Verdächtiger Gegenstand Hauptbahnhof Dortmund gesperrt – Spezialeinheit vor Ort

Experte spricht Klartext „Jeder will Klima schützen, doch das rettet nicht die Welt“

Andreas Levermann_PIK

Physikprofessor Anders Levermann

Köln – Anders Levermann (46) ist Physikprofessor und forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und an der Columbia University in New York. Im Interview schildert er, wieso für ihn Verzicht auf Fleisch oder auch auf Flugreisen kein Mittel ist, den Klimawandel aufzuhalten.

Herr Levermann, Deutschland diskutiert über einen zu hohen Fleischkonsum, über Inlandsflüge und Plastiktüten. Bekämpfen wir durch individuellen Verzicht den Klimawandel?
Levermann: Es ist löblich, dass jeder Einzelne versucht, seinen Beitrag zu leisten, das Klima zu schützen. Ich möchte auch niemanden davon abbringen, sich z.B. bewusst gegen Inlandsflüge zu entscheiden oder kein Fleisch mehr zu konsumieren. Klar ist jedoch: Wir retten dadurch nicht die Welt.

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„Verzicht allein stabilisiert nicht das Klima“

Das ist nicht die Antwort, die ich erwartet habe…
Levermann: Das kann ich mir vorstellen, ich gebe zu, sie ist auch ein wenig polemisch, dennoch richtig. Der Verzicht allein wird das Klima nicht stabilisieren. Die Klimafrage auf das Handeln eines jeden Einzelnen herunter zu brechen und zu suggerieren, jetzt müssen wir uns alle mal ein bisschen zusammenreißen, reicht nicht aus. Wenn wir das Klima stabilisieren wollen müssen wir den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 weltweit auf null bringen. Null!

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Wirklich kein Ausstoß mehr?
Levermann: Netto-Null. Das haben die Staaten der Welt übrigens auch im Abkommen von Paris beschlossen. Und physikalisch ist es ohnehin klar, wenn wir verhindern wollen, dass die Erwärmung unseres Planeten über zwei Grad ansteigt. In diesem Punkt gibt es keine zwei Meinungen, auch wenn die Politik häufig versucht, dies nicht zu thematisieren. Netto-Null heißt alles, was wir ausstoßen, müssen wir auch wieder rausholen – und rausholen können wir nicht im großen Maßstab.

Greta Thunberg verzichtet derzeit medienwirksam auf Flüge von Europa in die USA. Auch das bringt nichts?
Levermann: Es hat symbolische Bedeutung. Es ist natürlich großartig, wenn Leute wie sie ihren Lebensstil ändern und in dieser Weise ein Vorbild sind. Viel wichtiger ist jedoch, dass sie es geschafft hat, die Klimawende in die Öffentlichkeit zu bringen und bei der Politik einzufordern, damit ein Masterplan fürs Klima entwickelt wird.

Klimaforscher Levermann: „Politik nicht vom Haken lassen“

Sie schieben die Verantwortung also auf Politiker, ist das nicht ein bisschen billig?
Levermann: Jeder Einzelne steht in der großen Verantwortung, informiert und beharrlich zu bleiben – die Politik und Institutionen nicht vom Haken zu lassen und die notwendigen Entscheidungen mitzutragen. Auch die harten. Es muss ein permanentes Einfordern bei der Politik sein. Ein Beispiel: Beim Thema Arbeitslosigkeit sind wir uns in Deutschland seit 70 Jahren einig, dass sie möglichst niedrig gehalten werden muss, und dennoch wird kein Bürger je gefragt, was er denn gegen Arbeitslosigkeit tue, sofern sie zu hoch sei.

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Das wäre auch absurd…
Levermann: Genau! Als Einzelner hat man keinen signifikanten Einfluss, außer man ist Vorstand eines großen Unternehmens oder vielleicht noch Bürgermeister. Sich um übergeordnete Themen wir die Arbeitslosigkeit zu kümmern, das ist Aufgabe der Politik. Und wenn eine Partei keine Strategie gegen Klimarisiken hat, dann darf sie nicht gewählt werden, genau wie keine Partei gewählt wird, der die Arbeitslosigkeit egal ist. Das Kraftvollste, was wir haben ist unsere Meinung. Und wenn 90 Prozent der Bevölkerung sagen, dass sich um den Klimawandel gekümmert wird, dann wird die Politik dies auch wahrnehmen. Im Endeffekt hat es jeder selbst in der Hand, und es verlangt vom Einzelnen sogar gar nicht so viel, außer der Erkenntnis, dass der Klimawandel unser Leben bestimmen wird, wenn wir ihn nicht stoppen, ebenso wie die Plastikvermüllung und eine zunehmende Ungleichheit in der Welt.

Üben Sie privat Verzicht zu Gunsten des Klimas?
Levermann: Klar, soweit es geht. Aber ich fahre weiterhin Auto, fliege zu Konferenzen und esse Fleisch. Sehr gern sogar.

Einfordern eines persönlichen Verzichts ist unmoralisch

Ist das Einfordern eines persönlichen Verzichts auf klimaschädliches Handeln oder Konsumieren moralisch vertretbar?
Levermann: Gute Frage. Ich denke, nein. Ein Einzelner kann gern die Weltrettung zum Zentrum seines Lebens machen. Aber diese von anderen zu fordern, wird schnell schwierig. Indische Bauern kochen meist mit Kerosin, ist es richtig, sie dazu zu zwingen, darauf zu verzichten? Es wurde mal eine Kerosinsteuer erhoben, daraufhin haben sich viele Bauern das Leben genommen. Sie waren mit der neuen, erschwerten Situation, ihre Familie zu ernähren, überfordert. Bei diesem Beispiel würden viele zustimmen. Wie sieht es dann mit der alleinerziehenden Mutter aus Berlin-Marzahn aus? Nicht nur, dass es nicht funktionieren wird, die Welt auf diese Weise vor der Klimakatastrophe zu retten – es ist nicht einmal moralisch richtig – das vom Einzelnen zu fordern – wir müssen es gemeinsam angehen – über die Politik.

„Beim Klimawandel setzt Überforderung ein“

Können Sie sich erklären, wieso wir das große Ganze häufig nicht sehen und nach Verantwortung des Einzelnen schreien?

Levermann: Das hat sich auch mit dem schwindenden Vertrauen in die Institutionen zu tun, sicher auch durch die zunehmende Individualisierung. Nicht dass das falsch rüberkommt, dass wir jedem Einzelnen die Verantwortung für das Gelingen der Gesellschaft geben, hat auch gute Seiten. Beim Klimawandel setzt jedoch eine Überforderung ein. Daher müssen hier die Institutionen und Politiker übernehmen und ihre Aufgaben erfüllen. Wir können sie mögen oder nicht mögen, wichtig ist, ob sie ihre Aufgaben erledigen. Dafür wählen wir, dafür bezahlen wir Steuern – dafür gibt es Politik.

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Glauben Sie, dass die Politik verstanden hat?
Levermann: Wir müssen die auswählen, die es verstanden haben. Vor ein paar Monaten war Bundeskanzlerin Angela Merkel bei uns im Institut und hat sich auf den aktuellen Wissensstand bringen lassen. Jetzt geht es um die Umsetzung. Das von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket ist leider ganz klar unzureichend. Hier wird zwar eine Bepreisung von CO₂ beschlossen, was Klima-Ökonomen schon lange vorschlagen. Aber die Bundesregierung möchte einen Einstiegspreis von 10 Euro, und das ist leider so wenig, dass es wirkungslos ist. Die Ökonomen haben das durchgerechnet. Nötig wäre ein Startpreis von rund 35-70 Euro. Zehn Euro, das bringt nicht einfach nur ein Drittel von dem, was 35 Euro brächten – es bringt leider nichts. Wenn der Preis zu niedrig ist, springt der Klimaschutzmotor nicht an.

Maßnahmen gegen Klimawandel: Vorreiter ist Deutschland nicht

Kann Deutschland Vorreiter sein?
Levermann: Wenn Deutschland bei der Klima-Thematik vorweggehen würde, hätte das mit Sicherheit eine große Wirkung auf andere Staaten in Europa, vielleicht sogar der Welt. Derzeit aber geht es eher darum, dass Deutschland nicht hinterher hinkt. Vorreiter ist es nicht.

Was sind die nächsten Schritte?
Levermann: Alle wirtschaftlichen Sektoren müssen umstrukturiert werden. Bei der Stromversorgung braucht es wohl ein gemeinsames europäisches Netz mit Wind und Sonnenenergie von Norwegen bis Nordafrika mit Speichern und Ausgleichsmechanismen. Wir wissen seit 50 Jahren, dass Sonne und Wind reichen. Kohle, Öl und Gas müssen langsam auslaufen. Wir haben 30 Jahre um auf Null zu kommen – weltweit – in allen Sektoren. Deshalb müssen wir jetzt anfangen – eigentlich schon gestern.

Anders Levermann über Greta Thunberg: „Ihre Wutrede verstehe ich gut“

Zum Schluss noch mal zu Greta Thunberg: Wie fanden Sie Ihren Auftritt beim Klimagipfel in New York?
Levermann: „Mit unserem Ausstoß von Treibhausgasen heute stehlen wir den jungen Menschen Zukunfts-Chancen. Wir Erwachsenen sagen immer, dass uns die Sicherheit unserer Kinder über alles geht – in Wirklichkeit aber setzen wir sie ungeheuren Klimarisiken aus, von Extremwetter bis Meeresspiegelanstieg. Dass Greta Thunberg in New York eine Wutrede gehalten hat, verstehe ich deshalb gut. Bei der Stabilisierung unseres Klimas geht es nicht um Eisbären, es geht um Generationen-Gerechtigkeit.“

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