„Wir waren kölsche Miljönäre“ Der „Frischse Pitter“ fährt heute einen Knoblauchwagen!

Sein neuer Job: „Frischse Pitter“ vor seinem Knoblauchwagen, mit dem er in ganz NRW liefert.

Sein neuer Job: „Frischse Pitter“ vor seinem Knoblauchwagen, mit dem er in ganz NRW liefert.

Köln – Indianer-Tattoos am ganzen Körper. Die Harley-Davidson-Kutte liegt auf dem Beifahrersitz parat. Und im Fußraum ist noch ein goldenes Utensil jederzeit griffbereit. „Den Golfschläger habe ich immer bei mir“, sagt der „Frischse Pitter“.

Und zwar nicht zum Golf spielen. Sondern um zuzuschlagen. Jederzeit bereit sein, so hat ihn das Miljö geprägt. Wenn es im Puff Ärger gab, mussten Männer wie er die „Ordnung“ wiederherstellen.

„Wirtschafter“ nannte man im Miljö die Aufpasser, die nicht lange fackelten, austeilten und einsteckten. Auch „Frischse Pitter“ saß während seiner Karriere dafür ein. 15 Jahre lang arbeitete der gebürtige Longericher in einem Bordell in Krefeld, und es ist ein Wunder, dass er heute jeden Mittag in seinem Stammcafé in Zollstock Kaffee trinken kann.

„Mich hat mein siebter Sinn gerettet“, beginnt die Kante zu erzählen, wie er einmal richtig Glück hatte und einem Mordanschlag entging. „Ich hatte Schicht im Puff, stand mit meinem Kollegen in der Kantine. Auf einmal machte es bumm. Ein Russe hatte dem Mädchen auf dem Zimmer Gas ins Gesicht geschossen. Wir kamen rein, da schoss er meinem Freund auch Gas ins Gesicht, das frisst dir die Haut weg. Ich bin auf ihn drauf, er hat sie richtig gekriegt. “

Alles zum Thema Polizeimeldungen

Es ist ein Gewaltexzess. „Ich hab’ zum Baseballschläger gegriffen, danach hatte der Mann keine Zähne mehr. Er kam in U-Haft, aber die Thailänderin war nicht mehr aufzutreiben, es gab keine Zeugen. So kam er schnell wieder raus. Und was geschah? Nur ein paar Wochen später schaue ich im Puff durchs Fenster auf den Parkplatz. Das Auto kannte ich, da saß der Russe. Ich rief die Polizei, und was fanden sie? Eine scharfe Knarre. Er hatte mich an diesem Abend abknallen wollen. Das war der siebte Sinn. Ich sah ihn nie wieder.“

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In den Rotlicht-Jahren war Frischse Pitter nicht nur wegen seiner Schlagkraft bekannt. Sondern auch für seine Mähne. Er trug die damals typische Kultkrause Minipli, jahrzehntelang. „Lange Haare waren ein Statussymbol für uns. Rolex, Kette gehörten dazu“, sagt er. Vor sechs Jahren erst schnitt er die blonden Locken spontan ab. Wegen einer neuen Freundin.

Heute lacht er drüber. Die Miljö-Zeit verklärt er: „Für mich war das ’ne sehr gute Zeit. Alles hat noch zusammengehalten. Es gab jeden Tag Geld. Du konntest 1000 DM ausgeben, am anderen Tag hattest du 2000. Mein Fehler war nur, dass ich nicht gespart habe.“ Teure Autos, Motorräder, ausschweifende Urlaube auf Gran Canaria, Partys im Lovers Club am Ring, kurzzeitig Koks – Pitter genoss das Miljö-Leben.

Die Wirtschafter-Zeiten sind heute vorbei. „Frischse Pitter“ hat buchstäblich umgesattelt und ist mit 68 Jahren happy: „Ich hab’ ein kleines Auto, eine kleine Rente. Und nebenbei einen coolen Job, den mir ein Bekannter besorgt hat: Ich fahre einen Knoblauchwagen! Ich fahre durch den ganzen Kohlenpott, zu Großmärkten in ganz Nordrhein Westfalen.“

Die harte Miljö-Welt hat viele der Protagonisten einsam gemacht. Manche der kölschen Originale von einst haben sich umgebracht, wie „Hebbie“, von dem Pitter berichtet, dass er sich im Koksrausch eine Kugel in den Kopf schoss. Oder sie leben heute alleine. Wie Frischse Pitter selbst, der Vater dreier Kinder ist. Es ist ihm nicht unangenehm, darüber zu sprechen. Dass seine frühere Frau einst anschaffen ging, brachte er seinem Sohn unmissverständlich bei: „Ich hab’ meinem Sohn mit 18 erklärt, dass die Mutter im Puff war. Das war nicht schwierig, ich hab’ es ihm so gesagt wie es sich gehört.

Eine neue Freundin? Hat Pitter nicht. Er zieht an seiner Zigarette und besteigt den blauen Knoblauchwagen: „Ich will auch keine mehr, das sind in meinem Alter alles Sozialempfänger. Was ich habe, kann ich allein ausgeben.“
Dann hupt er, zum Abschied.

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Der Messermord im Päff

Zu Miljö-Zeiten war der Friesenwall die verruchteste Ecke schlechthin. Und auch Schauplatz von Verbrechen: Im „Päff“ beispielsweise wurde der Stenz Willi Prumbaum in den 80ern erstochen. Prumbaum galt als „König der Friesenstraße“.

Er starb wegen 1000 DM. Ein Wiener Zuhälter, der sie ihm schuldete und den er darum zur Rede stellte, stach ihm ins Herz. „Der kam vom Klo und hat direkt zugestochen. Willi hatte keine Chance“, erinnert sich der lange Tünn, der es mit eigenen Augen erlebte und Kronzeuge im Prozess war.

Seit jeher auch bekannt in der Szene: Der Treffpunkt „Grön Eck“. „Den Laden gibt es ewig“, so Anton Claaßen, „wer Kölle kennt, kennt auch das Grön Eck. Wir Miljö-Leute haben damals gern hier verkehrt.“

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