Ein Video, das Fragen aufwirft. Es sind die letzten Momente in Freiheit für den Kölner Pedro Corona, bevor ein Polizeieinsatz sein Leben für immer verändert. Jetzt steht die Frage im Raum: Was ist wirklich passiert?
Kölner Polizeieinsatz„Hilfe! Gewalt!“ Handy-Clip wirft Fragen auf

Copyright: Simon Gonzalez
Am 8. April eskalierte ein Einsatz von Polizei und Rettungsdienst in Deutz.
Ein neu aufgetauchtes Handy-Video beleuchtet einen Polizeieinsatz vom 8. April in Köln-Deutz auf dramatische Weise neu. Bei dieser Aktion erlitt Pedro Corona irreversible Schäden am Gehirn. Sein Rechtsbeistand, Simon Barrera Gonzalez, stellte den Clip auf Instagram online.
Die Kölner Staatsanwaltschaft kündigte an, die Aufzeichnung in die laufende Untersuchung des Vorfalls zu integrieren. Bislang wurde kein offizielles Ermittlungsverfahren gegen die beteiligten Beamten eröffnet.
Widerspricht das Video der offiziellen Version der Polizei?
Die Szenen an der Wohnungstür sind beunruhigend. Man sieht, wie Corona mit Beamten und einer Rettungssanitäterin redet. Seine Stimme klingt angespannt, aber er bleibt gefasst: „Warum soll ich rauskommen? Warum muss ich aufmachen? Können Sie mir bitte antworten, bevor Sie Gewalt anwenden?“ Daraufhin verdeckt einer der Polizisten von außen den Spion der Tür. Corona macht die Tür anschließend von sich aus auf.
Ein Beamter betritt daraufhin die Wohnung. Dem Eindruck der Aufnahme nach geht er direkt auf Corona zu; fordert ihn sinngemäß auf, mitzukommen, versucht, den 30-Jährigen am Arm zu greifen. Corona weicht zurück, ruft „Hilfe! Gewalt!“ Dann bricht die Aufnahme ab. Was in der Wohnung danach passiert, ist nicht zu sehen.
Diese Aufzeichnung scheint im Gegensatz zur Schilderung der Polizisten zu stehen. Aus Vernehmungsunterlagen, welche der „Kölner Stadt-Anzeiger“ einsehen konnte, geht hervor, dass die Beamten den Anlass ihres Kommens sofort nach dem Öffnen der Tür erklärt haben wollen. Ein solches Gespräch ist in dem Clip nicht zu sehen.
Die Situation spitzte sich kurz darauf dramatisch zu. Dokumenten aus den Vorermittlungen und dem Entlassungsbericht der Uniklinik zufolge stießen zu den ursprünglichen zwei Polizisten sechs weitere dazu. Die Einsatzkräfte fixierten Corona in Bauchlage. Die anwesende Notärztin gab ihm anscheinend das Sedativum Midazolam über die Nase. Coronas Herz setzte für 23 Minuten aus. Mediziner vermuten, dass dies durch eine unzureichende Sauerstoffversorgung während der Fixierung ausgelöst wurde.

Copyright: Simon Gonzalez
Pedro Corona trug nach einem Polizeieinsatz irreparable Hirnschäden davon. Das Foto zeigt den 30-Jährigen vor dem Vorfall.
Der Anwalt von Corona bezeichnet dieses Vorgehen – eine Kombination aus Bauchlage, Beruhigungsmittel und mehreren Spuckhauben – als „höchst fahrlässig“. Er sieht darin einen ausreichenden Anlass für ein Ermittlungsverfahren. Dass bisher keines eingeleitet ist, ist für ihn ein „Skandal“. Gonzalez gibt zudem an, mittlerweile selbst die Bodycam-Videos gesichtet zu haben und verurteilt das Verhalten der Beamten scharf. Sie sollen seinen Mandanten verspottet und beschimpft haben.
Staatsanwaltschaft spricht von psychischer Notsituation
Die Staatsanwaltschaft stellt den Vorfall anders dar: Corona sei in einem psychischen Ausnahmezustand gewesen und hätte in eine Fachklinik gebracht werden sollen. Er habe auf anwesende Freunde aggressiv gewirkt und sei früher wegen einer Psychose in Behandlung gewesen. Corona soll sich „mit Händen und Füßen“ gegen die Maßnahme gesträubt, die Einsatzkräfte geschlagen, getreten, angespuckt und eine Polizistin gebissen haben.
Erst mit der Hilfe der Verstärkung sei es möglich gewesen, Corona zu bändigen und zum Krankenwagen zu transportieren. Laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft belegen Bodycam-Aufzeichnungen, dass die Beamten Corona dabei immer wieder gefragt hätten, ob er genug Luft bekomme. Auch nach dem Abtransport sei Corona ansprechbar und bei Bewusstsein gewesen. Als sich sein Befinden schlagartig verschlechterte und er merklich still wurde, habe die Notärztin den Ernst der Lage erkannt und mit der Wiederbelebung begonnen.
Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte nun, dass der Clip bislang unbekannt war. Der Anwalt habe vor der Veröffentlichung nicht die Behörde kontaktiert. Die Staatsanwaltschaft untersucht das Video nun, ebenso wie „sämtliche öffentlich bekannt gewordene Tatsachenbehauptungen“, und werde sich „umfassend um Aufklärung bemühen“.
Man habe dabei weiterhin „auch die entscheidende Frage im Blick, ob die Fixierung von Herrn C., deren Art und Weise und weitere in diesem Zusammenhang getroffene Maßnahmen der Polizeibeamten rechtens und verhältnismäßig waren“. Diese Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen. (red)
