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Auftritt in Kölner FloraEx-Vizekanzler Habeck: „Weiß nicht, ob ich das sagen darf“

Robert Habeck sitzt bei der lit.Cologne auf der Bühne.

Copyright: Thomas Banneyer/dpa

Der ehemalige Vizekanzler Robert Habeck trat am Samstag (7. März 2026) im Rahmen des Literaturfestivals lit.Cologne in der Flora auf.

Zum Auftakt der lit.Cologne sprachen Ex-Vizekanzler Robert Habeck und Star-Autor Julian Barnes in der Kölner Flora über das Schriftstellerdasein und die Politik.

Über zwei Wochen feiert die lit.Cologne mit rund 200 Veranstaltungen wieder das Wort, die Literatur und die Musik. Zur Eröffnung des 26. Festivals am Samstag (7. März 2026) waren der britische Schriftsteller Julian Barnes und Ex-Vizekanzler Robert Habeck in die ausverkaufte Flora gekommen.

Die Veranstaltung trug eigentlich den Titel „Über Wahrheit und Dichtung“, doch in Wirklichkeit entwickelte sich ein amüsanter, dann wieder nachdenklicher und am Ende emotionaler Austausch.

„Trump hat Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs“

Der 80-jährige Barnes las die letzten Seiten aus seinem neuen Buch „Abschied(e)“. Angesichts seiner Krebserkrankung sagt er, dass es sein letztes Werk sei. „Wenn ich behaupten würde, dass ich noch einmal wiederkomme, dann wäre ich ein Hochstapler“, sagte er, bevor er mit Standing Ovations verabschiedet wurde.

Der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller berichtete, dass er sieben Jahre für sein Debütwerk „Metroland“ benötigt habe. „Ich komme nicht aus einer Familie der gedruckten Worte. Meine Mutter hat mal einen Leserbrief über die Sexualmoral junger Mädchen geschrieben. Das war es.“

Er habe seinen ersten Roman zwei Poeten gezeigt. „Der erste hat mir geraten, ihn ein Jahr in die Schublade zu legen und dann noch einmal hervorzuholen. Der zweite meinte, ich solle noch eine Masturbationsszene einbauen“, sagte der Brite mit breitestem Lachen.

Julian Barnes sitzt bei der lit.Cologne auf der Bühne.

Copyright: Thomas Banneyer/dpa

Der britische Schriftsteller Julian Barnes bei seinem Auftritt im Rahmen des Literaturfestivals lit.Cologne.

Habeck wiederum erinnerte sich an seine Anfänge als Autor vor einem Vierteljahrhundert. „Geschichten gab es viele. Ich hätte immer vier Bücher gleichzeitig schreiben können.“ Mit seiner Frau Andrea Paluch hat er sein erstes Buch, „Hauke Haiens Tod“, in einem Jahr verfasst.

„Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf: Anfangs haben uns die Kinder ernährt. Wir hatten erst ein Kind, dann wurden Zwillinge geboren. Damals gab es noch Erziehungsgeld: Jedes Kind hat 300 Mark in die Haushaltskasse gespült. Wir haben nachgerechnet und haben gesagt: Okay, wir haben ein Jahr Zeit, jetzt was zu machen, und danach müssen wir was Vernünftiges tun.“ Hätte es als Schriftsteller nicht funktioniert, hätte er vielleicht Journalist werden müssen, räumte der Grünen-Politiker ein.

Das wiederum rief Barnes auf den Plan. „Ich war Journalist, ein sehr ehrenwerter Beruf.“ Ihm hätten jedoch Menschen gesagt, dass er nicht schreiben könne. „Aus dem Trotz habe ich die Kraft geschöpft, es ihnen zu zeigen.“

Bei der Debatte über verschiedene Werke erinnerte sich der Brite an die Zukunftsvision von George Orwell im Roman „1984“. Im Jahr 1984 hätten noch alle gesagt, dass es ja Gott sei Dank doch nicht so gekommen sei, wie Orwell es sich 1948 ausgemalt habe. Jetzt aber sei seine Dystopie einer von drei paranoiden, tyrannischen Machtblöcken beherrschten Welt tatsächlich Realität. „China, Russland, Amerika. Dadurch ist es umso wichtiger, dass Europa überlebt und stark bleibt und nicht auseinanderfällt“, sagte Brexit-Gegner Barnes.

Europa habe jetzt Putin einerseits und den „verrückten orangefarbenen Mann“ andererseits. „Hat es jemals einen Politiker gegeben, der so ignorant ist und die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs hat?“, sagte er in Richtung Trump. Er sei sich im Klaren, dass er bei seinem nächsten Einreiseversuch in die USA vermutlich festgenommen werde.

Der britische Schriftsteller Julian Barnes in der Flora.

Copyright: Thomas Banneyer/dpa

Julian Barnes verabschiedete sich unter stehenden Ovationen von der Bühne. Er hat im Januar sein letztes Buch der Karriere veröffentlicht.

Habeck berichtete bei seinem Köln-Besuch, warum er nach seinem Ausstieg aus der Politik nach Kopenhagen umgezogen sei. „Das hat auch private Gründe, damit ich nicht beim Bäcker Selfies machen oder Heizungsgesetze erklären muss.“ Applaus und Gelächter waren die Reaktion. „Es war für mich eine gute Idee, mal ein Jahr nicht in Berlin zu sein.“

Der frühere Vizekanzler: „Wenn man von außen auf Deutschland schaut, dann relativieren sich sehr viele Debatten stark. Hier gibt es viele Debatten, bei denen wir glauben, die hätten wir exklusiv, die aber in Wahrheit in vielen anderen Ländern gespiegelt sind. Man wird nicht dümmer, wenn man Distanz sucht zum eigenen Tun.“

Seine politischen Jahre hätten ihm eins gezeigt: „Man weiß, was man will, und wahrscheinlich weiß man es auch besser als alle anderen. Aber alle anderen müssen zustimmen. Das nervt.“

Habeck gab auch Einblick in die anstrengende Zeit als grüner Kanzlerkandidat mit unzähligen Wahlkampfauftritten. „Man ertappt sich dabei, wie man sich fragt: ‚Was redest du hier eigentlich?‘ Ich hatte zum Schluss das Gefühl, dass ich zu einer Figur meiner eigenen Rhetorik werde, wenn ich einfach weitermache. Es hat nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich hätte mich nur noch wiederholen können. Deshalb musste ich da raus, weil ich keine Freude und Energie mehr hatte. Mein politisches Projekt war erst mal in der Sackgasse.“

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