Milieu-Original Schmidte Udo: Eine Million verkokst – ich müsste längst tot sein

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Enge Freunde bis zu dessen Tod: Schmidte Udo und der verstorbene Ex-FC-Kicker und Weltmeister Heinz Flohe

Köln – TV-Dokumentationen, Bücher wie: „Wenn es Nacht wird in Köln.“ Das berüchtigte Kölner Milieu der 1970er und 1980er Jahre.

Die einen halten die Protagonisten von einst wie Schäfers Nas für Haudegen mit Ganovenehre, viele empören sich dagegen, wenn die heute noch lebenden Gestalten wie „Frischse Pitter“ auf der Straße jubelnd erkannt werden und sogar Autogramme geben.

Köln: Ex-Puff-Wirtschafter schildert Koks-Erfahrungen

Auf EXPRESS.de erinnern wir zum Jahreswechsel mit Episoden an die wilde und oft kriminelle Vergangenheit, die als Chicago am Rhein zu Köln gehörte, aber nicht verklärt werden darf.

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Heute veröffentlichen wir Anekdoten von Ex-Rotlichtgröße Schmidte Udo aus dem Buch von Roland Bebak.

Wie denken Sie denn an die Zeit von damals zurück - ist das die gute alte Zeit für Sie?

Schmidte Udo: Das war eine richtig schöne Zeit, eine kameradschaftliche Zeit. Wir hatten unseren FC Johnny, unsere Thekenmannschaft...

Wo der Heinz Flohe, Spitzname Flocke, mitgekickt hat?

Schmidte Udo: Ja, und da war irgendwie ein Zusammenhalt. Da hat der Beckers Dieter viel für gemacht. Sagen wir mal: Jeder hatte da seinen Posten, jeder durfte etwas sagen. Becker hatte das meiste zu sagen. Das war irgendwie ein größerer Zusammenhalt – Du kriegst ja heute keine fünf Jungen mehr zusammen. Jeden Donnerstag hatten wir Versammlung im Klein Köln. In der stärksten Zeit waren wir 32 Mann. Für mich war das eine schöne Zeit.

So eine Versammlung, wie muss man sich die vorstellen?

Schmidte Udo: Wie eine richtige Fußball-Versammlung. Da war alles mit Regeln, der Becker hatte das Sagen. Donnerstag war Versammlung, und jeden Donnerstag musstest Du 100 DM bezahlen.

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Starke Jungs: Beckers Schmal, Zementkopp und ein anderes Mitglied der Kölner Luden-Mannschaft FC Johnny.

Jeden Donnerstag 100 DM ?

Schmidte Udo: Ja, wir haben ja auch Touren gemacht. 10 oder 14 Tage nach Marbella, das hat richtig Geld gekostet. Zu Hoch-Zeiten hatten wir über 600.000 in der Mannschaftskasse. Wir haben auch Gelder verliehen. Darüber wurde abgestimmt.

Was hat den Beckers Dieter ausgezeichnet, warum war er der Boss?

Schmidte Udo: Der war der Organisator. Ich kenn keinen besseren. Was der alles angestellt hat, wo der die Leute hergeholt hat, das war super.

Die Essener Turniere waren ja die größten Turniere. Aber wir hatten auch kleine Turniere und Hallenturniere mit sechzehn Mannschaften aus sechzehn Städten. Die kamen von Hamburg, von Frankfurt, Gelsenkirchen, Essen, Dortmund, Hagen, Hamm – was weiß ich, wo die alle herkamen.

Und ihr seid sogar in Wien gewesen?

Schmidte Udo: In Wien waren wir auch.

Stimmt das, dass der mit einem weißen Pferd auf den Platz geritten kam, der Protestvogel?

Schmidte Udo: Ja ja, dä hät se nit mieh all. Der gehörte ja im Grunde genommen gar nicht zu uns. Ich weiß gar nicht, wo der her kam und wie der zu uns gekommen ist. Der hatte sie nicht alle im Koffer, der hatte eigentlich mit uns gar nichts zu tun. Auch der Tünn war selten bei uns.

Wie sind Sie denn in diese Szene hinein gekommen?

Schmidte Udo: Ich bin aus der Schule gekommen, dann hab ich Automechaniker gelernt bei Fleischhauer, habe meine Gesellenprüfung gemacht. Tja, dann war ich Ringen gucken gewesen in Ossendorf, und da hat sich der Schwergewichtler verletzt. Das war ein Freund von mir.

Dann hat der gesagt: „Udo, kannst Du heute Abend mit mir nach Bonn fahren?“ Ich war gerade frisch verheiratet – „ein bisschen mitaufpassen?“ Da hab ich gefragt, was ich denn da machen muss, ich war gerade 20 Jahre. „Ja nur aufpassen, wenn irgendwie Theater ist“. - „Ja, dann fahre ich mit.“ So, der erste Abend war gar kein Theater, alles war ganz ruhig – ich war noch den Automechaniker am Lernen, mein Schwager war im Schlachthof am Arbeiten.

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Gentleman: Schmidte Udo im Anzug.

Beim Fleischhauer sollte ich 3,33 DM bekommen und Freunde von mir, das waren alles Hilfsarbeiter, die hatten schon 7 – 8 DM verdient.

Da hab ich gedacht, warum sollst Du beim Fleischhauer für 3,33 DM arbeiten – die hatten immer 50 bis 150 Lehrlinge, und von denen wurden jedes Jahr 15 gehalten. Und da sollte ich normal bei sein. Da hab ich gesagt: Ne, das mach ich nicht, für das Geld nicht. Da hab ich im Schlachthof angefangen und habe die Woche 500 Mark verdient. Und freitags kriegten wir dann noch für 100 Mark Fleisch und Wurst.

Das war damals viel viel Geld, das war 1972, ich war 22 Jahre. Im Mai 1973 habe ich dann in Bonn angefangen. Da hab ich in der ersten Nacht 650 Mark verdient. Im Puff. Da hab ich mir gesagt, das wär doch was für dich am Wochenende, da hast du das Geld und in der Woche sind es auch 200 bis 250 Mark.

Jeden Tag?

Schmidte Udo: Montags bin ich zum Arzt, hab mich krankschreiben lassen und hab dann in Bonn gearbeitet. Und ich war gerade verheiratet, meine Frau hat gefragt: „Was machst Du denn da?“ Da hab ich gesagt: „Der Mann hat da eine Wirtschaft gegenüber vom Schlachthof, da kommen die Metzger und so, ich bin da ja nur am Kellnern.“

Schmidte Udo: Ehe-Aus wegen Puff-Entlarvung

Dann war ich fünf, sechs Wochen da und dann hör ich unten Gebrüll. Da kommt meine Frau mit dem Kind, setzt das auf den Schreibtisch, der Schwiegervater und dessen Bruder sind dabei: „Von wegen Kellnern, hier im Dreckspuff bei den Huren treibst du dich rum!“

Da hatte sich das Thema Familie für mich erledigt. Da bin ich am anderen Tag nach Hause gegangen und habe meine Tasche gepackt, da war Ende. Dann sind wir geschieden worden, und ich hab in Bonn weiter gearbeitet.

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Schmidte Udo vor einem Szenelokal im Friesenviertel.

Da musste man sich entscheiden ...

Schmidte Udo: Ja ja, das war ja viel Geld, und da hatte ich auch da direkt eine Französin klargemacht und hab dann bis 1978 in Bonn gearbeitet.

Den Posten nannte man Wirtschafter oder?

Schmidte Udo: Ja.

Das heißt, man organisiert dann und passt auf?

Schmidte Udo: Ja ja, man hat dann die Miete kassiert und aufgepasst, das war es im Grunde genommen schon. Der eine Wirtschafter vier Tage in der Nacht und dann der andere drei Tage in der Nacht. Wir hatten ein Grundgehalt von 800 DM und der Rest Tipp. Das waren 1.200 DM brutto und 800 DM netto. Irgendwann, als ich fünf Jahre in Bonn hinter mir hatte, sagte der Hans: „Bei uns in Köln wird was frei, wenn Du Lust hast, kannst Du arbeiten kommen.“

Da bin ich dann hingefahren und hab mit dem Schneider gesprochen, ich kannte den ja aus der Stadt. Dann hab ich in Köln angefangen bis 89, und dann hab ich ́ne neue Frau geheiratet.

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Frivole Stimmung: Hier gab Schmidte Udo den Ton an.

Die Französin?

Schmidte Udo: Nee nee, aber mit der war ich auch verheiratet zehn Jahre. Und dann hab ich dat Babs geheiratet, aber eine solide Frau.

Kann man denn auch treu sein bei so einem Posten, den Sie da hatten?

Schmidte Udo: Kann man, braucht man aber nicht.

Konnten Sie sich in den Jahren dann alles leisten oder haben Sie alle Kohle rausgefeuert?

Schmidte Udo: 1984 hatte ich 1 Million auf der Bank. Hatte ein Haus, eine Wohnung und fünf Appartements, wo ich Schüss drin arbeiten hatte. Das war eine fertige Wohnung mit allem Drum und Dran.

Dann hab ich damals eine Frau kennengelernt, die hat gesagt: „Das ist mir jet viel, da kann ich nicht drob stillhalten.“ Dann hab ich gesagt: „Halt noch ein zwei Jahre still, damit wir noch was zusammen kriegen.“

Ja, dann hab ich mit dem scheiß Drecks zeug Koks angefangen, bestimmt 20 Jahre, das hat mich mein ganzes Geld gekostet. Auch das Auto. Wie die Zockerei - ne das ist noch schlimmer, da hast Du keine Chance. Ich war nachher so drauf gewesen.

Ich wusste gar nicht mehr, wo es lang ging. Auch beim Pille Rolf, da wäre jeder andere schon tot gewesen. Ich hab alles gesehen, alles gemacht, auch die letzte Mark verbraten. Ich hab immer gedacht, es geht noch weiter, aber da hab ich mich verrechnet.

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Schmidte Udo vor einem Szenelokal auf der Friesenstraße.

Aber wenn man so krass lebt, haben Sie auch mal gesundheitlich Probleme gehabt?

Schmidte Udo: Nee nee, ich bin beim Pottkämper, das ist für mich der beste Arzt und der weiß auch viel. Dem hab ich auch viel erzählt, der sagt ich müsste schon lang tot sein. Bei mir ist alles in Ordnung.

Haben Sie Typen kennengelernt, die da all Ihre Kohle gelassen haben?

Schmidte Udo: Ja, wir haben so Schicksale gehabt. Da war einer, der war Bankdirektor, also das höchste was es auf der Bank so gab. Der hat abends bei uns im Eros-Center Theater auf dem Zimmer gehabt und hat sich geärgert. Da wollte er sein Geld wieder haben. Wir haben gesagt: „Geld können wir nicht wieder geben – draußen ist eine Telefonzelle, da kannst Du die Polizei anrufen, die können Dir helfen, wir können Dir nicht helfen.“ Haben aber direkt gesagt, „das ist ja wie das Hornberger Schießen, das gibt nichts.“

Bankdirektor bekommt Post aus der Hornstraße, Ehe futsch

Aussage gegen Aussage Wir haben den vom Zimmer geholt, ganz ganz vernünftig, der Mann war nicht aggressiv oder was, der hat aber die Polizei angerufen. Dann haben die alles aufgenommen und dann kam der Gerichtstermin. Obwohl wir ihm gesagt haben, das gibt sowieso nichts wegen 50 Mark. Da kommt die Post nach Haus vom Eros-Center Hornstraße, da sagt die Frau, was hast Du denn da gemacht.

Ende vom Lied: Ehe kaputt, Job weg, nichts mehr - den haben wir nach zwei bis drei Jahren noch mal gesehen, da hatte der Mann nichts mehr. Das alles wegen 50 Mark.

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Im Dunst des Milieus: Schmidte Udo zieht an einer Zigarette.

Wie war das bei Ihnen, wenn es da Ärger gab - mit Knast oder so?

Schmidte Udo: Auf 30 Jahre gerechnet hatte ich 190 Anzeigen. Du hattest ja immer denselben Richter und das wusste ja auch jeder, was da abgeht. Dass so manche im Grunde genommen ja gar nichts dafür konnten. Gut, wir haben auch manchen richtig brack gehauen, aber meistens haben die auch nichts gesagt, weil Sie ja wussten, dass Sie scheiße gebaut hatten. Ansonsten hätten Sie auch wieder Kasalla gekriegt. Das waren schon Aktionen.

Können Sie das denn bestätigen, dass Köln so die kriminellste Stadt, das Chicago am Rhein war?

Schmidte Udo: Nein, ich sag das nicht. Für mich war immer die gefährlichste Stadt Frankfurt, da war das ganze Gesindel. Alles was an Gesindel rum lief, ging nach Frankfurt. Nee, in Köln hatten wir das gar nicht so....

Schäfers Nas war da schon so der mächtigste Mann oder? Wie war er?

Schmidte Udo: Ja, ich hab ja mit dem Hein fünf Jahre in Bonn gearbeitet von 73-77. Für mich war der ein Original. Ein bärenstarker Mann und manchmal war er was durcheinander.

War der auch korrekt?

Schmidte Udo: Zu mir ja, aber zu anderen Leuten war er nicht korrekt. Der tät in jede Partie rinspringen, wo er rinspringen konnt und das sind so kleine Gesetze, das macht man nicht. Man geht nicht an eine Partie von einem Bekannten und springt darin.

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Sorgte im Milieu für Angst und Schrecken: Hein Schäfer, alias Schäfers Nas.

Der Hein war ja stark wie ein Bär und wenn der was gut finden tät, dann sagte der: „Hör ich bin jetzt mit Deiner Ahl zusammen, ruf die nicht mehr an.“ Ja das tät der mache, das war schon ein starker Mann. Der hatte ja mit nichts was am Hut.

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