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Interview

Formel 1 im Experten-CheckDanner: „Wir dürfen uns auf einen Dreikampf freuen“

Christian Danner posiert in Oberhausen vor einem F1-Auto.

Copyright: F1 Exhibition/Morris Mac Matzen

Christian Danner, hier im Oktober 2025 bei der Ausstellung zur Formel 1 in Oberhausen.

Die Formel 1 startet in die neue Saison und in eine neue Ära. Christian Danner erklärt, was er vom neuen Motorsport-Jahr erwartet und wer sein WM-Favorit ist.

Alles neu in der Formel 1. Neue Autos, neue Motoren, neue Hersteller (Audi, Cadillac und Ford) und neue Regeln. Nach der größten Regel-Reform der Geschichte ist es schwierig, den Überblick zu behalten und die Kräfteverhältnisse einzuschätzen.

Für EXPRESS.de macht das vor dem WM-Auftakt in Melbourne (Sonntag, 8. März 2026, 5 Uhr, Sky) wie gewohnt RTL-Experte Christian Danner (67), der auch in dieser Saison wieder einige Rennen live analysieren wird.

Danner erklärt „signifikante“ Regeländerung in der Formel 1

Ist das, was wir bei den Tests in Barcelona und Bahrain gesehen haben, noch die Formel 1 oder wie Max Verstappen gesagt hat „Formel E auf Steroiden“?

Christian Danner: Natürlich ist das noch die Formel 1. Wir haben wieder eine Regelumstellung, die signifikant auf das Fahrverhalten eingreift und deshalb ist es klar, dass die Fahrer ein bisschen die Nase hochziehen. Ich garantiere Ihnen aber: Die Ingenieure haben das schon zu 80 Prozent im Griff und die restlichen 20 kriegen sie auch noch hin. Weil es ja eigentlich nur drum geht, die Hindernisse, die einem das Reglement in den weg gelegt hat, aus dem Weg zu räumen. Und das bekommen sie mit Software in den Griff.

Aber aktuell müssen die Fahrer in den Kurven Energie fischen, um auf den Geraden schnell fahren zu können. Fernando Alonso spottete, das aktuelle Auto könne sein Koch fahren.

Danner: Nun ja, es ist bei den neuen Hybrid-Motoren so, dass der V6-Turbo nur noch 540 PS zur Systemleistung beisteuert und der Elektrogenerator 450 PS. Das Problem ist nur, die Batterie ist relativ schnell leer und kann nicht ausreichend durch die rekupierte Bremsenergie wieder aufgeladen werden. Die Fahrer müssen also woanders Energie gewinnen und das passiert, indem sie den Verbrenner in bestimmten Bereichen der Strecke gegen die Elektromaschine laufen lassen. Da gibt es zwei Möglichkeiten. Du fährst in eine Kurve und musst das Gaspedal um 20 Prozent lupfen. Der Verbrennungsmotor läuft aber Vollgas weiter und der Generator verzögert das Auto um die 20 Prozent und erzeugt dadurch Strom. Das passiert in allen Bereichen der Strecke, wo der Fahrer verzögert. Dieses Energiemanagement ist natürlich nicht so einfach zu programmieren. Und dann gibt es noch das sogenannte Super-Clipping am Ende der Geraden. Das bezeichnet den Prozess, wenn der Elektromotor sukzessive aussteigt und irgendwann kommst du in einen Bereich, wo nur noch der Verbrenner anschiebt. Und der arbeitet dann weiter Vollgas gegen die Elektromaschine, um Strom zu generieren, damit du beim rausbeschleunigen wieder Rauch an der Kette hast. Das ist das, was der Max Verstappen Mist findet.

Das klingt ja auch unnatürlich, wenn man vom Gas geht, aber der Verbrennungsmotor weiter läuft, um Strom zu erzeugen. Das ist ja, wie wenn man zu Hause das E-Motor mit einem Dieselgenerator lädt oder wenn man die Rallye Dakar mit einem DTM-Motor fährt, der die Batterie auflädt.

Danner: Das Reglement ist ja auch dem Zeitgeist von vor fünf Jahren geschuldet, als der Weltverband FIA die Regeln für die Power Unit so angepasst hat, um neue Hersteller wie Audi zu gewinnen und Honda zurückzuholen. Der Aufwand, um die Vorgaben zu erfüllen, ist immens: 25 Prozent weniger Spritverbrauch, weniger Verdichtung, weniger Ladedruck und dreimal so viel Elektro-Power. Das ist eine schwierige Sache. Die Ingenieure kriegen auch das wieder hin. Aber das ist schon eine Basis, wo man ein großes Stolperpotenzial mit eingebaut hat. Wer kriegt das am besten hin und wer strauchelt. Energiemanagement wird das Wort des Jahres werden. Aber auch bei der Einführung der Hybridmotoren 2014 war das Entsetzen erst riesig. Die Jungs haben gesagt, das ist ja unfahrbar. Und am Schluss fuhr sich das Zeug astrein, kein Problem. Und wir dürfen nicht vergessen, dass auch das neue Chassis und die kleineren Reifen darauf ausgelegt sind, weniger Luftwiderstand zu produzieren. Es gibt zwar kein DRS mehr, aber dafür dürfen die Jungs den Heckflügel jetzt auf allen Geraden flach stellen. Der Adrian Newey hat das gut erklärt: Noch nie in der Geschichte der Formel 1 hat man so viel geändert, und darum ist diese Regelreform so fundamental.

Und der arme Newey hat für Aston Martin vielleicht ein gutes Auto konstruiert, aber keinen funktionierenden Motor...

Danner: Ja, das ist doch der Witz, oder? Die Situation bei Honda ist so dramatisch, dass die eigenen Ingenieure zugeben, dass die Vibrationen ihres Motors die Batterie zerlegen. Und das zerlegt den kompletten elektrischen Antriebsstrang. Das ist keine Lappalie, was die da besser neu konstruieren müssen.

Gut für Neueinsteiger Audi, oder? Dann haben Nico Hülkenberg und Co. mit Aston Martin und dem ebenfalls mit Problemen kämpfenden Neuling Cadillac schon mal vier Autos hinter sich.

Danner: Natürlich ist das gut für Audi. Die haben sich bei den Tests auch besser geschlagen, als zu befürchten war. Was die Performance angeht, ist es natürlich schwierig, aus den Testzeiten den puren Speed auszulesen. Aber was die Zuverlässigkeit und das Handling angeht, hat sich der Audi als positive Überraschung zu Wort gemeldet. Ob sich das in Melbourne auch in der Zeitentabelle bestätigen wird, müssen wir abwarten.

Nico Hülkenberg fährt im Audi in Australien in der Formel 1.

Copyright: AFP

Der neue Audi mit Nico Hülkenberg als einzigem deutschem Piloten in der Formel 1.

Wen sehen Sie denn von den Top-Teams anhand der Longrun-Auswertung der Tests ganz vorne?

Danner: Ich sehe Mercedes vor McLaren und Red Bull mit marginalen Vorteilen vor Ferrari. Und das obwohl Charles Leclerc in Bahrain die Bestzeit gefahren ist. Auf dieser Strecke war er schon im GP2-Auto unschlagbar schnell. Und das ist in der Formel 1 schon im Sauber so gewesen, das ist bei Ferrari jedesmal so gewesen. Ich weiß nicht, was der da macht, aber das ist so. Ich glaube nicht, dass der Ferrari ganz vorne dabei ist. Tut mir leid für Leclerc und auch Lewis Hamilton.

Aber zumindest dürfen wir uns auf einen Dreikampf um den Titel freuen, ein Oscar Piastri will sich ja bei Lando Norris revanchieren.

Danner: Ja sicher. Der ist motiviert bis in die Haarspitzen. Und der hat ja einiges in seinem Umfeld umgestellt. Der hat zwar noch Mark Webber als Manager, aber lässt den jetzt mehr zuhause und hat dafür einen Mental-Coach, eine Australierin. Der hat schon nachgedacht. Das finde ich gut, dass man nicht einfach nur zur Strecke kommt und fährt.

Christian Danner glaubt an Russell als Weltmeister

Und was sagen Sie Leuten, die George Russell im Mercedes schon zum neuen Weltmeister schreiben: Vergesst mir den Kimi nicht?

Danner: Ich würde nicht sagen, dass Russell schon Weltmeister ist. Aber er ist auch mein Kandidat. Und zwar deshalb, weil er unglaublich gleichmäßig gefahren ist letztes Jahr. Der hat jedes Rennen im Rahmen seiner Möglichkeiten das bestmögliche Resultat eingefahren. Der hat die nötige Erfahrung, die Pace, die Intelligenz und die politische Chuzpe – der hat sich ja auch ein paarmal mit Max Verstappen angelegt –, den sehe ich schon als Favoriten. Das ist schon eine ganz andere Hausnummer als der Kimi Antonelli.

George Russell neben Isack Hadjar und Kimi Antonelli.

Copyright: IMAGO/ABACAPRESS

George Russell (M.) entschied am Samstag in Australien das erste Qualifying der Saison für sich

Dürfen wir uns auf einen Kampf auf und neben der Strecke zwischen Russell und Verstappen freuen?

Danner: Ja, natürlich. Der Max ist ebenfalls hochmotiviert, wie immer. Dass er sich jetzt über die Autos mokiert, hat folgenden Hintergrund: Der hat schon 2023 gesagt: Dieses kommende Reglement ist ja ein Mist, da muss ich am Ende der Geraden zurückschalten. Da haben sie ihm gesagt: Nee, das kommt nicht so. Und dann fährt er das neue Auto in Bahrain und was ist? Er muss am Ende der Geraden zurückschalten, wenn er ins Super-Clipping kommt. Und dass der sich dann ärgert und draufhaut aufgrund seines Naturells und seiner Position, finde ich berechtigt. Aber was du dem nie aberkennen darfst, ist dieser unglaubliche Siegeswille. Das heißt, der kämpft mit allem, was er hat, und der hört nicht auf. Der wird noch lange sehr erfolgreich in der Formel 1 fahren.

Und nebenbei fährt er das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, und das noch im Mercedes.

Danner: Ja, das ist das Größte. Da habe ich lachen müssen, als ich das gelesen habe, dass der Toto Wolff den Max in einen AMG gesetzt hat. Der kriegt natürlich die besten Beifahrer, die es gibt, und ist, wie wir in den NLS-Rennen gesehen haben, ein ernstzunehmender Sieganwärter.

Ist das dann eine Vorstufe für einen Start in Le Mans an der Seite von Fernando Alonso und Sebastian Vettel, der ihnen schon eine Offerte gemacht hat?

Danner: Ja, drei Mehrfach-Weltmeister im Auto, das klingt natürlich reizvoll. Oder es ist eine Vorstufe für Verstappen im Mercedes. Er kann sich die Leistungsentwicklung in dieser Saison in aller Ruhe anschauen und dann entscheiden. Alles ist möglich.

Und was sagen Sie zu Mick Schumacher, dem Sie zum Wechsel in die IndyCar-Serie geraten haben? Da wird der arme Kerl beim Debüt direkt abgeschossen.

Danner: Na ja, er ist nicht abgeschossen worden, sondern da schon selber reingefahren. In der Hitze des Gefechts war das halt Pech. Ich sehe dieses IndyCar-Engagement von Mick absolut positiv, aber der muss sich da schon erstmal zurechtfinden. Gut, der Dennis Hauger fährt als Rookie im Qualifying mal eben auf Platz drei. Aber du musst dich da im Rahmen deiner Möglichkeiten entwickeln. Der Mick kommt da schon irgendwann gut zurecht und ganz weit vorne an. Aber so hopplahopp geht’s nicht, dafür ist die Konkurrenz zu stark. Da liegen ja innerhalb einer Sekunde 15 Mann. Aber jetzt geht es nach Phoenix, das ist ja sein erstes Ovalrennen, da geht es schon zur Sache. Da drücke ich Mick die Daumen. Da kann er sich weiterentwickeln, das tut ihm gut.

Max Verstappen steigt nach einem Unfall aus seinem Red Bull.

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