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Kölner GeheimnisseGeschichte der Uhr am Wallrafplatz aufgeklärt

Gebäude am Wallrafplatz in Köln

Fällt kaum auf: Die Uhr am Wallrafplatz

Aktualisiert

In der Reihe „Kölner Geheimnisse“ geht es diesmal um eine Uhr, die wie eine Allerweltsuhr aussieht – aber ihr Standort ist seltsam. Und das führt zu einer Geschichte, die keiner ahnen kann.

Der Kölner Wallrafplatz: Hier steht das WDR-Funkhaus, in dem sich noch ein Paternoster befindet. In der Mitte des Platzes wächst die große Platane. Bekannt sind Foto Lambertin und die Merzenich-Bäckerei und auch die luxuriösen Geschäfte Bulgari und Breitling. Das alles ist vertraut. Aber die Uhr vom Wallrafplatz? Wo soll die sein? Nein. Die Uhr, die kennt keiner.

Wie auch? Wer seines Weges geht, sieht sie eigentlich nicht. Die Uhr führt ein unauffälliges Dasein. Wer aus der Hohe Straße kommend den Kopf nach oben reckt, der nimmt sie überhaupt erst wahr. Die Uhr, schlicht und funktional, ist unter einem der Fenster im vierten Obergeschoss des Wohn- und Geschäftshauses Wallrafplatz 9 an der Nordseite des Platzes angebracht. Doch: Was hat die Uhr da überhaupt zu suchen?

Rätsel um Uhr am Wallrafplatz

Diese Frage führt zu einem Mitglied der Eigentümerfamilie des Hauses, dem 1938 geborenen Kunsthistoriker Peter Hahn – und sie führt in die Epoche der Kaiserzeit. Auf einer Postkarte aus dem Jahr 1907, die Peter Hahn verwahrt, ist am Wallrafplatz 9 der im Krieg zerstörte, prächtige Ursprungsbau zu sehen, der schon der Familie Hahn gehörte. In der Mitte des Platzes stehen Pferdedroschken, an der Stelle des jetzigen Funkhauses befindet sich das Nobelhotel Metropol.

„Mein Vater ist mit seinen fünf Geschwistern im Haus am Wallrafplatz aufgewachsen“, erzählt Hahn. „Er durfte als Knabe mit den Pferdedroschken eine Runde auf dem Platz fahren, wenn die Pferde aufgewärmt werden mussten.“ Die wohlhabende Familie aus dem gehobenen Kölner Bürgertum hatte Sinn für Repräsentanz. In Höhe des 3. Stockwerkes des Gebäudes befand sich ein Relief in Form eines Hahns. Peter Hahns Großvater Wilhelm betrieb im Erdgeschoss ein edles Papier- und Lederwarengeschäft.

Alte Postkarten mit dem Kölner Wallraffplatz

Der Wallrafplatz auf alten Postkarten. Auf der oberen Postkarte ist am rechten Eckhaus Nr. 9 am oberen Geschoss ein Hahn-Relief zu erkennen – Hinweis auf die Hauseigentümer, die Familie Hahn. Die untere Postkarte stammt aus dem Jahr 1907.

Auf einem Foto aus jener Zeit stehen Wilhelm Hahn und seine Frau Gertrud vor dem Eingang. Der Fassadenbereich ist opulent gestaltet: Verschnörkelte schmiedeeiserne Gitter umgeben die Glasfront, über einer breiten Markise thront in geschwungenem Jugendstil der Name „Wilhelm Hahn“. In der Beletage des repräsentativen Gebäudes, erzählt Peter Hahn, habe der Bankier Louis Hagen residiert, ein damals führender Vertreter seiner Zunft, den man gerne auch „König der Rheinlande“ nannte.

1907, da war Köln eine „Boomtown“, die Stadt hatte sich mit der Schleifung der alten Stadtmauern entfaltet und war nach zahlreichen Eingemeindungen zwischenzeitlich sogar die größte Metropole im deutschen Kaiserreich. Am Habsburgerring stand ein neues Opernhaus, die Arbeiten zum Bau der Hohenzollernbrücke starteten und mit der Ernennung zum Beigeordneten der Stadt hatte im Jahr zuvor die Politkarriere von Konrad Adenauer begonnen. Der Rosenmontagszug stand 1907 unter dem Motto „Bilder aus dem Kölner Leben“. So nahmen die Jecken etwa die Errungenschaften der Technik in den Fokus. Ein Festwagen kündete vom „Triumph der Elektrizität“.

Was hat es mit der Uhr am Wallrafplatz auf sich?

Für die Antwort auf die Frage, was es mit der Uhr vom Wallrafplatz wirklich auf sich hat, geht der Blick noch einmal auf das historische Postkartenfoto. Mittig über der Eingangstür zum „Lederwarengeschäft Wilhelm Hahn“ hatte dieser nämlich eine kunstvolle Uhr anbringen lassen.

Für viele Passanten auf dem Wallrafplatz, einem der belebtesten Plätze Kölns in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof, wird die Zeitangabe auch einen praktischen Nutzen gehabt haben. Den Rest erzählt Peter Hahn: „Die Familie hat das Haus in den 1950er-Jahren wieder aufgebaut. Ich selbst habe dann im Jahr 2004 als damaliger Bevollmächtigter der Familie veranlasst, dass in Erinnerung an die Generation der Großeltern und ihr Geschäft erneut eine Uhr an der Fassade angebracht wird.“

Cover Kölner Geheimnisse Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

Cover Kölner Geheimnisse Band 2 von Ayhan Demirci und Maira Schröer

Diese Geschichte stammt aus dem Köln-Buch „Kölner Geheimnisse Band 2/ 50 neue spannende Geschichten aus der Dom-Metropole“, das im Bast-Verlag erschienen ist (192 Seiten, 24 Euro). Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes sind es diesmal die Autoren Ayhan Demirci und Maira Schröer, die sich auf die Spuren Kölner Geschichte begeben haben und ausgehend von Objekten und Relikten in der Stadt von außergewöhnlichen Begebenheiten erzählen.