Selbst die Eltern wissen es nicht: Die bange Suche nach Vermissten nach dem Feuer in Crans-Montana geht weiter. Mindestens 80 Menschen schweben weiter in Lebensgefahr.
Rund 40 Tote nach Schweiz-Inferno80 bangen um ihr Leben: „Er ist völlig verbrannt“
Aktualisiert
Liegen sie schwerverletzt im Krankenhaus oder sind sie nicht mehr am Leben? Seit dem Inferno in der Bar „Le Constellation“ im Schweizer Nobel-Skiort Crans-Montana suchen die beiden 17-jährigen Eléonore und Elisa nach ihren Freunden, die in dem bei jungen Leuten beliebten Lokal Silvester gefeiert hatten.
Nach dem verheerenden Brand steht die genaue Opferzahl am Freitag noch immer nicht fest, die Identifizierung der vielfach stark verbannten Todesopfer könnte Tage oder sogar Wochen dauern.
„Vielleicht haben sie ihr Telefon verloren“
„Wir haben versucht, sie zu erreichen“, sagen Eléonore und Elisa, die im Kanton Wallis wohnen, über ihre Freunde. Einige ihrer Handys seien noch im „Le Constellation“ geortet worden. „Vielleicht haben sie ihr Telefon verloren.“ Das Feuer in der Bar brach während der Silvester-Party in der Nacht zum Donnerstag gegen 1.30 Uhr aus.
Augenzeugen berichteten, wie sich die Flammen rasend schnell im Untergeschoss des Lokals ausbreiteten und die Gäste in Panik schreiend versuchten, der Feuerfalle zu entkommen.
Mindestens 80 schweben in Lebensgefahr
Die Behörden sprechen von etwa 40 Todesopfern und 115 Verletzten. Die meisten von ihnen erlitten schwere Verletzungen. Mindestens 80 von ihnen befänden sich in einem lebensgefährlichen Zustand, sagte der Präsident der Kantonsregierung des Wallis, Mathias Reynard, einer Regionalzeitung. Da Crans-Montana viele internationale Gäste anzieht, wird mit einigen Nicht-Schweizern unter den Opfern gerechnet.
In Online-Netzwerken überschlagen sich die Suchanfragen, um vermisste Verwandte und Freunde zu finden. Auch Eléonore und ihre Freundin haben es auf diesem Weg versucht. „Wir haben lauter Fotos gemacht. Wir haben sie auf Instagram, Facebook, allen möglichen sozialen Netzwerken gepostet“, sagt Eléonore. Dennoch hätten sie auf diese Weise nichts über das Schicksal ihrer Freunde erfahren. „Selbst ihre Eltern wissen es nicht“, sagt die 17-Jährige.
„Er ist völlig verbrannt, er liegt im Koma“
Ihre Freundin Elisa sagt während des Gesprächs, sie habe gerade etwas über einen ihrer Freunde erfahren: „Er ist völlig verbrannt, er liegt im Koma“, sagt sie über den jungen Mann, der nun wie einige andere Verletzte aus Crans-Montana in der auf Brandopfer spezialisierten Uni-Klinik in Lausanne behandelt werde.
Die Behörden betonen, dass es Zeit braucht, die Todesopfer zweifelsfrei zu identifizieren, voraussichtlich mehrere Tage. Bis Donnerstagabend konnten selbst von den Verletzten fünf noch nicht identifiziert werden, wie der italienische Botschafter Gian Lorenzo Cornado der Nachrichtenagentur AFP sagte.
Crans-Montana steht unter Schock
Ein paar hundert Meter entfernt von der Bar „Le Constellation“, die nun von blickdichten Planen umgeben ist, wurde ein Krisenzentrum eingerichtet. Polizisten sorgen dafür, dass Medienvertreter keinen Zutritt bekommen, damit sich Angehörige der Brandopfer unbehelligt Hilfe suchen können. Diplomaten und Behördenvertreter halten sie auf dem Laufenden, außerdem stehen Experten für die psychosoziale Betreuung der geschockten Angehörigen bereit.
Auch Geistliche bieten in dem Krisenzentrum ihre Unterstützung an. „Wir haben sofort mobil gemacht, um alle Familien jeglicher Konfessionen zu unterstützen“, sagt der örtliche Rabbiner Levi Pevzner. Seine Gemeinde habe für das Krisenzentrum Suppen und andere Mahlzeiten zubereitet. Der Einsatz habe klein angefangen, mittlerweile beteiligten sich aber „immer mehr Menschen“ daran.
Crans-Montana steht weiter unter Schock. In den Cafés, die wieder offen haben, geht es am Freitagvormittag überall um das Feuer. Gäste sprechen darüber, dass sie Betroffene kennen oder wie lange es wohl dauern wird, bis Crans-Montana sich von diesem schrecklichen Ereignis erholt hat.
„Die Atmosphäre ist schwermütig“, sagt Dejan Bajic. Der 56-Jährige aus Genf macht bereits seit 1974 regelmäßig Urlaub in Crans-Montana. Der Ort sei „wie ein kleines Dorf: Jeder kennt jemanden, der einen Betroffenen kennt“, fügt er mit Blick auf die Brandkatastrophe im „Le Constellation“ hinzu. Vor der Bar legen derweil Menschen Blumen nieder für die vielen Opfer, deren Namen noch nicht bekannt sind. (afp)


