Abo

Ihr letzter HilfeschreiTatortreinigerin findet Zettel: „Hilfe! Bitte helft mir! Ich sterbe“

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz

Copyright: Jacob Schröter/dpa

Lotze hat sich vor zwölf Jahren selbstständig gemacht.

Folgen

Ihr Job ist der Tod. Doch dieser Fund schockiert selbst sie.

Stumm und mit routinierten Bewegungen streifen sich Bernadeta Lotze und ihre Crew die Schutzkleidung über. Dann steigen sie die schmale Treppe empor. Oben im Dach eines Hauses im Thüringer Wald bahnt sich das Team einen Weg durch Türme aus Verpackungsmüll, fauligen Essensresten und Gerümpel. Ein süßlicher Gestank hängt in der Luft, der selbst die Masken durchdringt. Auf dem Fußboden kriechen Maden, einige bereits verpuppt. „Wir wissen nie, womit wir es zu tun haben“, sagt Lotze.

Die 47-Jährige ist von Beruf zertifizierte Tatortreinigerin. Ihr Unternehmen aus Zella-Mehlis in Südthüringen hat sich auf das Säubern von Leichenfundorten spezialisiert. Sie entfernt Blut, Körperflüssigkeiten und Überreste der Verwesung. Ihr Team wird gerufen nach Gewalttaten, Unfällen, Suiziden oder auch bei natürlichen Todesfällen, damit die Räume wieder bewohnbar werden – und frei von Bakterien, Schimmelpilzen und Viren sind.

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz

Copyright: Jacob Schröter/dpa

Tatortreiniger arbeiten in Ganzkörper-Schutzanzügen, mit Atemschutzmasken und Spezialhandschuhen, um sich vor Infektionen durch Krankheitserreger zu schützen.

Vom Polizeiwunsch zur Tatortreinigerin

Ursprünglich hatte Lotze einen ganz anderen Plan: Sie wollte zur Polizei. Nachdem dieser Berufswunsch aber scheiterte, entschied sie sich um: Statt Spuren zu sichern, beseitigt sie diese nun. „Wenn nach vorn nichts geht, musst du eben nach links oder rechts – irgendwo ist immer eine Tür, die sich öffnet.“

Heute führt die staatlich geprüfte Desinfektorin einen Familienbetrieb mit elf Mitarbeitenden, den sie vor zwölf Jahren aufbaute. Ihr Bruder, ihre Schwägerin und auch der älteste Sohn packen mit an. Bei jedem Einsatz pflegt das Team ein Ritual: Aus Achtung vor den Verstorbenen betreten sie jede Wohnung mit einem „Guten Tag“. Tatortreiniger sind die letzten Zeugen. „Wir sehen Dinge, die nach uns keiner mehr sieht“, sagt Lotze. „Und wir behalten sie für uns.“

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz

Copyright: Jacob Schröter/dpa

Der Beruf von Lotze ist psychisch und körperlich extrem anstrengend.

„Wenn ich Ekel hätte, wäre ich hier falsch“

Der Job fordert mehr als nur Verschwiegenheit. Er ist körperlich eine echte Knochenarbeit und emotional extrem belastend. „Das kann nicht jeder machen“, weiß die zierliche, blonde Frau. „Wenn ich Ekel hätte, wäre ich hier falsch“, ergänzt sie mit ihrem markanten polnischen Akzent. Die Wohnungen, die sie ausräumt und säubert, verraten selbst nach dem Tod noch eine Menge über ein vergangenes Leben.

Da ist das Regal, wo mitten im Durcheinander die Putzmittel sauber aufgereiht stehen. Eine Notiz am Kühlschrank erinnert an Kürbissuppe und Erdbeeren. Oder ein kleiner schwarzer Teddy, durchbohrt mit bunten Stecknadeln. „Wir wissen nicht, welche Bedeutung diese Dinge für die Menschen hatten. Wir bilden uns kein Urteil über sie und bewerten auch nicht ihr Leben.“

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz

Copyright: Jacob Schröter/dpa

Tatortreiniger wissen nie, was sie alles an ihren Einsatzorten erwartet und womit sie es zu tun bekommen.

Sie kämpft sich weiter durch den Abfall und deutet auf eine dreckige Matratze. An dieser Stelle lag eine Frau wochenlang tot. „So will keiner enden und vergessen werden.“ Dass Leute einsam sterben und es niemand merkt, damit wird sie auch nach Jahren nicht fertig. „Daran gewöhne ich mich nie“, meint die zweifache Mutter. Zum Ausgleich liest sie Krimis.

Job aus TV-Serie „Der Tatortreiniger“ ist Nischenmarkt

„Tatortreiniger brauchen eine gute, stabile Psyche – und vor allem ganz viel Fachwissen“, erklärt Christopher Lücke, Sprecher des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks. Doch die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Echte Profis sind aber meist gelernte Gebäudereiniger mit besonderen Weiterbildungen.

Die Kultserie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel hat den Job berühmt gemacht. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Die Arbeit findet im Verborgenen statt, betont Lücke. Innerhalb der Branche sei die Tatortreinigung ein absolutes Nischenangebot.

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz

Copyright: Jacob Schröter/dpa

Unzählige Müllsäcke sind zu packen, bis die Wohnung geräumt ist.

Das Gebäudereiniger-Handwerk beschäftigt in Deutschland fast 700.000 Menschen. Doch laut Verband gibt es bundesweit nur eine Handvoll Spezialisten. „Auf unserer Dienstleistungsseite, wo Kunden nach Regionen und Anbietern schauen können, finden sich bundesweit 50 Unternehmen, die dezidiert die Tatortreinigung anbieten.“

Letzte Botschaft: „Hilfe! Bitte helft mir! Ich sterbe“

Am Ende des Tages ist auch die Wohnung in Thüringen leer und gesäubert. Die Hinterlassenschaften eines ganzen Lebens sind in einem Container verschwunden. Doch dann kommt der Moment, der selbst einen Profi wie Bernadeta Lotze sprachlos macht. Beim Räumen findet sie ein kariertes Blatt Papier. Darauf steht mit schwarzem Filzstift in Druckbuchstaben eine letzte, verzweifelte Botschaft: „Hilfe! Bitte helft mir! Ich sterbe“. (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

Einsatzkräfte und Helfer am See mit Boot
Tragödie am Badesee
Mädchen (13) ertrinkt – jede Hilfe kam zu spät