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„Aussage des RKI ist falsch“ Virologe warnt vor einer „unsichtbaren Welle der Geimpften“

Der Virologe Alexander Kekulé ordnet seit März 2020 im MDR-Podcast „Corona-Kompass“ die Entwicklungen der Pandemie ein. Er steht lächelnd im Studio.

Der Virologe Alexander Kekulé ordnet  seit März 2020 im MDR-Podcast „Corona-Kompass“ die Entwicklungen der Pandemie ein. Er warnt in einem RND-Interview nun vor einer „unsichtbaren Welle der Geimpften“.

Beim Infektionsgeschehen in Deutschland gab es zuletzt wenig Dynamik. So mancher mag nun schon das Ende der vierten Corona-Welle wittern. Doch der Virologe Alexander Kekulé warnt nun vor einer unkontrollierbaren Infektionswelle, wenn Deutschland im Herbst komplett aufmacht.

Berlin. Seit etwa zwei Wochen sind die Corona-Infektionszahlen in Deutschland relativ stabil - zuletzt sind sie sogar etwas gesunken. Die Sieben-Tage-Inzidenz war in Deutschland weiter rückläufig. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Mittwochmorgen (22. September) mit 65 an. Am Vortag hatte der Wert bei 68,5 gelegen, vor einer Woche bei 77,9.

Ist das Gröbste also überstanden? Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle und ehemaliger Berater der Bundesregierung für biologischen Bevölkerungsschutz, warnt im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vor einer unkontrollierbaren Infektionswelle, sollte Deutschland – wie zuletzt etwa vom Chef der Kassenärzte gefordert – die Maßnahmen fallen lassen.

„Wir haben nur unbefriedigende Prognosen für den Herbst. Die Fachleute können kaum vorhersagen, wie sich die vierte Welle entwickeln wird“, erklärt Kekulé. Während im vergangenen Jahr die Analysen einfacher waren, weil klar war, wie viele Menschen erkranken und sterben, sei es nun schwieriger zu sagen, wie sich die Impfungen auf die Zahlen auswirken.

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„Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich in Deutschland noch für eine Impfung entscheiden werden“, so Kekulé. „Bei der Delta-Variante ist zudem unklar, wie viele Menschen geimpft sein müssen, um einen Teil der Maßnahmen aufzuheben.“ Australische Wissenschaftler hätten berechnet, dass eine Impfquote von 80 Prozent der Erwachsenen für das Beenden aller Maßnahmen ausreichen könnte. In Deutschland haben gut 67 Prozent aller Einwohner in Deutschland bisher mindestens eine Impfung erhalten, über 63 Prozent sind vollständig mit der zweiten Spritze geimpft. 

Kekulé: „RKI-Aussage, Geimpfte spielten keine Rolle, ist falsch“

Kekulé: „Eine wichtige Unbekannte ist hier, wie stark die Impfdurchbrüche ins Gewicht fallen. Das Robert Koch-Institut müsste diesbezüglich eigentlich seine Einschätzung überarbeiten.“

Der Grund: Geimpfte seien zwar auch bei der Delta-Variante vor einem schweren Krankheitsverlauf und dem Tod weitgehend geschützt. „Sie können das Virus jedoch an andere weitergeben.“ Es sei unklar, wie häufig das vorkommt. „Nach derzeitiger Datenlage scheint der Schutz vor Infektionen durch eine vollständige Impfung bei 50 bis 70 Prozent zu liegen. Die Aussage des RKI, die Geimpften spielten keine Rolle mehr beim Epidemiegeschehen, ist jedenfalls falsch.“

Damit könnten Geimpfte das Infektionsgeschehen beschleunigen, sie verhalten sich risikobereiter, haben mehr Kontakte, so Kekulé. Sie würden nicht getestet, kommen nicht in Quarantäne. Stecken sie sich selbst an, haben sie oft nur milde oder keine Symptome. „Deshalb rechne ich mit einer unsichtbaren Welle der Geimpften. Es ist zu befürchten, dass von dort aus Infektionen auf die derzeit 3,4 Millionen Ungeimpften ab 60 überschwappen“, erklärt der Virologe. 

Kekulé: Braucht Impfquote von 90 Prozent, um sicher zu sein

Um wirklich sicher zu sein, bräuchte man in Deutschland eine Impfquote von 90 Prozent. „Die Impflücken bei Menschen mit hohem Risiko für schwere Verläufe und älteren Erwachsenen sind aktuell das größte Problem.“

Um keine „unkontrollierbare Infektionswelle“ auszulösen, bräuchte es laut Kekulé weiterhin Maßnahmen wie 3G im öffentlichen Bereich, in Kombination mit Kontaktnachverfolgung. „Überall, wo das nicht gewährleistet werden kann, muss man die kommende Erkältungssaison über weiter Maske tragen und Abstand halten.“

Dass es noch zu früh sei, die Corona-Maßnahmen aufzuheben, betonte zuletzt auch der Gesundheitsminister. „Wenn wir gar keine Schutzmaßnahmen mehr hätten, würden unsere Intensivstationen durch die noch zu große Zahl Ungeimpfter überlastet“, sagte Spahn.

Kekulé warnt vor „unsichtbarer Welle unter den Geimpften“

Und was würde passieren, sollte sich eine unkontrollierbare Infektionswelle entwickeln? „Das Worst-Case-Szenario ist ein völlig entfesselter Ausbruch bei ungeimpften Kindern und Jugendlichen und eine gleichzeitig starke unsichtbare Welle unter den Geimpften. Das könnte viele ungeimpfte Menschen mit hohem Risiko treffen und im schlimmsten Fall zu regionalen Überlastungen der Kliniken und vielen vermeidbaren Todesfällen führen.“ Durch die Impfungen sei man aber in einer viel besseren Position als im vergangenen Jahr, es werde „nicht ansatzweise so viele Corona-Tote geben wie damals und es droht auch keine flächendeckende Strangulierung des Gesundheitssystems.“

Daher sollten auch Geimpfte im privaten Bereich abwägen, welches Risiko sie in Kauf nehmen wollen. „Gibt es in ihrem direkten Umfeld Menschen, die besonders geschützt werden müssen? Treffen sich zum Beispiel junge Geimpfte ohne Risikofaktoren untereinander, kann eher auf Abstand und Maske verzichtet werden.“ Anders sehe das beim Besuch der 85-jährigen Oma aus, „wo der Immunschutz womöglich trotz Impfung nicht ausreicht.“ (mg)

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