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„Tatort“-Star crasht Kölner FestivalPlötzlich herrscht „Kontrollverlust“

Sängerin Fuffifufzich (Vanessa Loibl) tritt im Depot 1 des Kölner Schauspiels auf.

Copyright: Christian Hedel

Die Berliner Sängerin Fuffifufzich eröffnete die c/o pop.

Was für ein Auftakt für die c/o pop! Eine mysteriöse Sängerin sorgt für Ekstase – und entpuppt sich als bekannte TV-Schauspielerin.

Im Schein rot leuchtender Kirchenfenster, gehüllt in einen Anzug aus Kunstleder, singt Fuffifufzich ihren Song „Kontrollverlust“. Dichter Nebel wabert über die Bühnenbretter. Mit streng nach hinten gegeltem Haar und einer schmalen, undurchsichtigen Sonnenbrille wirkt die Berlinerin, als sei sie direkt von Falcos Geist beseelt.

Das hört man auch, als sie mitten im Lied scheinbar zusammenhanglos rappt: „Gelato Baci, DJ Bobo, Monica Bellucci, Crescendo, Barbie... Im Depot 1 reißt es die jungen Zuschauer sofort von den Stühlen. In den Gängen des Theaters wird getanzt, und am Ende bittet Fuffifufzich die Menge sogar zu sich hoch. Die gefeierte Musikerin startet die c/o pop mit zwei Auftritten in der Mülheimer Spielstätte des Kölner Schauspiels, direkt im Bühnenbild von Kay Voges' Stück „Imagine“.

Die Frau hinter der Sonnenbrille: Ein bekanntes Gesicht aus dem TV

Die Verbindung ist passender, als man zunächst denkt. Denn die Person hinter der Sonnenbrille steckt die Schauspielerin Vanessa Loibl. Die 34-Jährige kennt man als Protagonistin des Films „Münter & Kandinsky“.  Sie spielte auch in der Kölner „Tatort“-Episode „Colonius“ mit, wo sie an der Seite ihres Vaters Thomas Loibl zu den Hauptverdächtigen in einem Tötungsdelikt in der lokalen Techno-Szene zählte.

Festivalchefin Elke Kuhlen erklärt, man sehe eine Entwicklung hin zu speziellen Darbietungen und Kunstschaffenden, die auf konzeptuelle Ideen bauen. Natürlich haben die spannenderen Figuren der Popmusik schon immer so gearbeitet. Aber der Clou, wie es Diedrich Diederichsen in seinem Grundlagenwerk „Über Pop-Musik“ formuliert, besteht darin, dass das Format Pop-Musik als Schnittstelle von Kulturindustrie und Kunst von allen Akteuren immer wieder neu erfunden werden muss.

Ein gutes Beispiel ist die c/o pop. Das Festival findet zum 23. Mal statt, hat sich aber mit der Zeit extrem verjüngt. Aus der finanziellen Not – angesagte internationale Künstler sind für ein nicht-kommerzielles Festival kaum finanzierbar – wurde eine Stärke entwickelt. Man erweitert den Pop-Begriff durch Veranstaltungen jenseits der Musik: Ein „Whoriental Cabaret Showcase“ zeigt eine queere, diverse Burlesque-Aufführung, während Gesina Demes und Annika Prigge in ihrem Podcast „Endzwanni“ über Trennungen und Neustarts sprechen.

Zudem sucht man über soziale Netzwerke und mit jungen Fokusgruppen nach neuen Talenten, deren Ruhm bisher nur eine Möglichkeit ist. Das Ergebnis: Bei der Eröffnung in Ehrenfeld trifft man die gewohnte, gut gelaunt alternde Kölner Pop-Szene, die aber im Gespräch zugibt, fast niemanden aus dem diesjährigen Line-up zu kennen.

Zwei Frauen umarmen sich, beide sind ganz in Weiß gekleidet.

Copyright: Johanna Wittig

Gesina Demes und Annika Prigge auf der c/o pop

Oberbürgermeister Torsten Burmester hebt in einer lockeren, frei vorgetragenen Ansprache die Wichtigkeit des Festivals für die städtische Kultur hervor. Eine spärlich bekleidete Tänzerin bewegt sich an einer Stange im Festzelt und der Queere Kirchenchor Köln singt ein Lied. Trotzdem sind im Shuttlebus zum Depot viele Sitze unbesetzt. Doch das ist ein gutes Zeichen: Das Unverständnis der Älteren bestätigt nur die Qualität der Auswahl, denn die Jugend gestaltet ihre Popkultur eigenständig.

Wer zur Hölle ist Hänsel? Weshalb performt dieser Hyperpop-Musiker in bayerischer Lederhose und singt zu Techno-Rhythmen im Kirmes-Stil „Hänschen Klein“? Oder darüber, wie er seine Brezeln in Tränen badet? Und warum steht hier der 19 Jahre alte Pilzexperte Tristan Jurisch, alias „Pilzaddicted“, gemeinsam mit einem DJ Hundefriedhof auf der Bühne, der eine Frisur wie Guildo Horn trägt (oben kahl, an den Seiten lang)?

Ein Mnn in Lederhose lehnt an einem Baum.

Copyright: Katharina Pasemann

Noch ganz entspannt: Hänsel, der jetzt auf der c/o pop auftritt.

Okay, die Rapperin Ebow ist vielleicht manchen ein Begriff, sie ist seit 20 Jahren aktiv. Mit ihren neuen Songs über lesbische Liebe ist sie als Vorbild extrem wichtig, da queerer Hip-Hop weiterhin eine Nische besetzt. Andere Künstler stehen kurz vor dem Sprung in den Mainstream. Dazu gehören die 21-jährige britische Indie-Rock-Sängerin Chloe Slater und der gefühlvolle Rapper Levin Liam. Letzterer ist unter seinem bürgerlichen Namen Levin Liam Hölscher ebenfalls ein gefragter deutscher TV-Darsteller.

Genau wie Vanessa Loibl. Im Depot 1 bringt sie mit ihrem Top-Hit „Heartbreakerei“ die Stimmung zum Überkochen. Die Zeile „Hallo 110, ist da die Po-Polizei? Ich möchte Anzeige erstatten weger Heartbreakerei“ ist mit ihren absichtlichen grammatikalischen Fehlern („weger“?) ein unvergesslicher Refrain. Dieser Gassenhauer war ebenfalls schon in „Don't be evil“ zu hören, was den üblichen Weg der Subkultur in die Hochkultur umkehrt.

Das stellt auch die Reihenfolge von Vorlage und Nachahmung infrage. Fuffifufzichs Elektroschlager mit italienischem Flair wirken wie ein Meta-Kommentar über das Genre, transportieren aber dennoch echte Erlebnisse und Emotionen. Man könnte fast sagen: Je künstlicher die Aufmachung, desto echter der Kern. Das war bei gutem Pop vielleicht schon immer so: Die Haltung ist gespielt, der Herzschmerz ist echt. (red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.

Ein Bügelbrett steht an einer Mauer.

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