Ertrunken, Plünderer, RuinenFamilie aus dem Ahrtal schildert ihr bewegendes Flut-Schicksal

Familie in Dernau zeigt Pegelstand des Hochwassers von Juli 2021

Christian Schrading und Sohn Arne zeigen Mitte September 2021 auf den sechs Meter hohen Pegelstand der Flut in Dernau an der Hauswand.

Die Menschen im Ahrtal wollen nicht vergessen werden. Acht Wochen nach der Hochwasserkatastrophe geht EXPRESS.de am Ort des Dramas auf Spurensuche. Und trifft auf Familie Schrading in Dernau.

von Markus Krücken (krue)

Dernau. Vater und Sohn stehen an ihrer Hauswand auf der Hauptstraße und zeigen auf die roten Ziffern darauf: 2021.

„Ja, das sind von hier aus über 6 Meter, so hoch stand das Wasser“, sagt Christian Schrading (46). Und wir müssen schlucken.

Hier können Sie sich das Video von der Lage der Familie Schrading in Dernau anschauen:

Die Pegelstände der Hochwasser der Vergangenheit sind ebenfalls markiert, aber kein Vergleich zu der Marke vom Juli. „Im Sommer halten sich die Touristen den Bauch und lachen bei der Marke von 1804, jetzt lacht keiner mehr. Das Elend ist groß“, so der Schreiner und Leiter der örtlichen Feuerwehr, als er uns in seine Scheune und das Wohnhaus mitnimmt. Vielmehr: Was davon jetzt noch übrig ist.

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Hochwasser-Katastrophe im Ahrtal: Familie Schrading zeigt die Ruinen

Der Schaden durch die Flut belaufe sich auf mehr als 300.000 Euro, sagt er. Das Ganze ist nichts weiter mehr als eine Ruine. Wäre die Familie nicht versichert gewesen, würde sie jetzt vor dem Nichts stehen.

Aber Schrading hält sich an seiner FC-Fahne auf dem versifften Balkon und seiner Frohnatur fest: „Die ersten Leute sagten in den Tagen nach der Flut: Wir ziehen jetzt hier weg. Ich sagte: Ich baue wieder auf. Einer muss doch vorne weg gehen.“

Der Familienvater schildert uns, wie er den Horrortag und die Nacht vom 15. Juli erlebte, ja besser: überlebte.

„Ich bin Leiter der örtlichen Feuerwehr. Wir wussten, es kommt was und haben mittwochs Sandsäcke gefüllt. Aber dass das Wasser so schnell und so hoch kam, damit konnte keiner rechnen. Bei dieser Höhe kannst du nichts mehr machen. Meine Frau rief an: Komm nach Hause. Aber als ich ankam, stand das Wasser schon kniehoch am Tor. Ich sah es erst noch nicht als Gefahr...“

Schließlich hatte es ja 2016 schon ein Hochwasser im Ahrtal gegeben, das eher glimpflich verlief. Zumindest im Vergleich zu dem, was jetzt geschehen sollte.

Denn dann ging es gespenstisch schnell. Der Pegel stieg immer schneller, verwandelte die Hauptstraße schon bald in einen reißenden Fluss.

Surreale Bilder spielten sich ab. Schradings Kumpel und Feuerwehrkollege Norman Heß wohnt nur ein paar Häuser weiter, erzählt uns eine Horror-Anekdote: „Meine Frau musste mit anhören, wie die ältere Dame im Haus gegenüber ertrank. Sie war in ihrer Wohnung eingeschlossen.“

Schrading entschied sich mit seiner Familie rechtzeitig nach oben zu flüchten, als das noch möglich war: „Irgendwann lief es dann ins Haus rein und da haben wir entschieden: Wir gehen ins Obergeschoss. Innerhalb von 25 Minuten war das Erdgeschoss vollgelaufen. Wir haben zwei Etagen verloren. Schließlich sind wir aus dem Fenster rüber aufs Zwischendach und sind ins Fenster der Nachbarn oben reingeklettert“.


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Was für Momente. Was für eine Angst. Zittern zu müssen, dass das Wasser wieder sinkt. Das eigene Haus, in dem man seit elf Jahren gut und gerne wohnt, taten- und hilflos absaufen sehen zu müssen. Der Wohnwagen, der im Hinterhof stand – einfach weggespült. Mitsamt aller Erinnerungen aus dem Wohnbereich. Den Kinderfotos.

„Zwei Tage lang hatten wir nur noch neun Flaschen Wasser für fünf Personen. Ich war so froh, als es vorbei war und ich dann wieder eine Dose Cola in die Hand kriegen und trinken konnte“, sagt Sohn Arne (12).

Vater Christian seufzt beim Gang durch die Ruine: „Klar haben wir wieder saubere Straßen, das hilft psychisch. Hier bewegt sich was im Dorf. Der Krisenstab macht eine gute Arbeit. Die Unterstützung der Helfer war enorm. Das Haus vom Schlamm zu befreien, das war schon krass. Aber wir rechnen mit zwei Jahren insgesamt für den Wiederaufbau. Die Leute müssen jetzt erst einmal eine Notheizung reinbekommen. Sonst gibt es ein echtes Problem im Winter.“

Tod in der Flut: Zwei Feuerwehrleute kamen im Hochwasser von Dernau ums Leben

38 Leute umfasst seine Feuerwehr-Truppe, 36 waren und sind persönlich betroffen und vom Hochwasser geschädigt. Und noch schlimmer: „Zwei Mann haben wir verloren durch die Flut, sie haben es aus der Wohnung nicht mehr herausgeschafft. 35 und 61 Jahre alt“, sagt Schrading leise.

Auch der heilige Matthias ging in der Flut mit unter. Oder wurde er geklaut? Die Figur aus dem Heiligenhäuschen direkt vor Schradings Wohnhaus auf der Hauptstraße ist jedenfalls seit der Hochwasserkatastrophe verschwunden.

„Das Heiligenhäuschen war das erste, was wieder aufgebaut worden ist. Der heilige Matthias, die Figur, ist jedoch abhanden gekommen. Wir wissen nicht, ob es Plünderer waren, aber vermuten es. In den ersten Tagen war ja alles da: Reichsbürger, Querdenker, Rechtsradikale“, sagt er.

Unterkriegen lässt sich der 46-Jährige indes auf keinen Fall. Er weiß, dass jetzt für ihn und die Einwohner des 1700-Seelen-Dorfs erst mal nichts als Knochenarbeit wartet.

Aber er packt es an, steht auch seinen Mann in seinem Job in der unweiten Schreinerei, die ebenfalls fast komplett vollgelaufen war, aber den Betrieb inzwischen schon wieder aufgenommen hat.

Sein Schlusswort zum Abschied aus dem Dorf im Aufbruch ist trotz des Horrors der letzten Wochen geradezu typisch für ihn: „Wir sind hier an der Ahr ja halbe Rheinländer. Kopf hoch! Was willst du sonst machen?“