1

„Ich bin völlig fertig“Kölner Riss-Haus droht Einsturz – Blinder Mieter verzweifelt

Marcus Blum ist blind, zur Orientierung benötigt er einen Blindenstock. Bis zuletzt wohnte der 52-Jährige in dem jetzt einsturzgefährdeten Haus in der Thumbstraße 79 in Köln-Kalk.

Copyright: Matthias Trzeciak

Marcus Blum ist blind, zur Orientierung benötigt er einen Blindenstock. Bis zuletzt wohnte der 52-Jährige in dem jetzt einsturzgefährdeten Haus in der Thumbstraße 79 in Köln-Kalk.

Aktualisiert:

Das Riss-Haus in der Thumbstraße in Köln-Kalk ist weiterhin unbewohnbar. Es droht sogar der Abriss. Wie geht es jetzt mit den Bewohnern weiter?

Marcus Blum hat 21 Jahre in der Thumbstraße 79 in Köln-Kalk gelebt. Er kennt jeden Weg in seinem Veedel – den zum Supermarkt, zur Bahn, zum Arzt. Er muss sie kennen. Denn der 52-Jährige ist zu 100 Prozent blind.

Bauarbeiten sollen das Haus und seine Wohnung im zweiten Stock zum Einsturzrisiko gemacht haben – seitdem schläft er auf dem Sofa bei Freunden. „Ich bin völlig fertig. Vor vier Jahren habe ich meine Frau verloren. Jetzt wird mir wieder ein Stück Leben genommen“, sagt er mit zittriger Stimme im Gespräch mit EXPRESS.de.

Kölner Wohnhaus ist eine Ruine: Wie geht es für die Bewohner weiter?

Am vergangenen Samstag konnte Blum noch einmal kurz in seine Wohnung – um persönliche Dinge abzuholen. Darunter Erinnerungen an seine verstorbene Frau.

Blum ist mit dem Schicksal nicht allein. Eine Mutter und ihr erwachsener Sohn haben sich ebenfalls in absoluter Verzweiflung an EXPRESS.de gewendet. Sie möchten anonym bleiben.

Sie stehen vor dem Nichts – weil auf einer Nachbarbaustelle gegraben wurde, soll das Haus Thumbstraße 79 so schwer beschädigt worden sein, dass es seitdem niemand mehr betreten darf.

Am 28. Mai 2026 rückte die Feuerwehr an. Massive Risse hatten sich in der Fassade des alten Gründerzeithauses aufgetan. Die Häuser, Nummer 79 und 81, wurden sofort evakuiert. Für die Bewohner der Nummer 81 gab es bald Entwarnung. Für die Mieter der Nummer 79 nicht.

Mithilfe eines sogenannten „Rissmonitoring“ wird die Bewegung des Mauerwerkes am Haus in der Thumbstraße überwacht.

Copyright: Matthias Trzeciak

Mithilfe eines sogenannten „Rissmonitoring“ wird die Bewegung des Mauerwerkes am Haus in der Thumbstraße überwacht.

Der Hausbesitzer Celal Esen erklärt gegenüber EXPRESS.de: „Das Haus ist weiterhin einsturzgefährdet. Niemand darf das Haus betreten. Türen sind abgeschlossen, Schlösser wurden getauscht.“

Es sei wirklich eine Katastrophe. „Wir haben uns wirklich bemüht, für alle Bewohner Ersatzwohnungen zu finden.“ Marcus Blum bestätigt die Hilfsbereitschaft des Vermieters.

Auch kurz nachdem die Risse gesichtet worden waren, reagierte Esen blitzschnell: „Mein Schwager wohnt im Haus, er hatte Risse in Küche und Flur entdeckt, wir reden jeweils von einem Spalt von fünf Zentimetern Breite. Er hat mich alarmiert, ich bin hierhergefahren und habe angesichts der Risse sofort alle Bewohner gebeten, ihre Wohnungen zu verlassen. Alle haben sich dann erstmal vor dem Haus versammelt.“

Hausbesitzer Celal Esen ist besorgt um seine Mieter und das Haus.

Copyright: Arton Krasniqi

Hausbesitzer Celal Esen ist besorgt um seine Mieter und das Haus.

Die Eigentümergemeinschaft kündigte inzwischen alle Mietverhältnisse – „fristlos und hilfsweise fristgerecht“, wie es in der Kündigung heißt, die EXPRESS.de vorliegt.

Das Haus sei bis auf Weiteres unbewohnbar, die Fortsetzung des Mietverhältnisses sei nicht mehr möglich. Bis zum 30. Juni werden noch die Hotelkosten für die betroffenen Mieter übernommen.

Nach Begutachtung des Hauses durch ein Ingenieurbüro könne die Standsicherheit, wenn überhaupt, nur mit erheblichen Sanierungsmaßnahmen wiederhergestellt werden. Wahrscheinlicher sei ein vollständiger Abriss, heißt es in der Begründung der Kündigung.

Das Haus wird momentan mithilfe eines sogenannten „Rissmonitoring“ überwacht. Entsprechende Vorrichtungen wurden am Gebäude angebracht. Sie messen die Bewegung im Mauerwerk.

„Aktuell wird noch an dem Standsicherheitskonzept für das beschädigte Haus gearbeitet. Nach aktuellem Kenntnisstand wird das beschädigte Gebäude zunächst weiter gesichert. Derzeit gibt es eine provisorische Sicherung, die zu einem späteren Zeitpunkt weiter ausgebaut wird“, erklärt Ingmar Remus, Sprecher der Frechener Baufirma „Via-Intelli“, die auf einem angrenzenden Grundstück einen neuen Wohnkomplex errichten möchte.

Im Anschluss sei der Neubau auf dem angrenzenden Grundstück vorgesehen, damit sich nach Beendigung des Neubaus das beschädigte Haus an das neue „anlehnen“ kann. Das neue Haus soll somit das beschädigte Gebäude stützen. „Im Anschluss daran kann das beschädigte Haus dann repariert werden. Die planerischen Vorbereitungen für dieses Konzept laufen bereits“, so Remus.

Wie der Schaden reguliert werden soll? „Uns ist daran gelegen, das Haus so schnell wie möglich wieder standsicher und bewohnbar zu machen. Alle ausführenden Unternehmen auf der Baustelle, die im Auftrag von ‚Via-Intelli‘ arbeiten, sind versichert. Sobald eine Einigung unter den Versicherungen vorliegt, könnten die Beteiligten darüber Auskunft geben“, versichert der Sprecher.

Für Marcus Blum ist jede fremde Wohnung eine neue Welt

Wie es jetzt für Marcus Blum weitergeht, ist aber völlig unklar. Er sucht weiter nach einer Ersatzwohnung. Der 52-Jährige kann hell und dunkel gerade noch unterscheiden. Mehr nicht. Die meisten Angebote, die ihm bisher gemacht wurden, helfen ihm leider nicht.

„Ich benötige eine Wohnung in einer Gegend, die ich kenne, damit ich mich frei bewegen kann. Sonst muss ich alles neu erlernen. Die Wege zum Einkaufen, zur Bahn, zum Arzt. Alles wird dann anders. Das ist extrem schwierig“, sagt der besorgte Blum.

Unternehmenssprecher Igmar Remus: „Wir stehen den Menschen weiterhin auf Wunsch besonders zur Seite, um alternativen Wohnraum anbieten zu können.“

Blick auf das Riss-Haus in der Thumbstraße. Alle Bewohner mussten das Haus verlassen.

Copyright: Matthias Trzeciak

Blick auf das Riss-Haus in der Thumbstraße. Alle Bewohner mussten das Haus verlassen.

Trotzdem ist auch die Zukunft für die Mutter und ihren Sohn ungewiss: „Ab dem 1. Juli sind wir quasi obdachlos.“

Das Wohnungsamt habe bisher noch keine konkrete Notunterkunft angeboten. Lediglich sei ihnen eine Notunterkunft angekündigt worden. „Meine größte Angst ist einfach, dass wir dann in einem unzumutbaren Obdachlosen-Hotel landen, und das würde meine kranke Mutter extrem belasten, weil wir bis zum Schluss nicht wissen, was uns erwartet“, beschreibt der Sohn.

Erschwerend komme hinzu: Sie seien auf Sozialleistungen angewiesen. Auf dem ohnehin angespannten Kölner Wohnungsmarkt hätten sie damit kaum Chancen – obwohl das Jobcenter die Kosten für eine neue Unterkunft vollständig übernehmen und garantieren würde.

Blick auf das Baustellengrundstück an der Thumbstraße, Ecke Dieselstraße. Hier soll ein neues Wohnhaus entstehen.

Copyright: Matthias Trzeciak

Blick auf das Baustellengrundstück an der Thumbstraße, Ecke Dieselstraße. Hier soll ein neues Wohnhaus entstehen.

„Für alle Mietparteien eine menschliche Tragödie“, fasst Hans Jörg Depel, Sprecher des Kölner Mietervereins, das Wohn-Drama in Kalk zusammen. Dem Vermieter könne man aktuell kein Fehlverhalten vorwerfen. Die Unbewohnbarkeit des Hauses sei ganz offensichtlich nicht durch ihn verschuldet worden. Zudem habe sich der Vermieter bereits intensiv um Ersatzunterkünfte gekümmert.

Notunterkünfte in Köln: Was bietet die Stadt?

Die Stadt Köln erklärt auf EXPRESS.de-Anfrage: Wer unfreiwillig von Wohnungslosigkeit bedroht ist, könne sich an die Fachstelle Wohnen des Amtes für Soziales, Arbeit und Senioren wenden. Diese prüfe alternative Unterbringungsmöglichkeiten, wenn das Mietverhältnis nicht erhalten werden könne.

Eine beschleunigte Wohnungsvermittlung gibt es laut Stadt nicht: „Die Stadt Köln betreibt keine Wohnungsvermittlung. Es existiert daher auch kein beschleunigtes Verwaltungsverfahren zur Wohnungsfindung.“

Die Fachstelle Wohnen verfügt über rund 1960 Betten in 63 gewerblichen Beherbergungsbetrieben sowie knapp 1500 städtische Unterbringungsplätze – die laut Stadt jedoch fast vollständig belegt sind. Wer Anspruch auf Sozialleistungen hat, bekommt die Kosten der Unterkunft vom Jobcenter oder dem Amt für Soziales übernommen, sofern sie angemessen sind.

Bei Streitigkeiten mit dem Vermieter – etwa über Schadensersatz oder die Übernahme von Hotelkosten – verweist die Stadt auf den Rechtsweg: Betroffene seien gehalten, einen Fachanwalt für Mietrecht oder den Mieterverein einzuschalten.

Der neue Ticketshop für den Kölner Dom nimmt am 1. Juli seine Arbeit auf. Er ist in der früheren Buchhandlung Kösel untergebracht.
„Das ist schon krass“
Dom kostet ab Mittwoch Eintritt: Wollen Touris das zahlen?