Strittiger Corona-Plan im ZDF-„Moma“ „In nur 6 Wochen soll es so weit sein“

Kassenärztechef Andreas Gassen verteidigte im ZDF-Morgenmagazin seinen Vorschlag, Ende Oktober einen „Freedom Day“ in Deutschland einführen zu wollen.

Kassenärztechef Andreas Gassen verteidigte im ZDF-Morgenmagazin seinen Vorschlag, Ende Oktober einen „Freedom Day“ in Deutschland einführen zu wollen.

Kassenärztechef Andreas Gassen erklärte am Montagmorgen (20. September) im ZDF-Morgenmagazin: Er wünscht sich einen „Freedom Day“ in Deutschland, ähnlich wie in Großbritannien. Und erklärt, warum. Für seinen Vorschlag gab es bereits im Vorfeld viel Kritik.

Berlin. Am 30. Oktober soll es so weit sein. Zumindest, wenn es nach Kassenärztechef Andreas Gassen geht. Deutschland soll dann einen „Freedom Day“ feiern, ähnlich wie es ihn in Großbritannien Mitte Juli auch gegeben hatte.  An diesem Tag sollen alle Corona-Maßnahmen fallen. 

Im ZDF-Morgenmagazin erklärte Gassen seinen Plan, der für viel Wirbel sorgte: „Ich habe die Hoffnung, dass, wenn man ein Enddatum definiert, dann werden viele Menschen zusätzlich motiviert.“ Er sei sehr zuversichtlich, dass dadurch hierzulande rasch eine Impfquote von 70 Prozent zu erreichen sei. Derzeit sind in Deutschland rund 63 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Er habe Ende Oktober als ein mögliches Datum genannt, „damit die Menschen sich noch ausreichend Impftermine machen können.“

Gassen betonte außerdem, dass es jedem selbst zustehe, ob er sich impfen lassen will oder nicht. Er stellte aber auch klar: Eine Herdenimmunität sei unmöglich. „Wer sich nicht impft, wird sich mit Corona infizieren.“  

Andreas Gassen im ZDF-„Moma“: „Exit-Diskussion muss geführt werden“

Gassen: „Solch eine Exit-Diskussion muss geführt werden, um den Menschen endlich einen Ausstieg aufzeigen.“ Denn auch verfassungsrechtlich sei es immer schwieriger, die Corona-Maßnahmen aufrechtzuerhalten. 

Moderator Mitri Sirin hielt dem Kassenärztechef einen Hauptkritikpunkt an dem Plan vor: Ist der Plan nicht ein riskanter Test, für das deutsche Gesundheitssystem, wie viel es denn wirklich aushält? Gassen entgegnete entschieden: Es ist Unfug, von einem Test zu sprechen. Der Bundestag hat bereits entschieden, dass die Inzidenz kein alleiniger Parameter mehr sein soll. Andere Indikatoren wie etwa die Bettenbelegung in Intensivstationen sollen auch mit einbezogen werden.“ So könne man sehr schnell sehen, wenn die Corona-Zahlen in einer Region aus dem Ruder laufen. 

„Freedom Day“ für Deutschland? Viel Kritik für den Vorschlag

Bereits im Vorfeld erntete Gassen für seinen Vorschlag reichlich Kritik, etwa beim Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Der zeigte Unverständnis: „Der „Freedom Day“ zur Aufhebung aller Corona-Beschränkungen ist eine tolle Sache. Doch beim Blick in die Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeheime scheinen solche flotten Sprüche nicht anzukommen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Hier seien die Einschränkungen für Patienten, Pflegebedürftige und Angehörige allgegenwärtig. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen sich zunächst dafür einsetzen, dass ihre Vorschläge im medizinisch-pflegerischen Bereich ankommen.“

Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach wies die Forderung entschieden zurück, bezeichnete Gassens Ansatz als unvertretbar. Es sei unrealistisch, durch die Ankündigung eines „Freedom Day“ die Menschen zum Impfen motivieren zu wollen. Lauterbach schlug stattdessen vor, das Ziel einer Impfquote von 85 Prozent der erwachsenen Bevölkerung auszugeben. Und zu erklären, dass beim Erreichen der Marke wesentliche Lockerungen kommen könnten. Alles andere wäre wegen der hoch ansteckenden Delta-Variante im Winter riskant. 

„Freedom Day“ für Deutschland? 

Virologe Christian Drosten ging bereits Anfang September im „Deutschlandfunk“ auf den britischen „Freedom Day“ und seine Folgen ein: Nach dem „Freedom Day“ gingen dort die Corona-Zahlen zunächst zurück. Mittlerweile steigen sie jedoch wieder kontinuierlich an. Knapp 65 Prozent der Britinnen und Briten sind derzeit vollständig geimpft.

Man habe in England zum Preis vieler Verstorbener bei den Erwachsenen nun eine Seroprävalenz von knapp 95 Prozent, so viele Menschen wiesen spezifische Antikörper auf. Dadurch habe man dort jetzt die Chance auf einen Herbst, der ganz anders aussehen werde als der letzte – „und davon sind wir in Deutschland wirklich weit entfernt“.

Drosten sei jedoch froh, dass wir hierzulande noch nicht so viele natürliche Infektionen hatten („Die kommen ja zu einem Preis“) und betont: „Wir stehen nicht so da wie England und wir sind in einer Situation, in der man am besten an der Impfquote jetzt arbeiten sollte. Denn es gibt kaum andere Werkzeuge.“ (mg)

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