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Private KrankenversicherungKölner Rentner tappt in die „Armutsfalle“

28.10.2026, Köln: Der Kölner Dieter Blum in seinem Wohnzimmer in Brück. Foto: Arton Krasniqi

Copyright: Arton Krasniqi

Der Kölner Dieter Blum in seinem Wohnzimmer in Brück. Vor 30 Jahren ist er wegen der besseren Versorgung in die Private Krankenversicherung gewechselt. Heute sagt er, er sei damals in die „Armutsfalle“ getappt.

Die Aussicht auf Chefarztbehandlung lockte Dieter Blum vor 30 Jahren in die private Krankenkasse. Heute wäre der Kölner lieber gesetzlich versichert.

Chefarzt, Einzelzimmer im Krankenhaus, schnellere Termine: Mit diesen Aussichten entschied sich Dieter Blum vor knapp 30 Jahren für die private Krankenversicherung Axa.

Damals kostete ihn der Schutz nach eigenen Angaben rund 500 Mark. Seine Rechnung: mehr Leistung für nahezu den gleichen Beitrag wie bei einer gesetzlichen Krankenversicherung. So wirkte die Private auf ihn: wie eine vernünftige Aufwertung.

Kölner Rentner zahlt mehr als die Hälfte seiner Rente an die Krankenkasse

Solange Blum arbeitete, ging die Rechnung auf. Dann setzte er sich mit 81 Jahren zur Ruhe, und das System geriet in Schieflage. Das Geld, das jeden Monat reinkam, schmolz zusammen. Die Summe, die abging, blieb so hoch wie vorher. Denn eine private Krankenversicherung ist als Vertrag auf das ganze Leben angelegt. Die monatlichen Kosten bleiben gleich, auch wenn sich die Lebensverhältnisse ändern.

Was dem 86-Jährigen heute zum Leben bleibt, macht ihm zu schaffen. Insgesamt bekommt er 2260 Euro im Monat. Rund 1500 Euro davon sind seine eigene Rente, knapp 600 Euro die Hinterbliebenenrente seiner verstorbenen Frau, dazu kommen 166 Euro Betriebsrente. Mehr als die Hälfte davon, nämlich 1207 Euro, gehen nach seinen Worten inzwischen für die private Krankenversicherung drauf.

Im Gespräch mit dieser Redaktion bringt Blum es auf den Punkt: „Bei einer normalen Rente ist dieser Kraftakt, bezogen auf den hochwertigen Tarif, einfach nicht zu stemmen.“ Von seinem Versicherer wünscht er sich einen Kompromiss. Weniger Leistung, ja. Aber nicht gleich den kompletten Absturz ins Mittelmaß.

Auf Nachfrage nennt die Axa einen aktuellen Monatsbeitrag von 987 Euro, Pflegeversicherung inklusive. Obendrauf komme jedes Jahr ein Selbstbehalt von 2600 Euro. Genau der schlägt zu Jahresbeginn zu: In den ersten drei bis vier Monaten, so rechnet Blum, könnten seine Versicherungskosten auf rund 1800 Euro im Monat klettern. Und das tun sie auch, „schließlich bin ich in einem Alter, in dem die Arztbesuche nötig sind und ich nicht zugunsten der Sparsamkeit darauf verzichten kann“.

Übers Jahr verteilt landet er so bei durchschnittlich 1207 Euro. Und es wird jedes Jahr enger. Zum Januar 2026 stieg sein Beitrag nach seinen Angaben um 20,4 Prozent, das sind 167,30 Euro. Zurück bleibt ein schmerzhaftes Missverhältnis: Die Versicherung richtet sich nicht nach der Rente. Sie richtet sich nach dem Tarif.

Sparen bei Butter und Nudeln: Wo er früher lachte, rechnet er heute mit jeden Cent

Bei Blum startet das Wochenende mit Rechenarbeit. Dann stecken die Prospekte der Discounter im Briefkasten. „Ich muss aus meinem kleinen Budget so viel wie möglich rausholen. Dafür brüte ich über den Prospekten und arbeite einen Wochenplan nach den Sonderangeboten aus“, erzählt er.

Über so ein vermeintlich kleinliches Wirtschaften habe er sich früher amüsiert. „Was soll ich mit einer Ersparnis von 20 Cent bei einem Päckchen Butter, hätte ich da gedacht. Ich habe ja nie in Erwägung gezogen, in eine solche Misere zu geraten“. Heute freut ihn jeder kleine Sparerfolg. „Manchmal kostet die Packung Nudeln nur die Hälfte. Das läppert sich dann.“

Zu Hause ist Blum in Köln-Brück. Gearbeitet hat er schon früh, erst als Angestellter, später selbstständig, und das bis ins hohe Alter. Er hat sich ein Einfamilienhaus erarbeitet und es über die Jahre so weit abgestottert, dass derzeit noch 150.000 an Kredit offen sind. Seine Angst: Die Beiträge, die Selbstbeteiligung oder irgendwann ein nötiger Umzug ins Pflegeheim könnten genau das auffressen, was ihm eigentlich Sicherheit geben sollte.

An die Folgen seiner Entscheidung hat er vor 30 Jahren nicht gedacht, sagt Blum. Auf die Risiken habe ihn auch niemand hingewiesen. „Da war halt ein Versicherungsvertreter bei mir, der seine Provision kriegen wollte.“ Klar, viele Jahre lang war es bequem: Einen Facharzttermin bekam er schnell, während gesetzlich Versicherte manchmal Monate warten mussten.

Dieter Blum ist in die „Armutsfalle“ getappt

Privilegiert fühlt sich der Kölner heute aber nicht mehr. Eher so, als sei er damals in eine „Armutsfalle“ getappt. Deshalb will er andere vor einem Wechsel warnen. Zumindest dann, wenn sie ein bestimmtes Alter überschritten haben.

Denn neben dem Versprechen einer besseren Versorgung bringt die private Krankenversicherung einen entscheidenden Rechenunterschied mit, der in der Rente oder wenn es finanziell bergab geht, bitter spürbar werden kann. Bei der Gesetzlichen richtet sich der Beitrag grundsätzlich nach dem Einkommen, und zwar bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Die Private kalkuliert dagegen nach Eintrittsalter, Gesundheitsrisiko und Leistungsumfang des Tarifs.

Die Folge: Sinkt im Ruhestand das Einkommen, sinkt der Beitrag nicht mit. Ob ein Kunde noch arbeitet, schon Rente bezieht oder wie viel er verdient, weiß der Versicherer nach eigenen Angaben überhaupt nicht. Im Zweifel interessiert es ihn auch nicht.

Später Einstieg in die PKV: Zu wenig Zeit für Alterungsrückstellungen

Eigentlich will die PKV das Alter vorfinanzieren. Ein Teil des Beitrags fließt in jungen Jahren in sogenannte Alterungsrückstellungen. Mit ihnen sollen die später steigenden Gesundheitskosten abgefedert werden. Für 2024 weist der Verband der Privaten Krankenversicherung rund 339 Milliarden Euro an solchen Rückstellungen aus.

Wie ein frei verfügbares Sparkonto gehört dieses Kapital laut den Versicherern aber nicht dem einzelnen Versicherten. Es soll vielmehr dafür sorgen, dass die Beiträge über das ganze Leben hinweg ohne allzu große Wellenbewegungen stabil bleiben. Und genau da liegt das Problem von Dieter Blum: Je später jemand einsteigt, desto weniger Zeit bleibt für diesen Aufbau. (red)