„Ausmaß übertrifft alles“ Entsetzen über brutale Folter-Videos aus russischem Gefängnis

In Russland ist Gewalt in Gefängnissen keine Seltenheit. Ein Ex-Insasse und ein Menschenrechtler veröffentlichen Videoaufnahmen der Folter. Das Symbolfoto (aufgenommen am 2. Oktober 2021) zeigt ein Gebäude der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, die Mauer wird mit einem Stacheldrahtzaun umschlossen.

In Russland ist Gewalt in Gefängnissen keine Seltenheit. Ein Ex-Insasse und ein Menschenrechtler veröffentlichen Videoaufnahmen der Folter. 

Russlands Gefängnisse und Straflager sind berüchtigt für rohe Gewalt.  Nun belegt eine beispiellose Menge an Videos die tiefsten Abgründe des russischen Strafvollzugs. Ändert das etwas?

Moskau. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis in der russischen Wolga-Metropole Saratow fürchtet Sergej Saweljew um sein Leben. Der junge Mann hat Unmengen an Videomaterial aus dem Knast geschmuggelt, um die Abgründe des Strafvollzugs öffentlich zu machen.

„Es sind Videos voller schrecklicher, sadistischer Szenen“, sagt der 31-Jährige, der in Frankreich Asyl erhalten hat. Zu sehen sind nackte gefesselte Gefangene, die auf jede erdenkliche Weise gequält werden.

„Bombe von 100 Gigabyte“ Film über Folter in russischen Gefängnissen

Dass in Russland Gefangene gefoltert werden, ist nichts Neues. Aber das Ausmaß, das nun bekannt wird, übertrifft alles Vorstellbare, wie Wladimir Ossetschkin vom Menschenrechtsprojekt Gulagu.net sagt. Vor allem die Anfang Oktober veröffentlichten Videos aus dem Gefangenen-Krankenhaus Nummer eins in Saratow lösten breites Entsetzen aus. Saweljew arbeitete dort in der Video-Überwachung – und hatte so Zugang zu den Dateien. Nach seiner Freilassung übergab er sie an Ossetschkin.

Es werden Videos von Folterungen in russischen Straflagern veröffentlicht, doch es findet keine strafrechtliche Verfolgung statt. Zu sehen auf dem Foto (aufgenommen am 1. November 2021) : Der Menschenrechtler Wladimir Ossetschkin (l), der gegen Folter an Gefangenen im russischen Strafvollzug kämpft, und der frühere Gefangene Sergej Saweljew.

Es werden Videos von Folterungen in russischen Straflagern veröffentlicht, doch es findet keine strafrechtliche Verfolgung statt. Zu sehen auf dem Foto: Der Menschenrechtler Wladimir Ossetschkin (l), der gegen Folter an Gefangenen im russischen Strafvollzug kämpft, und der frühere Gefangene Sergej Saweljew.

Nach Saweljews Freilassung übergab er die Videodateien an Ossetschkin. Sie reden fast täglich mit internationalen Medien, arbeiten mit Dokumentarfilmern. Ihr Ziel ist es, die bisher wohl größte Enthüllung von Gewalt in russischen Gefängnissen öffentlich zu machen. Damit riskieren sie jedoch ihr Leben – sie bekommen sogar Morddrohungen.

Russlands Starmoderatorin Xenia Sobtschak hat ihren Film mit Blick auf die Datenmenge eine „Bombe von 100 Gigabyte“ genannt. Zu Wort kommen auch misshandelte Gefangene. Mehr als zwei Millionen Menschen haben den Film bisher bei Youtube aufgerufen.

Russlands Regierung ignoriert Straftaten in Gefängnissen

Ossetschkin wirft dem Strafvollzug und dem Inlandsgeheimdienst FSB vor, ein System der Unterdrückung und Erniedrigung geschaffen zu haben. Zwar sind die von Saweljew beschuldigten Beamten aus dem Strafvollzug entlassen. Festnahmen gab es bisher aber keine. Stattdessen hat die Justiz gegen Saweljew Haftbefehl erlassen und ihn zur Fahndung ausgeschrieben. 

Es werden immer mehr Videos veröffentlicht, in denen Folter in russischen Straflagern zu sehen ist. Auf dem Foto (aufgenommen am 6. Oktober 2021) sieht man das Gefangen-Krankenhaus Nummer eins in Russland.

Es werden immer mehr Videos veröffentlicht, in denen Folter in russischen Straflagern zu sehen ist. 

„Obwohl alle sehen können, was in den Straflagern vor sich geht, gibt es keine objektiven Ermittlungen“, sagt er. Die Veröffentlichungen sollen aber weitergehen. Er hat Namen der mutmaßlichen Täter des Strafvollzugs veröffentlicht. Oft aber würden die Wächter nicht selbst die Gewalt verüben, sondern Mitgefangene.

Russische Gefängnisinsassen foltern sich gegenseitig

Gefangene ließen sich auf die Gewalt gegen Mitinsassen ein, um für sich Vorzüge wie mildere Urteile, vorzeitige Freilassung oder auch nur Alkohol zu erkaufen. Bisweilen könnten Kriminelle zudem Strafaktionen gegen ihre Feinde im Gefängnis bestellen, heißt es. Eingesetzt werde die Gewalt aber zuletzt, da derjenige, der als Ermittler Schuldige präsentiert, auf Boni und Beförderung hoffen kann.

In einem offenen Brief an Wladimir Putin fragte Ossetschkin zuletzt, ob er wisse, dass ihn Generäle und Offiziere „an der Nase herumführten“ und nichts täten gegen die Gewalt. Oder ob der Präsident gar selbst Bescheid wisse – und „die Folter persönlich zulässt“. Eine Antwort darauf gibt es nicht.

Wenig Hoffnung für Verfolgung der Straftaten in russischen Gefängnissen

„Das Ausmaß an Folter, Korruption, unmenschlichen Behandlungen und Morden übertrifft alles. Die Welt sieht nun diese massenhaften Verbrechen“, sagt Ossetschkin. Er fordert unter anderem eine härtere Bestrafung für Folter im Strafvollzug in Russland sowie ein Ende der Verfolgung jener, die Missstände öffentlich machen.

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Doch die prominente Menschenrechtlerin Olga Romanowa, die sich für die Rechte von Gefangenen einsetzt, hat da keine Hoffnung. Vielleicht führten Saweljews Enthüllungen kurzzeitig zu weniger Folter. „Es gibt aber keine Illusionen, dass sich etwas ändern lässt. Der Strafvollzug selbst ist in seinem Zustand eine Verletzung der Menschenrechte.“ (dpa)

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