Muss wirklich jeder studieren? Experten beklagen Akademiker-Schwemme

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„Ich bin Handwerker von Beruf“, das sagen viel zu wenig Menschen mit stolzgeschwellter Brust. Analysten und Ökonomen glauben allerdings, dass durch die Pandemie eine Bewusstseinsänderung stattgefunden hat. 

Köln – Es muss erst eine Pandemie ausbrechen, damit wir merken, was unsere Gesellschaft zusammenhält, was wirklich systemrelevant ist.

  • Immer mehr junge Menschen studieren, Handwerk kommt nur für wenige in Frage
  • Es fehlt an Nachwuchs in den systemrelevanten Berufen
  • Corona-Krise könnte und sollte zu Umdenken in der Gesellschaft führen

Akademiker-Schwemme: Alle wollen studieren

„Wir geben zu viel für Studium und sinnlose Zertifizierungen aus und nicht genug für berufliche, handwerkliche, technische und andere Aus- und Fortbildungen, wie sie unsere Gesellschaft dringender bräuchte“, beklagt der streitbare Publizist David Goodhart.

Eltern gehen auf die Barrikaden, wenn der Nachwuchs keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt. Das Kind soll später doch studieren... Wie derzeit knapp drei Millionen junge Menschen, die an einer Hochschule in Deutschland eingeschrieben sind.

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Der streitbare Publizist David Goodhart legt häufig den Finger in gesellschaftliche Wunden.

Studium, das heißt Status. Das Studium ist mittlerweile ein Türöffner in Berufen, bei denen das früher ganz anders aussah. Nur ein Beispiel: Heute haben 35 Prozent im Post- und Banksektor studiert, vor 40 Jahren waren es 3,5 Prozent.

Akademiker-Schwemme in Deutschland: Unsere Gesellschaft muss umdenken

Macht das wirklich Sinn? Laut einer Untersuchung nimmt der Anteil der Konzern-Arbeitsplätze, die im Studium antrainierte kognitive und analytische Kompetenz verlangen, immer stärker ab. „Nur zehn bis 15 Prozent hätten eine 'Denkerlaubnis'“, sagen die Forscher Philip Brown und Hugh Lauder.

Umdenken tut also Not. „Eine Gesellschaft, die die Berufe der Hand und des Herzens, also Handwerk und soziale Berufe, gering schätzt und schlecht bezahlt, droht aus der Balance zu geraten“, sagt David Goodhart. Noch genieße ein Chirurg oder ein Architekt einen höheren Status als ein Klempner – was nichts mit dem Einkommen zu tun habe, denn ein erfolgreicher Klempner verdiene oft mehr als ein Architekt.

Corona lenkt den Fokus weg von Akademikern, hin zu den wirklich systemrelevanten Berufen

Doch die Pandemie hat den Fokus auf die Menschen gelenkt, die sonst unbemerkt die Grundfunktionen unseres Alltags aufrechterhalten – von der Supermarktmitarbeiterin bis zur Pflegekraft. „Aber werden wir auch anschließend noch so viel Aufmerksamkeit haben?“, fragt sich Krankenschwester Sabriye Gürkan im Gespräch mit dem EXPRESS.

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„Kopf, Hand, Herz. Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“ (22€), ist ab Montag im Handel erhältlich.

Viele sind da skeptisch. Anders sieht’s Andy Haldane, Chefökonom der Bank von England. Schon heute entstehe eine neue Klasse von Handwerkern, die Aufgaben, die nicht von Maschinen ausgeführt werden können, perfekt beherrsche. Den größten Wachstumsbereich sieht er in den sozialen Tätigkeiten, die man eben nicht an Roboter delegieren könne.

„Berufe mit hohen Anforderungen an zwischenmenschliche Kompetenz – in der Gesundheit, in der Pflege, in Bildung oder Freizeit – werden immer stärker nachgefragt.“ Keine Frage: In naher Zukunft lässt sich ein Buchhalter einfacher durch ein Programm ersetzen als ein Müllwagenfahrer oder eine Kindergärtnerin.

Es fehlen Azubis in Pflege, Tiefbau, Ver- und Entsorgung

Doch die muss man erst mal finden. Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft hat ergeben, dass 2018 in Deutschland bereits in rund 400 Berufen qualifiziertes Personal fehle, etwa im Tiefbau, in der Ver- und Entsorgung – und natürlich in der Pflege.

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Frank Brormann: Millionendeal in Gründershow.

Goodhart plädiert deshalb dafür, schon während der Schulzeit andere Weichen zu stellen. „Jugendliche, die nicht studieren wollen, könnten parallel zur Schule eine Teilzeit-Lehre in Betrieben vor Ort machen und nach dem Abschluss früh ins Erwerbsleben einsteigen.“ Unsere Hand-und-Herz-Beispiele zeigen, wie viel Freude diese Jobs machen können...

Handwerker erzählt, warum der Job so viel Spaß macht

Lothar Winkelmann (55) ist Schreiner. Er sagt: „Für viele heute undenkbar: Ich habe mit 15 eine Lehre angefangen, arbeite jetzt seit 40 Jahren als Schreiner – und immer noch mit Leidenschaft. Ich könnte nie am Fließband stehen, auch wenn man in der freien Wirtschaft vielleicht mehr Geld verdienen kann. Aber es geht ja auch anders: Wer handwerklich begabt ist, kann viel Eigenleistung bei einer Immobilie mit einbringen. Ich habe mittlerweile ein Haus und eine Wohnung in der Eifel, die ich vermiete. Ein schönes Zubrot. Was mir an meinem Job besonders gefällt: Ich arbeite den ganzen Tag mit einem lebendigen Werkstoff. Der Job ist sehr vielseitig und ich kann meine künstlerischen Begabungen mit einbringen, wenn ich die Kunden bei Schränken, Türen und Co. berate.“

Erzieherin: So ein facettenreicher Beruf

Bettina Mungen (55), Kindergartenleiterin in Quadrath-Ichendorf: „Ich habe nach der Realschule eine Ausbildung als Erzieherin gemacht, dann lange frei als Referentin in der Familienbildungsstätte gearbeitet und Eltern-Kind-Kurse gegeben. Ich bin erst spät wieder ganz in den Job eingestiegen – konnte dann aber schon nach vier Jahren die Leitung eines Kindergartens übernehmen. Kaum einer ahnt, wie facettenreich der Job ist. Ich liebe es, Verantwortung zu übernehmen, mein Team zu motivieren und – wie jüngst – für eine Sonderzahlung in Pandemiezeiten zu kämpfen. Wir tragen viel Verantwortung, gehen schließlich eine Erziehungspartnerschaft mit den Eltern ein, immer im Sinne der Kleinsten. Aber: Wer sich nicht fortbildet, kommt auch in diesem Job nicht weiter.“

Friseurmeister mit Super-Patent

Frank Brormann (56), Starfriseur und Erfinder des Calligraphy-Cuts aus Oelde (Westfalen): „Nach der Realschule war ich auf einem Friseurinternat. Was für einen Job ich machen würde, war mir damals egal, ich wollte nur raus, reisen, die Welt entdecken. Das ließ sich mit dem Friseurhandwerk prima verbinden. Nach der Ausbildung war ich zum Beispiel ein paar Monate in Neuseeland, habe Campingplatzbesitzern die Haare geschnitten – für eine Übernachtung. Weitere Stationen waren Köln, London und Hamburg, wo ich für Vidal Sassoon weltweit Trends vorstellte – von Beirut bis Rio de Janeiro.“

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Sabriye Gürkan ist Leiterin der interdisziplinären Intensivstation im Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße.

Doch er habe auch ein Unternehmer-Gen in sich, habe sich selbstständig gemacht und lange an der perfekten Technik getüftelt, um Haare voluminöser und weniger splissanfällig zu machen. Der Figaro erfand den „Calligraphen“, schloss damit in der „Höhle der Löwen“ 2018 einen Millionendeal ab.

1200 Salons arbeiten mit dem ungewöhnlichen Gerät. Brormann würde seinen Beruf immer weiterempfehlen: „Die Welt wird nach der Pandemie eine andere sein, aber die handwerkliche Kunst bleibt.“

Intensiv-Krankenschwester bereute den Schritt nie

Sabriye Gürkan (34) leitet die Intensivstation im Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße in Köln: „Ich hatte schon immer eine soziale Ader, habe schon während der Schulzeit in einem Altenheim gejobbt. Für mich stand immer fest, dass ich nach meinem Abitur nicht studieren, sondern direkt eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester beginnen würde. Und ich habe diesen Schritt nie bereut. Den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen, wäre nichts für mich, ich muss in Bewegung sein. Im Kollegenkreis auf unserer Station haben wir unglaublich viel Spaß. Die Arbeit, insbesondere die Notfallbetreuung der Eltern, bringt mir persönlich auch ganz viel. Dieses Gefühl, gute Dinge zu tun, ist für mich wichtiger als ein Top-Verdienst in einem Bürojob. Obwohl ich mich auch finanziell nicht beklagen kann. Wir bekommen von unserem Arbeitgeber neben dem Tariflohn auch Sonderleistungen vergütet.“  

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