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„Ich hätte das nicht geglaubt“Mario (52) war süchtig – heute ist er „Kölner Feger“

Güney, Mario, Bernito und Alex (v.l.) beim Einsatz auf dem Neumarkt. Das Projekt des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) wird finanziert vom Jobcenter Köln.

Copyright: Alexander Schwaiger

Güney, Mario, Bernito und Alex (v.l.) beim Einsatz auf dem Neumarkt. Das Projekt des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) wird finanziert vom Jobcenter Köln.

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Nach 30 Jahren Sucht putzt Mario (52) heute seine alten Drogen-Plätze und will Köln so etwas zurückgeben.

Donnerstags ist Neumarkt-Tag. Für Mario ist das ein besonderer Ort, denn hier verbrachte er die Hälfte seines Lebens, gefangen in der Sucht.

Heute kehrt er mit seinem Team zurück, um aufzuräumen, begleitet vom „Kölner Stadt-Anzeiger“. In leuchtend oranger Arbeitskleidung ziehen Mario, Güney, Bernito und Alex los. Ihre Werkzeuge sind Greifzangen und Eimer. Sie fischen Spritzen, Glasscherben und Abfall aus den Büschen. Zwei Stunden dauert ihr Einsatz jeden Tag, immer an einem anderen Ort in Köln.

Ein Projekt, das Leben verändert

Hinter der Aktion steckt das Projekt „Kölner Feger“. Der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) hat es 2015 gestartet. Es richtet sich an Menschen, die von Drogen loskommen wollen und dafür ein Ersatzmedikament erhalten. Die Männer in den blauen Westen sind auf festen Wegen im Zentrum und in Mülheim im Einsatz. Statt Besen nutzen sie Greifer und Müllkarren. Derzeit sind 16 Stellen in zwei Teams besetzt.

Mario gehört fast seit der ersten Stunde zum Team. Rechnet man die Pausen wegen Rückschlägen raus, sind es etwa sechs Jahre. Der 52-Jährige blickt auf ein hartes Leben zurück: Der spanische Vater verschwand kurz nach seiner Geburt, er wuchs bei seiner deutschen Mutter auf, die vor 15 Jahren verstarb. „Dann habe ich mich so durchgeschlagen.“ Mehr als 30 Jahre lang bestimmten die Drogen sein Leben. Einen Job hatte er nie. Er sagt ehrlich: „Vorher war ich auf der Straße, mich hat Arbeiten gar nicht interessiert.“

Inzwischen ist Mario nach eigener Aussage clean. Der Job ist sein Anker. Was er ihm bedeutet? „Struktur. Dann weiß ich schon mal, einen halben Tag habe ich rum, da habe ich keinen Mist gebaut.“ Wieder an die Orte zu gehen, wo er früher auf der Straße lebte, war anfangs eine riesige Hürde. „Am Anfang war das schwierig für mich, mittlerweile ist es für mich Normalität.“ Er betrachtet seine Tätigkeit als eine Form der Wiedergutmachung für die Stadt. „Wie eine Entschuldigung“, fügt Mario hinzu.

Das Angebot ist speziell für Personen in einem Substitutionsprogramm konzipiert, die den Konsum illegaler Drogen durch ein ärztlich verschriebenes Ersatzmittel ausgetauscht haben. Nicole Syré von De Flo, einer Tochtergesellschaft des SKM, erläutert die Logik dahinter: Fällt die tägliche Drogenbeschaffung weg, entsteht ein Vakuum. „Das wird durch die ‚Kölner Feger‘ ersetzt – und zwar mit einer sinnstiftenden Tätigkeit, denn genau diese Plätze werden gereinigt, die durch Drogenkonsum verunreinigt werden.“ Ein sozialpädagogisches Team unterstützt die Teilnehmer und holt laut Syré „die Menschen in ihrem Tempo“ ab.

Jobcenter sieht eine Win-Win-Situation

Die Finanzierung stellt von Anfang an das Jobcenter Köln sicher. Dessen Geschäftsführerin Sabine Mendez spricht von einem Gewinn für alle Beteiligten: „Dabei gewinnen beide Seiten“.

Es biete eine Chance auf Teilhabe und sichere die Existenz für Personen, die sonst kaum eine Anbindung an den Arbeitsmarkt hätten. Zugleich freut sich die Stadt über gepflegtere öffentliche Orte. Jede Arbeitsstunde wird mit einer Aufwandsentschädigung vergütet. Das sei „eine Anerkennung dessen, dass da etwas getan wird“, erklärt Mendez.

Seit sechs Jahren hält er Kölner Plätze sauber: der „Kölner Feger“ Mario (52).

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Seit sechs Jahren hält er Kölner Plätze sauber: der „Kölner Feger“ Mario (52).

Mario schöpft Kraft aus der Anerkennung, die er erfährt. Passanten sprechen den „Fegern“ oft Lob aus, und die Mitarbeiter der Abfallwirtschaftsbetriebe zeigen im Vorbeifahren den Daumen hoch. „Das gibt einem viel Stärke, dass man geachtet wird für das, was man macht.“ Ein solches Gefühl war ihm früher fremd. Sogar aus seinem alten Umfeld kommen Reaktionen, und die sind nicht nur ablehnend: „Manche sagen: Korrekt, dass du das durchziehst.“ Im Team bestärken sich die Männer gegenseitig, clean zu bleiben.

Die Drogenszene in Köln hat sich seit dem Projektstart vor über einem Jahrzehnt gewandelt. Jens Röskens, Vorstand für Sozialpolitik beim SKM Köln, bestätigt: „Wir wissen, dass sich die Substanzen und die Konsummuster verändert haben. Im öffentlichen Raum ist das deutlich spürbar geworden“. Das hat Folgen für die „Feger“: Sie finden seltener Spritzen, doch der Drogenkonsum verlagert sich auf andere Plätze wie den Ebertplatz oder den Appellhofplatz. Für Mario ist der Neumarkt nicht mehr der schmutzigste Platz – das ist jetzt der Friesenplatz.

Ein Vorbild für die Zukunft der Suchthilfe?

Das „Feger“-Modell könnte als Vorlage für künftige Projekte dienen, zum Beispiel für das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben. Der SKM sieht darin eine Chance, auch wenn die Bedingungen für noch aktive Konsumenten angepasst werden müssten. „Wir müssen noch viel mehr über das gesamte Hilfesystem sprechen“, mahnt Röskens. Es gibt schon neue Ansätze, wie ein De-Flo-Projekt zur „Sozialraumverschönerung“, bei dem Teilnehmer Blumenkübel in der Florastraße betreuen. Man müsse sich „auch in der Beschäftigungsart immer wieder neu erfinden“, so Nicole Syré.

Heute hat Mario ein Zimmer in einer betreuten Wohneinrichtung. Sein Wecker ist jeden Tag auf 6 Uhr gestellt. Er verschweigt nicht, dass es Rückschläge gab. Doch er hat immer wieder den Weg zurück zu den „Fegern“ gefunden. Sein Fazit ist ein Satz, der unter die Haut geht: „Wenn mir das einer vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich mal da lande, wo ich jetzt bin – ich hätte es nicht geglaubt.“ (red)

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