Seit 1981 ist das „Schnellrestaurant Nehring“ eine Institution. Die Betreiberfamilie Ivkovic zieht eine überraschende Bilanz über die Verhältnisse auf der Zülpicher Straße.
Kölner Kult-Imbiss – seit 45 Jahren„Der hat mir früher öfter das Leben gerettet“

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Der Imbiss „Nehring“ hat bis 4 Uhr morgens offen.
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Er ist eine Konstante: der Herr im weißen Kittel. Viele Kölner Generationen sind mit ihm vertraut. Einige meinen sogar: „Der hat mir in einer durchzechten Nacht früher öfter das Leben gerettet.“ Mit Pommes Rot-Weiß und einer Currywurst. Oder auch mit einer Portion Gyros.
Hinter dem weißen Kittel steckt Stanko Ivkovic, 76 Jahre alt und der Senior-Chef des „Nehring“ am Zülpicher Platz. Sein Ruhestand war nur von kurzer Dauer. „Aber ich war zwei Tage zu Hause und da wurde mir zu langweilig“, erzählt er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Aus diesem Grund packt er bei seinem Sohn Michael im „Schnellrestaurant“ mit an. Dieser Begriff, der heute kaum noch verwendet wird, ziert weiterhin prominent die Front des Ladens.
Warum der Imbiss „Nehring“ heißt und was es mit der Schildergasse zu tun hat
Jeder in Köln kennt den „Nehring“. Seit 1981, also seit 45 Jahren, leitet die Familie den Imbiss, was auch an der Außenwand steht. Das Jubiläum hatten die Inhaber bis zu unserem Anruf gar nicht auf dem Schirm.
„Der Alltag geht einfach so dahin“, meint der Sohn. Aber wieso der Name „Nehring“, obwohl die Ivkovics hier das Sagen haben? Der Betrieb wurde 1978 von Metzgermeister Nehring aus Köln ins Leben gerufen, der mehrere Fleischereien besaß. Die Frau von Stanko Ivkovic – und Mutter von Michael – arbeitete dort als Angestellte.

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Stanko Ivkovic (l.) und sein Sohn Michael. Der weiße Kittel ist das Markenzeichen des Vaters.
Davor war sie bei Stausberg auf der Schildergasse tätig – langjährige Kölner erinnern sich vielleicht, dass es in der Fußgängerzone einst eine Metzgerei gab.
Zusammen mit ihrem Mann, einem ausgebildeten Metallbauer, übernahm sie 1981 den Laden. Der Name wurde beibehalten. „Der war halt schon eingeführt und wir wollten kein Risiko eingehen“, erläutert Michael Ivkovic.
Seither ist auch sonst fast alles beim Alten geblieben. In dem praktisch unverwüstlich-nüchternen Flair wird neben Fritten hauptsächlich Hausmannskost serviert: Rouladen, Braten, Gulasch – alles hausgemacht – und am Freitag gibt es Spiegelei mit Spinat. „Mittags haben wir immer ein Gericht für 8,90 Euro, da kommen viele ältere Leute“, berichtet der Junior-Chef.
Eine Bastion gegen die Flut von Falafel, Dumplings, Porridge, Cheesecake und Zimtschnecken auf der Zülpicher Straße. Die Kundschaft wünscht sich anscheinend keine Veränderungen. Man habe mal Nudeln mit Gemüse und einen Salat mit Putenbrust versucht, erzählt Michael Ivkovic, doch die Resonanz blieb aus.

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Weitgehend schmucklos und pflegeleicht ist das Ambiente im „Nehring“.
Bekannt ist der „Nehring“ besonders für seine langen Öffnungszeiten. Unter der Woche ist bis 1.00 Uhr nachts geöffnet, am Wochenende sogar bis 4.00 Uhr morgens. Ob das nicht gefährlich ist? Vater und Sohn stimmen überein: In der Vergangenheit gab es im Zülpicher Viertel häufiger Prügeleien. „Die Aggressivität hat nicht zugenommen“, stellt Michael Ivkovic fest. Er erinnert sich nur an einen einzigen wirklich schlimmen Zwischenfall. „Das war vor etwa 20 Jahren. Da hat ein Gast einen anderen mit einer zerbrochenen Bierflasche verletzt. Überall war Blut. Die anderen Gäste haben sofort geholfen.“
Dennoch muss die Polizei ab und zu alarmiert werden, zum Beispiel wenn alkoholisierte Personen für Unruhe sorgen. „Wir melden uns mit: Hier ist Nehring. Mehr brauchen wir gar nicht zu sagen. Die wissen Bescheid und sind innerhalb von Minuten da. Die sind ja nachts sowieso hier in der Gegend.“
Generell sei auf der Partymeile nicht mehr so viel los wie in der Vergangenheit. „Seit Corona“, meint der Vater. „Früher konnte man oft die Tür nicht zumachen, weil eine lange Schlange bis auf die Straße anstand, das gibt es nur noch selten.“ Die Studierenden gingen seltener aus und blieben auch nicht mehr bis zum Morgengrauen. Die Familie merkt deutlich, dass der „Centclub“ in der Nähe am Ring, ein beliebter Treffpunkt für viele Studierende, seit 2024 dicht ist. Selbst im „Venus Celler“ direkt nebenan, der am Wochenende bis 8.00 Uhr aufhat, verkehren weniger Leute als zuvor. Zuverlässige Kundschaft sind hingegen Nachtarbeiter: Fahrer von KVB und Taxis sowie Polizeibeamte.
Senior-Chef (76) schmeißt die Nachtschicht und verrät sein Fitness-Geheimnis
Mit seinen 76 Jahren übernimmt der Vater die Schichten am späten Abend und in der Nacht bis zum Morgengrauen. Das störe ihn nicht, versichert er. Er ruht sich bis 14.00 Uhr aus, was ihm genüge. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich esse kein Fleisch.“ Er deutet auf seinen flachen Bauch und fragt mit Stolz: „Welcher 76-Jährige sieht so aus?“
Sohn Michael Ivkovic ist eigentlich ausgebildeter Installateur. „Aber da kann man mit niemandem sprechen bei der Arbeit.“ Im Imbiss hat er stets Umgang mit Leuten. „Ich bin hier reingeboren, habe schon als Kind hier gesessen oder Flaschen in Kisten eingeordnet.“ Seine Kinder möchten jedoch andere Berufe ergreifen. Die Tochter, 15 Jahre alt, hat klargemacht: Diesen Job will sie auf keinen Fall. „Sie weiß ja, wie viel man hier arbeiten muss.“ Der Sohn, zwölf Jahre, kickt in der Jugend des FC und hat den Traum, Profifußballer zu werden.
„Ich fühle mich hier frei, Angestellter möchte ich nicht sein. Und ich finde die persönlichen Kontakte schön.“ Während des Gesprächs am Nachmittag blickt er sich um und meint: „Ich kenne fast alle, die gerade hier sitzen, wenn auch nicht mit Namen. Wir haben hier zu 80 Prozent Stammkunden.“ Dieses Vertrauen sei gegenseitig. Er erzählt von einem Paar nach der Trennung. „Der Mann hatte wohl wenig Geld und die Frau hat uns gesagt, dass sie die Essensrechnung für ihren Mann bezahlt. Wir haben ihm dann einfach gesagt: Ist schon bezahlt. Und die Frau hat Wort gehalten.“
Vater Stanko Ivkovic ist ein Kavalier der alten Schule, der mit den Gästen – vor allem den weiblichen – in seinem charmant-kreativen Deutsch witzelt. „Mein Vater ist sehr sozial, er verschenkt auch schon mal etwas, wenn er sieht, dass die Leute kein Geld haben.“ Einer der schönsten Momente für ihn: Eine ehemalige Studentin aus den 1990er-Jahren kehrte aus ihrer Wahlheimat Sydney nach Köln zurück und besuchte den Imbiss. „Da ist ja der Mann im weißen Kittel, der mir damals Pommes geschenkt hat!“, soll sie ausgerufen und sich riesig gefreut haben. Es folgten Umarmungen und ein Erinnerungsfoto.
Nur ein einziges Mal dachte die Familie ans Aufgeben
Nur ein einziges Mal in all den Jahren dachte die Familie ans Aufgeben. Als 2015 die Mutter verstarb, schien die Welt stillzustehen. „Vor dem Eingang hatten viele Leute Blumen hingelegt und es war das einzige Mal, dass wir ein paar Tage geschlossen hatten.“
Doch dann spürten sie, dass die Routine der Arbeit ihnen helfen würde. Es ist eine echte Familienangelegenheit, da die meisten Angestellten zur Verwandtschaft gehören. Die Ivkovics kommen aus Kroatien, wo auch die Mutter ihre letzte Ruhe fand. Dorthin reisen sie jedes Jahr in den Urlaub. Jedoch können sie nie alle zusammen verreisen, denn der Imbiss macht niemals zu. „Die Betriebskosten, zum Beispiel die Miete, sind einfach zu hoch. Betriebsferien sind da nicht drin“, erklärt Michael Ivkovic.
Und selbst nach so langer Zeit bleibt die Sorge, die Kundschaft könnte etwas missverstehen. Kürzlich ließ er die Wände neu streichen – in unauffälligen, „abwaschbaren“ Tönen, wie er hervorhebt – und öffnete deshalb erst um 14.00 Uhr statt um 12.00 Uhr. „Da standen die Leute schon vor der Tür und fragten, ob etwas nicht in Ordnung ist.“ Die Stammgäste bangten um ihren „Nehring“. (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
