„30 Jahre Arsch huh“ Ovationen für Ludwig Sebus, Gänsehaut und viele Tränen bei spezieller Hymne

Jubiläumskundgebung in der Arena: 30 Jahre "Arsch Huh, Zäng ussenander!"

Die iranische Popsängerin Sogand Soheili sorgte bei „Arsch huh“ am 10. November 2022 für den emotionalen Höhepunkt.

30 Jahre nach der „Arsch huh“-Kundgebung am Chlodwigplatz stieg in der Lanxess-Arena erneut ein Abend unter diesem Motto. Mit Musik und Reden wurde auch an die Lage in der Ukraine und dem Iran erinnert.

Vor 30 Jahren, am 9. November 1992, wusste keiner so recht, wie das „Arsch huh“-Event am Chlodwigplatz ablaufen würde. Am Ende waren geschätzte 100.000 Menschen im Umfeld der Severinstorburg dabei, die wenigsten konnten etwas sehen.

Damals protestierten sie gemeinsam gegen Rassismus und Neonazis. Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte nahmen zu der Zeit dramatisch zu. Bei der Neuauflage in der Lanxess-Arena am Donnerstag (10. November 2022) lief die Kundgebung natürlich wesentlich geplanter ab.

„Arsch huh“ in der Lanxess-Arena: 45 Künstlerinnen und Künstler dabei

Dennoch: Bei 45 auftretenden Künstlerinnen und Künstlern und permanenten Umbauten auf der Bühne, geriet selbst der beste Zeitplan an seine Grenzen. Und bei diesem besonderen Abend war selbst ein Routinier wie Purple Schulz (66) aufgeregt und leistete sich einen kleinen Text-Patzer.

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An Aktualität und Wichtigkeit hat der Schulterschluss in der Musik- und Kulturszene auch 30 Jahre später nichts eingebüßt. Deshalb hieß der Zusatz nun „Wachsam bleiben“. Rassistische und antisemitische Übergriffe in den vergangenen Jahren belegen dies.

„Es macht mich nachdenklich, dass Menschen in unserer Mitte rassistisch beschimpft, drangsaliert und angegriffen werden. Lügen werden zu alternativen Fakten verklärt“, sagte Mitorganisator Hermann Rheindorf. „Die Zuwanderungspolitik entzweit die Gesellschaft. Köln ist nicht nur ein buntes Straßenfest. Lasst uns auch denen ein offenes Ohr geben, die mit der Situation überfordert sind.“

Cat Balou, Jubiläumskundgebung in der Arena: 30 Jahre "Arsch Huh, Zäng ussenander!"

Cat Balou eröffneten den Jubiläumsabend bei „Arsch huh“ am 10. November 2022 in der Lanxess-Arena.

Im Vorfeld des Jubiläumsabends hatte das Bündnis „Köln stellt sich quer“ zur Kundgebung unter dem Motto „Solidarisch in der Energiekrise“ auf den Ottoplatz am Deutzer Bahnhof gerufen. Von dort gingen viele Teilnehmende dann direkt rüber zur Arena. Kerstin Klein von der IG Metall setzte deshalb zur Gewerkschaftsrede an, was nicht bei allen gut ankam.

Charly Klauser, Jubiläumskundgebung in der Arena: 30 Jahre "Arsch Huh, Zäng ussenander!"

Charly Klauser begeisterte mit ihrer Umwelt-Ballade bei „Arsch huh“.

Den Startschuss gaben Cat Ballou mit dem Song „Mamm“. Die fünf Jungs waren bei der Kundgebung vor 30 Jahren noch gar nicht als Band zusammen. Auch Charly Klauser war 1992 gerade erst auf der Welt. Die Multi-Instrumentalistin sang ihren Gänsehaut-Titel „Was in aller Welt“. Eigentlich wollte sie dann rasch zu ihrem Konzert mit Flo Mega (43) nach Ehrenfeld weiterziehen. Doch der Auftritt fiel kurzfristig wegen Krankheit aus.

Niedeckens BAP sangen per Video-Schalte, Kebekus mit klarer Botschaft

Niedeckens BAP standen parallel zu „Arsch huh“ im Haus Auenseen in Leipzig auf der Bühne. Deshalb wurde ihre Hymne „Arsch huh, Zäng ussenander“ per Liveschalte übertragen. „Feiert schön weiter. Und: Wachsam bleiben“, rief der Frontmann aus Sachsen zu. Joanna Peprah von der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ unterstrich das: „Wir sprechen bei Hanau, Halle oder Kassel von Einzelfällen. Es reicht nicht, nur nicht rassistisch zu sein. Wir müssen Anti-Rassisten sein.“

Carolin Kebekus (42) von den Beer Bitches brachte es auf den Punkt: „Wir leben in einem Land, in dem wir leben können, wie wir wollen, lieben können, wen wir wollen und sagen können, was wir wollen.“ Ihr Respekt galt den Menschen im Iran und der Ukraine: „Haltet durch!“

udwig Sebus, Jubiläumskundgebung in der Arena: 30 Jahre "Arsch Huh, Zäng ussenander!"

Ludwig Sebus begeisterte die Besucherinnen und Besucher mit einem klaren Appell für die Freiheit.

Für stehende Ovationen sorgte Ludwig Sebus. Der 97-Jährige, der selbst die schlimmen Seiten einer Diktatur erleben musste, hielt einen flammenden Appell für die Freiheit. „Wir müssen gegen Fremdenhass und Nazi-Parolen Front machen, unsere Freiheit verteidigen“, rief er den begeisterten Besucherinnen und Besuchern zu.

Besonders die aktuelle Lage im Iran mit den Protesten gegen die autoritäre Regierung des Staates sorgte für die besonders emotionalen Momente. Die iranische Popsängerin Sogand Soheili (35) stimmte mit den 17.000 Menschen die Hymne „Baraye“ der iranischen Protestbewegung an. Es flossen viele Tränen. „Mein Leid ist so groß, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Über meine Schmerzen kann ich nichts erzählen, es tut zu weh“, sagte die Sängerin ergriffen.

Jubiläumskundgebung in der Arena: 30 Jahre "Arsch Huh, Zäng ussenander!"

Die Plakate und Botschaften zur Revolution im Iran waren nicht zu übersehen.

Der Liedtext des Songs von Shervin Hajipour (25), der nach der Veröffentlichung verhaftet und offenbar unter Druck zu einer Distanzierung gezwungen wurde, besteht aus Tweets von Demonstranten. Die Stand-up-Comedienne Negah Amiri (29) sowie der Schriftsteller und Friedenspreisträger Navid Kermani (54) sorgten für die Einleitung. Nach diesem Höhepunkt leerte sich die Arena leider deutlich.

„Arsch huh“: Viele prominente Bands in Lanxess-Arena dabei

Auch wenn viele beim Überfliegen des Programms vielleicht an eine Art Karnevalsveranstaltung gedacht haben könnten, zeigten die Bands wenige Stunden vor dem Sessionsstart ihre nachdenkliche Seite. Miljö („Mol di Veedel bunt“), Bläck Fööss („E Lewwe donoh“), Höhner („Wann jeit d’r Himmel widder op?“), Brings („Liebe gewinnt“), Paveier („Heimat es“), Kasalla („Jröne Papajeije“) und Querbeat („Allein“) gaben sich die Mikros in die Hand.

Jubiläumskundgebung in der Arena: 30 Jahre „Arsch Huh, Zäng ussenander!“

Arena-Geschäftsführer Stefan Löcher überreichte den „Arsch huh“-Machern den symbolischen Sold-Out-Award.

„Die AG Arsch Huh setzt seit 30 Jahren ein wichtiges Zeichen, dessen Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus geht. Dass wir eine prall gefüllte Arena sehen, zeigt, dass wir alle zusammenstehen und uns entschieden gegen Rassismus positionieren“, sagte Arena-Chef Stefan Löcher (51) stolz, als er den Verantwortlichen den Award für eine nahezu volle Halle verlieh.

„Arsch huh“: Volle Halle, Frust über TV-Übertragung im WDR

Bei der WDR-TV-Übertragung lief hingegen nicht alles wie gewünscht. Bild- und Ton-Aussetzer ärgerte die Zuschauenden. Zudem musste der Sender ausgerechnet beim emotionalen iranischen Auftritt zu den Nachrichten umschalten. Bei Twitter machte zahlreiche User ihrem Frust Luft.

Zum großen Finale sollten dann noch einmal alle Protagonisten die „Arsch huh“-Hymne anstimmen. Alle vereinte die Hoffnung, dass solche Abende als Weckruf ankommen und ihre Wirkung erzielen, indem sich das Zusammenleben in einer solidarischen Stadtgesellschaft verbessert.

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