

Die Lobbyorganisation des Einzelhandels, HDE, plädierte dafür, sogenannte Gigaliner auf Dauer zu genehmigen. Diese Lkw seien in der Lage, wesentlich mehr Fracht als herkömmliche Lastwagen zu befördern, teilte der Handelsverband am Montag mit. Für die Lang-Lkw sei jedoch der Ausbau eines verlässlichen Streckennetzes erforderlich. Reguläre Lkw haben eine maximale Länge von 18,75 Metern, während die als Gigaliner bekannten Fahrzeuge bis zu 25,25 Meter messen.

„Der Einzelhandel ist auf eine funktionierende Logistik im ganzen Land angewiesen“, machte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth deutlich. Es würden zwar nur sehr wenige Waren für den Einzelhandel per Schiff geliefert. Bei Verlagerungen von Schiffstransporten auf Lkw und Schiene könnten jedoch Engpässe auftreten, die dann auch der Handel spüren würde. „Wenn man dann noch den seit Jahren akuten Lkw-Fahrermangel sieht, wird klar, dass derzeit alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollten.“

Kölner Pegel im Sinkflug: Keine Besserung in Sicht

Derzeit wird laut HDE über eine Anpassung der Verordnung für Lang-Lkw beraten – jedoch „mit einer abermals nur befristeten Genehmigung“. Der Verband fordere „endlich einen Übergang in den Regelbetrieb“. Firmen könnten den Einsatz von Gigalinern nur dann weiter vorantreiben, wenn sie die Gewissheit hätten, dass die Fahrzeuge auch langfristig genutzt werden dürfen. „Dass wir dieses Verkehrsmittel brauchen, macht die aktuelle Situation deutlich“, hob Genth hervor. Der Betrieb von Gigalinern wurde bis Ende 2016 über einen Zeitraum von fünf Jahren erprobt. Seit 2017 ist ihr Einsatz auf ausgewählten Strecken, hauptsächlich Bundesfernstraßen, erlaubt.

Nach Auskunft des Bundesverkehrsministeriums kompensieren zwei Lang-Lkw drei Touren mit konventionellen Lastwagen, wobei die Einsparungen beim Kraftstoff zwischen 15 und 25 Prozent betragen. Ein erhöhter Instandhaltungsaufwand für die Straßen entstehe nicht, auch weil die Gewichtsgrenze von 40 Tonnen für die meisten Lkw ebenso für Gigaliner gilt. Eine Entspannung der Lage ist nicht absehbar, eher eine weitere Zuspitzung. Am Montag lag der Pegel in Köln laut dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt bei 62 Zentimetern. Für Dienstag wird ein Absinken auf 57 Zentimeter prognostiziert, und für Freitag wird ein weiterer Rückgang auf 51 Zentimeter erwartet. (mit dpa, afp)

Werner Brombach
Viele Promis in den Werbespots
Weißbier-Pionier Werner Brombach (†86) gestorben