BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken feiert seinen 75. Geburtstag. Seine Band gibt es seit 50 Jahren. Sie geht in diesem Jahr auf große Jubiläums-Tournee. EXPRESS.de sprach mit dem Musiker über seine Karriere.
Zum 75. GeburtstagBAP-Boss verdamp ehrlich: „Schüttet meine Asche in den Rhein“
Dieses Jahr hat es für Wolfgang Niedecken wirklich in sich. Am Montag (30. März 2026) feiert der Kölner Musiker seinen 75. Geburtstag. Erst wird im Kreis der Familie gefeiert, abends steht er in der Philharmonie auf der Bühne. „Aus gegebenem Anlass“ ist der Auftritt betitelt.
Zudem feiert die 1976 gegründete Band BAP ihr 50. Jubiläum. Unter dem Titel „Fünfzig Jahre BAP – Die Zielgerade“ kehrt die Kölner Rocklegende dorthin zurück, wo sie sich am wohlsten fühlt – nah zu den Fans.
BAP: „Zielgerade“-Tour endet in der Kölner Lanxess-Arena
Das Jubiläumskonzert am 10. Juli im Kölner Rhein-Energie-Stadion war in kürzester Zeit ausverkauft. Es folgt noch eine Hallentour, unter anderem mit Auftritten in Düsseldorf (28.11.), Dortmund (13.12.), Münster (15.12.) und dem großen Finale am 18.12. in der Kölner Lanxess-Arena.
BAP-Gründer Niedecken feiert zudem zum 15. Mal seinen „Schutzengel-Tag“. Am 2. November 2011 erlitt er einen Schlaganfall, der sein Leben veränderte. Die Lust an der Musik und der Kunst sowie die kritische Haltung zu vielen politischen Themen ist aber geblieben.
BAP hat bisher schon 13 Nummer-eins-Alben veröffentlicht. Passend zum Geburtstag ist die Jubiläumsbox „Paar Daach spääder – 50 Jahre BAP Live“ erschienen. Beim Treffen mit EXPRESS.de verriet Niedecken, welche Gedanken ihm bei seinen Songtiteln heute in den Kopf kommen.
„Noh all dänne Johre:“ Ich war schon immer ein Sammler und dementsprechend habe ich über die Jahre unglaublich viele Dinge aufgehoben. Damit könnte man vermutlich so etwas wie ein BAP-Museum füllen. So was möchte ich aber nicht zu Lebzeiten haben. Da bräuchte man jemanden, der das seriös angeht und verwaltet.

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Wolfgang Niedecken mit seiner Ehefrau Tina und Hündin Numa.
„Verdamp lang her:“ Es ist schon wieder ewig her, dass ich am Grab meines Vaters war. Ich komme da nie zu, obwohl ich Friedhöfe eigentlich sehr inspirierend finde. Ich persönlich möchte später da nicht liegen. Mir wäre es am liebsten, wenn man meine Asche von der Südbrücke in den Rhein schüttet. Dann muss ich zwar durch Leverkusen und Düsseldorf durch, aber am Niederrhein wird es nett. Ich bemühe mich, diese Dinge rechtzeitig zu ordnen, damit die Familie Bescheid weiß.
„Amerika:“ Dieser Titel ist einer meiner absoluten Lieblingslieder von BAP. Für mich ist es das gelungenste Lied, das ich je mit dem „Major“ geschrieben habe. Ich denke bei Amerika vor allen Dingen daran, dass sie Europa vom Faschismus befreit haben. Dass das Land nach all den Jahren solch eine Entwicklung nimmt, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass die Amerikaner Donald Trump noch ein zweites Mal gewählt haben. Das Zitat „Lügen fliegen und die Wahrheit humpelt hinterher“ passt perfekt zu ihm. Was der Mann anrichtet, ist furchtbar. Ich hoffe, dass die amerikanische Bevölkerung möglichst bald begreift, dass sie sich auf einem Irrweg sondergleichen befindet.

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Vertrautes Bild: Wolfgang Niedecken mit Gitarre auf der Bühne, wie hier beim Konzert im März 2022 in der Lanxess-Arena.
„Absurdistan:“ Ein Titel, der aktueller denn je ist und zur Weltlage passt. Da hatte ich vor zehn Jahren beim Schreiben einen dicken Hals angesichts der Nachrichten, die ich soeben gesehen hatte. Später im Studio habe ich festgestellt, dass ich diesen Text nicht auf Kölsch singen konnte. Nichts gegen die Kollegen, aber ich kam mir plötzlich vor wie die Höhner als Polit-Rockband. Es wirkte aufgesetzt, ich war stinksauer, und da passte unsere geliebte Sprache nicht. Daher habe ich die drei Strophen dann in Hochdeutsch gesungen.
„Arsch huh, Zäng ussenander:“ Das spielen wir weiter konsequent bei jedem Auftritt. Mittlerweile gibt es sogar schon Coverversionen in anderen Dialekten, die ich echt gelungen finde. Ich werde vermutlich irgendwann mal wieder einen neuen Song zur politischen Weltlage schreiben. Aber im Grunde sind die Lieder ja schon da. Bei der Jubiläumstour spielen wir außerdem „Ruhe vor’m Sturm“, „Absurdistan“ und „Kristallnaach“.

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Wolfgang Niedecken auf der Severinstraße im Schatten der Severinstorburg. In der Südstadt ist der Musiker aufgewachsen.
„Helfe kann dir keiner:“ Ohne den Song hätte es BAP wohl nie gegeben. Aus Liebeskummer habe ich den geschrieben, inspiriert durch „Cowgirl in the Sand“ von Neil Young. „Do musste mieh vun maache!“, sagte unser Ex-Gitarrist Hans Heres im Proberaum. Alles fing ohne jeglichen Karriereplan an. Es gab in den 50 BAP-Jahren unglaublich viele glückliche Zufälle. Ich bin im Grunde traumwandelnd durch mein Leben gesurft.
„Wenn et Bedde sich lohne däät:“ Ich bin Rest-Katholisch und ein hoffender Agnostiker, aber kein Atheist. Manchmal passiert es mir, dass ich abends, wenn ich im Dunkeln im Bett liege, mir die Frage stelle: „Chef, was meinst du?“ Ich glaube an eine Instanz, an der ich mich selbst überprüfen kann. Und der Chef wird mich nicht belügen.

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Wolfgang Niedecken mit seiner Frau Tina und der damals einjährigen Isis-Maria und der jüngsten Tochter Joana-Josephine, die 1995 geboren wurde.
„Ens em Vertraue:“ Ich habe glücklicherweise einige Freunde, denen ich wirklich vertraue. Ich versuche, nicht mit allem meine Frau zu belästigen. Aber Tina und ich haben keine Geheimnisse voreinander. Sie ist mein bester Freund und hat vor 15 Jahren unfassbar gut reagiert. Als sie 112 anrief und sagte, dass ich einen Schlaganfall hätte, kamen die Ärzte ganz flott. Und wie sie sich in all den Jahren um die Familie und alle möglichen Dinge gekümmert hat, während ich meine Musik gemacht habe, ist sensationell.
„Drei Wünsch frei:“ Ich würde mir sehr wünschen, dass man die moderne Technologie so in den Griff bekommt, dass sie den Menschen wirklich hilft und man sie zum Nutzen aller einsetzt. Mit einem Hammer kann man einen Nagel in die Wand schlagen, aber auch jemandem den Kopf einschlagen. Wichtig ist immer, was man mit einem Werkzeug macht, und dass sich nicht einige wenige daran bereichern und über Leichen gehen. Ich bin kein Technikfeind und weiß, wie wichtig Fortschritt beispielsweise in der Medizin ist. Aber ich sehe auch große Gefahren.

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Das EXPRESS.de-Reporterduo Marcel Schwamborn (l.) und Daniela Decker traf sich mit Wolfgang Niedecken zum Geburtstagsgespräch.
Ein zweiter Wunsch wäre, dass alle begreifen, dass Kriege nie eine Lösung sind. Da bin ich leider nicht besonders hoffnungsvoll. Aber trotzdem muss man dranbleiben und darf nicht resignieren. Aufgeben ist keine Option.
Mein dritter Wunsch betrifft die Ökologie. Wenn wir einen Planeten haben, der vor lauter Umweltsünden kollabiert, bekommen wir ein enormes Problem. Wir haben keinen Ersatzplaneten im Kofferraum.
„Müsli-Män:“ Ich ernähre mich gesund. Zum Frühstück Obstsalat mit Joghurt, nachmittags etwas Hummus mit Oliven, abends ein warmes vegetarisches Essen. Und auch beim Alkohol halte ich mich zurück. Der Grappa vor jedem Auftritt muss allerdings sein. In homöopathischer Dosis, so wie die Kommunion in der katholischen Kirche. Von einer Hostie wirst du auch nicht satt.

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Von Beginn an war Wolfgang Niedecken bei „Arsch huh, Zäng ussenander“ dabei. Mit Jürgen Zeltinger und Carolin Kebekus fand er engagierte Mitstreiter.
„Für ’ne Moment:“ Ich bin viel durch die Welt gereist. Köln ist mein Heimathafen. Dahin komme ich gern immer wieder zurück. Ich kenne unglaublich viele Leute in Köln. Rund um den Chlodwigplatz, an dem ich aufgewachsen bin, kann ich an jeder Straßenecke eine Geschichte erzählen. Ich empfinde Köln als Millionendorf. Man fühlt sich im besten Sinne zu Hause. Die Kölnerinnen und Kölner sind mir manchmal zu selbstverliebt in ihre Stadt. Aber dank meiner Altersmilde komme ich auch damit klar. Wenn sie glücklich sind in ihrer Sentimentalität, dann lass sie doch.

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Wolfgang Niedecken mit Geschäftsführer Stefan Löcher (l.). In der Lanxess-Arena endet die BAP-Jubiläumstour am 18. Dezember 2026.
„FC, jeff Jas:“ Ich habe das Derby gegen Mönchengladbach mit Thees Uhlmann und Monchi von Feine Sahne Fischfilet im Stadion gesehen. Das war ein Spiel, nach dem man nicht unbedingt den Trainer wechseln muss. Grundsätzlich fand ich Lukas Kwasniok auch angenehm authentisch. Daher hielt ich den Trainerwechsel für fragwürdig. Ich kenne allerdings die Interna über das Innenverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft nicht. Man hört Gerüchte, aber ohne Fakten urteile ich nicht. Es wirkt wie eine Verzweiflungstat, dennoch wünsche ich René Wagner viel Glück. Ich glaube ganz fest an den Klassenerhalt. Wir schaffen das. Mit unserem Kader steigt man nicht ab.
„Schluss, aus, okay:“ Wenn ich merke, dass es mir schwerfällt, mich bei einem Konzert spontan zu verhalten, ist Schluss. Ich mag es nicht, in meinem Alter allzu weit vorzuplanen. Je älter man wird, werden Tourplanungen immer mehr zur Wette auf die Zukunft.

