Kult-Physio WilfriedPeinliches Karnevalsversehen: Florian Silbereisen aus dem Sartory geworfen

Physio Wilfried Wiltschek mit seinem Notfallrucksack.

Kölns Kult-Physio Wilfried Wiltschek mit seinem Notfallrucksack im Backstage-Bereich des Sartory.

Physiotherapeut Wilfried Wiltschek ist der Wunderheiler der Jecken. Er kümmert sich vor allem um Verletzungen bei Tanzgruppen. In 25 Jahren Karnevalseinsatz ist ihm auch schon ein peinliches Malheur passiert.

von Marcel Schwamborn (msw)Daniela Decker (dd)

Die kurze und stressige Karnevalssession – sie fordert nicht nur von Bands und Rednern Akkordarbeit. Auch die Tanzgruppen leisten Schwerstarbeit. Da können sich schon mal die Wehwehchen häufen.

Einer hilft in diesem Fall vielen Tänzerinnen und Tänzern im Kölner Karneval. Kölns Kult-Physio Wilfried Wiltschek ist der Wunderheiler der Jecken. Seit 1980 arbeitet er als Physiotherapeut und Masseur, davon seit 25 Jahren im Karneval und seit 18 Jahren offiziell für das Festkomitee.

Physio seit 25 Jahren im Karneval im Einsatz: Bis 300 Einsätze pro Session

„Ich bin vom Festkomitee autorisiert, die Tanzgruppen und die Aktiven im Karneval fitzuhalten, damit der Sitzungsablauf gewährleistet ist. Das betrifft die Tanzgruppen, Künstler, Bands oder ihre Crews.“ Dadurch, dass er selbst Tänzer und Tanzgruppenleiter der „Hellige Knäächte un Mägde“ war, bezeichnet er sich als „Fachidiot in puncto Bühnenverletzungen.“

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In der Session ist Wiltschek sieben Tage die Woche bis Aschermittwoch ehrenamtlich unterwegs. „Da kommen locker 250 bis 300 Einsätze zusammen. Da sind aber noch nicht die Karnevalisten eingerechnet, die tagsüber in die Praxis kommen.“ Die Kosten von 2500 bis 3000 Euro für Verbandsmaterial und andere Dinge, zahlt er aus eigener Tasche. „Ich mache das freiwillig, weil es mir tierisch Spaß macht. Hobby und Beruf zu vereinen, das ist doch das Schönste, was es gibt“, sagt er zu EXPRESS.de.

Obwohl Kölns Kult-Physio jede Nacht unterwegs ist, steht er morgens pünktlich um 7.30 Uhr in seiner Praxis. Seine Frau Claudia hat er so kennengelernt. „Claudia war das Tanzmariechen der Nippeser Bürgerwehr in der Session 1993 und kam in Uniform mit einem dreifachen Bänderriss in meine Praxis. Eigentlich ist es oberstes Gesetz, niemals was mit Patienten anzufangen, aber als ich sie das erste Mal sah, stand sofort für mich fest: Du bist ein Mädchen zum Heiraten.“

Sechs Jahre später gaben sie sich das „Ja“-Wort. Doch bevor es so weit war, hat er seine Claudia jeden Abend für die Bühne und ihren großen Traum vom Tanzmariechen fit gemacht. „Natürlich ist es nicht gesund, mit Verletzungen zu tanzen. Aber besser mit Verbänden als ohne. Ich tape die Verletzungen so zusammen, dass sie weiter tanzen können, ohne sich irreparable Schäden zuzuziehen.“

Gerade bei Tanzgruppen sind Verletzungen an Fuß- und Schultergelenken sowie an den Lendenwirbeln von den Hebungen keine Seltenheit. „Wenn ich aber der Meinung bin, es geht nicht mehr, ziehe ich die Betroffenen direkt aus dem Verkehr. Auch wenn ich jemanden sehe, der schwer schluckt und eine Mandelentzündung hat, werde ich fuchsteufelswild. Dann sind Bakterien im Spiel, die ins Herz abwandern und später zu einem Herzinfarkt führen können.“

Wiltschek ist im Karneval quasi unverzichtbar. Karnevalssonntag hat er sogar seine Praxis den ganzen Tag für die geöffnet, die den Rosenmontagszug mitgehen wollen, aber es ohne seine Hilfe nicht schaffen würden.

Der ehemalige Tänzer hat zur Entwicklung im Karneval eine klare Meinung. „Es ist viel gefährlicher geworden, weil die Auftritte weniger werden. Als ich noch aktiver Tänzer war, hatten wir in der Session 120 Auftritte. Da wurden die Muskeln an einem Abend gar nicht erst kalt. Heute haben die Gruppen einen Auftritt um 16 Uhr und dann sechs bis sieben Stunden Pause, ehe sie noch einmal um 23 Uhr auf der Bühne stehen. Dadurch passieren die Unfälle. Darüber hinaus ist das Tanzen viel athletischer geworden. Irgendwann passiert bestimmt ein schrecklicher Unfall, der nicht passieren müsste.“

Eine klare Grenze zieht der Physiotherapeut bei Kindertanzgruppen, die von den Pänz Hebungen verlangen. „Da stehen 13-jährige Jungs, die verzweifelt ein Mädchen hochheben oder bei den Würfen auffangen müssen. Das darf nicht sein. Kinderknochen sind noch viel zu weich für diese Belastungen. Wenn ich solche groben Fehler sehe, gehe ich sofort zu den Tanzgruppenleitern und kläre sie über die Verletzungsgefahren auf.“

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Wenn man 25 Jahre durch die Säle zieht, erlebt man auch die eine oder andere witzige Situation. „Solch eine erlebte ich im Sartory. Ich betrat mit einer Tänzerin, die eine Adduktorenzerrung hatte, den Backstagebereich. Da man bei der Behandlung in sensible Bereiche kommt, wollte ich natürlich keine Zuschauer haben.“

Auf der Couch lümmelte sich jedoch jemand, der sich als Bayer verkleidet hatte. „Da ich die Person nicht kannte, ging ich davon aus, dass sich wieder einmal ein Gast in den Backstagebereich geschlichen hatte, um irgendwelche Künstler abzufangen.“ Umso drastischer fiel die Ansage aus: „Du gehörst hier nicht hin – also raus. Der Typ ist sofort aufgestanden und gegangen“, erinnert sich Wiltschek lachend.

Richtig peinlich wurde es fünf Minuten später, als die Band Brings hereinkam und Peter Brings fragte, ob jemand Florian gesehen hätte, sie müssten gleich auf die Bühne. „Ich nur: Welcher Florian? Ja, der Silbereisen! Die Quetsch von ihm steht da, nur ihn finden wir nirgendwo. Da ich Herrn Silbereisen nicht erkannt hatte, hatte ich ihn aus dem Backstagebereich herausgeschmissen.“

Wiltschek hatte Silbereisen mit seiner Ansage so eingeschüchtert, dass der gleich komplett den Sartory-Saal verlassen hatte. „Verzweifelt haben wir den Mann überall gesucht und ihn schließlich knapp vorm Auftritt draußen gefunden. Gesprochen haben wir danach nicht mehr.“

Dass Wiltschek alles für seine Patienten gibt, bewies er in der Session 2012, als Prinz Marcus Gottschalk, Bauer Thorsten „Totti“ Schmid und Jungfrau Olivia (Oliver von Rosenberg) das Dreigestirn stellten. „Mitten in der Session bekam ich vom damaligen Prinzenführer Rüdiger Schlott einen Anruf, weil sich der Bauer nicht mehr bewegen konnte.“ „Totti“ war damals ein echt staatser Bauer, der so einiges auf die Waage brachte.

Kölns Kult-Physio träumt von Fahrt im Rosenmontagszug

„Als ich sagte, dass ich ihn zum Einrenken hochheben müsste, erntete ich nur schallendes Gelächter der gesamten Equipe. Ich habe mich davon aber nicht einschüchtern lassen und ‚Totti‘ mit einem speziellen therapeutischen Griff vom Boden hochgehoben und bin so mit ihm zehn Meter gelaufen. Anschließend war der Bauer wieder fit und ich hatte zwei Tage Rückenschmerzen vom Feinsten. Aber das Wichtigste: Das Dreigestirn konnte weiter durch die Säle ziehen.“

Nach 25 Jahren ehrenamtlicher Arbeit rund um die Karnevalisten hat Kölns Kult-Physio übrigens nur noch einen Wunsch. „Ich bin noch nie auf einem Wagen im Rosenmontagszug durch Köln gefahren, obwohl das seit meiner Kinderzeit mein großer Traum ist“, gesteht er im EXPRESS.de-Gespräch gerührt.