Für Nick (11) ist Tennisprofi Zverev ein Vorbild. Forscher bewerten Sportleistungen von Diabetikern deutlich höher.
Tennis-Star als VorbildNick (11) aus Köln will Profi werden – trotz Diabetes und Zöliakie

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Nick (11) hat Diabetes und Zöliakie und spielt Leistungsfußball beim SC West mit einer Insulinpumpe am Gürtel.
Alexander Zverev hatte gerade das Finale der US Open gewonnen. In einer leidenschaftlichen Rede dankte der Tennisspieler seiner Löwenmama. Sie hatte vor 25 Jahren nach der Diagnose den skeptischen Ärzten gesagt: Ihr vierjähriger Sohn könne trotz Diabetes später alles werden, was er wolle, auch Tennisspieler. In diesem Moment saß Claudia Sartory vor dem Fernseher und weinte.
Ihr Sohn Nick war nach einem Fußballspiel fast ohnmächtig geworden. Kurz darauf bekam er im Krankenhaus die Diagnose Diabetes Typ 1 und dazu noch eine Glutenunverträglichkeit, die Zöliakie. Bei Zverevs Worten kam alles wieder hoch: die Insulin-Spritzen mitten in der Nacht, schlaflose Nächte, Anrufe aus der Schule, strenge Diätpläne, ein von Hand geführtes Tagebuch mit den Blutzuckerwerten und die Sorge, die nie aufhörte. Das alles liegt jetzt drei Jahre zurück.
Nick aus Köln will vor allem eins: Fußball spielen
„Nach der Diagnose waren wir fix und fertig, nichts war mehr wie vorher“, sagt Claudia Sartory. Gleich beginnt Nicks Training auf dem Kunstrasenplatz des SC West in Neu-Ehrenfeld. Im Trainerraum riecht es nach Schweiß und Leder. Neben ihr sitzen Vater Frank Barufski, der selbst mit 25 an Diabetes erkrankte, und Markus Anfang, ehemaliger Trainer des 1. FC Köln. Mit ihm ist Claudia Sartory schon lange liiert. Beide stimmen ihr zu. Diabetes Mellitus Typ 1 lässt sich nicht heilen. Die Bauchspeicheldrüse stellt bis ans Lebensende kein Insulin mehr her.
„Nick musste lernen, sich vor jeder Mahlzeit Insulin zu spritzen. Wegen der Zöliakie darf er auf Geburtstagen keinen Kuchen und keine Pizza essen, sondern muss sich sein glutenfreies Essen selbst mitbringen. Und wenn er sich schon Insulin für eine bestimmte Menge Kohlenhydrate gespritzt hat, muss er die auch zu sich nehmen. Insgesamt muss er wahnsinnig diszipliniert sein“, sagt Barufski.
Vater, Mutter und Bonus-Vater – so nennen sie Markus Anfang – hatten trotzdem ein festes Ziel, ganz ähnlich wie die Mutter von Alexander Zverev: dass „Nick alles machen kann, was er möchte“. Und Nick wollte vor allem eins: Fußball spielen.
Der Elfjährige lümmelt im Arm seiner Mutter auf dem Sofa des Trainerraums. „Ich interessiere mich nicht für Tennis, aber natürlich ist Zverev trotzdem ein Vorbild für mich“, sagt er. Den Herbst 2023 hat Nick noch genau vor Augen. Schon im Sommerurlaub habe er ständig enormen Durst gehabt, „fünf oder sechs Liter habe ich da jeden Tag getrunken“. In den Herbstferien sei er dann „ständig müde und platt“ gewesen.

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Nach dem Sieg bei den US Open dankte Alexander Zverev seiner Mutter, die ihn ermutigt hatte, trotz Diabetes Tennisprofi zu werden.
Vor einem Spiel verteilte ein Teamkollege Schokomuffins. Nick erinnert sich: „Ich habe abgelehnt, obwohl ich die eigentlich gern mag, hatte aber gar keinen Hunger, nur Durst und ich musste ständig aufs Klo. Außerdem war ich die ganze Zeit müde und mir war übel. Ich wäre fast umgekippt, habe aber nichts gesagt.“
Nach dem Spiel, erzählt Claudia Sartory, „ahnten wir, was wir nicht wahrhaben wollten vorher“. Frank Barufski kannte die Anzeichen: „Ich hatte die gleichen Symptome, als die Krankheit bei mir auftrat.“ Ein Bluttest beim Hausarzt bestätigte, was die Eltern befürchtet hatten. Nicks Blutzucker lag bei über 600 Milligramm pro Deziliter. Schon ab mehr als 125 Milligramm ist davon auszugehen, dass die Bauchspeicheldrüse nicht mehr selbst Insulin bildet. Dieses Hormon braucht der Körper, um Glukose in Energie umzuwandeln.
„Du siehst aus wie Alexander Zverev“, habe ein Freund zu Nick gesagt, erzählt seine Mutter. „Stimmt ja auch“, habe Nick geantwortet. Kurz darauf wurde bei ihm auch Zöliakie festgestellt, was seine häufigen Bauchschmerzen erklärte. Für Mutter Claudia Sartory „war das in den ersten Monaten Stress pur“.

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Nick spielt vier- bis fünfmal pro Woche Fußball.
In der Kölner Kinderklinik lernte Nick, sich selbst Insulin zu spritzen. Er weiß genau, wie viel er für 250 Gramm Nudeln oder Kartoffeln braucht. Schon in der Grundschule spritzte er sich Insulin, so wie es Zverev in den Spielpausen macht. Nachts übernahmen das die Eltern und der Bonus-Vater, denn starke Unter- oder Überzuckerungen müssen vermieden werden.
Manchmal wird Nick „schwindelig und zittrig“
Nick besucht die 6. Klasse eines Kölner Gymnasiums. Dreimal pro Woche trainiert er bei der 1. D-Jugend des SC West, am Wochenende sind Spiele. Wenn er merkt, dass er unterzuckert ist, wird ihm „schwindelig und zittrig“. Dann helfen Jubin oder Capri Sonne, von denen die Familie große Vorräte zu Hause hat. Einen ernsten Kollaps hatte er noch nie. „Wenn ich merke, es geht nicht mehr, lasse ich mich auswechseln“, sagt er.
Dass Leistungssport mit Diabetes möglich ist, beweist nicht nur Zverev. Prof. Christian Brinkmann von der Sporthochschule Köln sagt, die Leistung von Zverev sei „gar nicht hoch genug einzuschätzen“. Es zeige, was mit moderner Medizin und großer Disziplin möglich sei.

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Prof. Christian Brinkmann forscht an der Sporthochschule Köln zu Bewegungstherapien bei Diabetes.
Alexander Zverev hat selbst eine Stiftung gegründet, um Kindern mit Diabetes zu helfen und sie zu inspirieren. Für Nick ist er ein großes Vorbild. Er zeigt, dass man trotz der Krankheit seine Träume verwirklichen kann.
Draußen auf dem Platz dribbelt Nick den Ball. Er lacht, wirkt unbeschwert. Seine Eltern stehen am Rand, der Blick immer wieder auf der App. Für einen Moment ist die Krankheit ganz weit weg. (red)
