In Köln sind die beiden Halbfinals um den Handball-Pokal über die Bühne gegangen. In der ausverkauften Lanxess-Arena kam erstmals ein neuer LED-Glasboden zum Einsatz.
Handball-Sensation in KölnKrasser Außenseiter wirft Top-Favorit raus

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Noah Beyer vom Bergischen HC brüllt seine Begeisterung heraus. Der Außenseiter hat beim Handball-Final4 in Köln am Samstag (18. April 2026) Geschichte geschrieben.

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Was für ein Krimi! Was für ein Spektakel! Was für eine Handball-Sensation. Der Bergische HC hat beim Pokal-Final4 den SC Magdeburg im Halbfinale geschlagen. Nach einem 31:30-Sieg nach Siebenmeter-Werfen trifft der Außenseiter am Sonntag (19. April 2026) im Finale auf die Füchse Berlin (15.45 Uhr).
Für den Topfavoriten ist der Triple-Traum damit geplatzt. Der Tabellenführer der Bundesliga und Champions-League-Sieger tritt nun lediglich im Spiel um Platz drei gegen den TBV Lemgo Lippe an.
Handball-Final4: 19.750 Fans in der Lanxess-Arena
Der BHC verteidigte von der ersten Minute an mit großer Leidenschaft und entnervte den Favoriten. Zwischenzeitlich lag das Team mit drei Treffern in Front (8:5). Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert beobachtete das Treiben fassungslos vom Rand und nahm entsprechend früh seine erste Auszeit.
Mit einem 11:11-Unentschieden ging es in die Pause. Die Löwen aus dem Bergischen Land machten ihrem Namen auch in der zweiten Halbzeit alle Ehre. Voller Intensität stellten sie den designierten Meister beeindruckend vor große Probleme. Mit Ausnahme des Magdeburger Anhangs drückten alle in der Halle dem Underdog die Daumen.
Beim 22:22 nahm der Bergische HC 43 Sekunden vor dem Ende noch einmal eine Auszeit. „Viva Colonia“ hallte durch den Handball-Tempel. Das Publikum flippte regelrecht aus vor Begeisterung bei diesem Krimi. Magdeburg nahm elf Sekunden vor dem Ende auch noch eine Auszeit. Der letzte Wurf von Felix Claar landete in der Mauer.

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Voller Einsatz: Julian Fuchs (Bergischer HC) und Lukas Merten (SC Magdeburg) im Kampf um den Ball.
Das irre Spiel bekam die Verlängerung, die es verdient hatte. Und in der legte der Bundesliga-Aufsteiger furios durch einen Doppelpack von Fynn Hangstein und eine weitere Parade von Christopher Rudeck spektakulär los. 25:24 lag das Team nach der ersten Halbzeit der Verlängerung in Front.
Der Wahnsinn wollte kein Ende nehmen. Omar Magnusson verwandelte einen strittigen Siebenmeter sechs Sekunden vor der Schlusssirene zum 27:27. Ein Siebenmeterwerfen musste die Entscheidung bringen. Dort scheiterten zunächst beide Teams je zweimal.
Auch die Lotterie musste in die Verlängerung gehen. Und da versagten Matthias Musche die Nerven. Noah Beyer verwandelte zum Sensationssieg. „Ich hab’ wenig Worte gerade, bin aber unfassbar glücklich. Das ist Wahnsinn“, sagte der Matchwinner.

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Magdeburgs Trainer Bennet Wiegert musste mitansehen, wie seine Mannschaft gegen den Bergischen HC große Probleme hatte.
Im ersten Halbfinale hatte sich am Nachmittag Meister Füchse Berlin mit 39:36 (20:16) gegen den TBV Lemgo Lippe durchgesetzt. Auch diese Paarung entwickelte sich in der Handball-Kathedrale zum echten Kracher. Beide Teams zeigten temporeichen Handball und starke Torhüterparaden. Die Sympathien im Hexenkessel waren klar verteilt.
Welthandballer Mathias Gidsel (8 Tore), der starke Nils Lichtlein (6) und der treffsichere Lasse Andersson (11) gaben lange den Ton an. Dejan Milosavljev zeigte starke 18 Paraden im Tor und war ein wichtiger Rückhalt.
Final 4: LED-Glasboden ermöglichte spektakuläre Eröffnungsshow
Nachdem sich beide Teams vor einer Woche in der Liga gegenübergestanden hatten und damals die Füchse nur hauchdünn mit 34:33 siegen konnten, sah es in der Pokal-Partie lange eindeutiger aus. Zwischenzeitlich führten die Berliner mit fünf Toren.
Die Ostwestfalen gaben sich jedoch nicht auf und hatten die Unterstützung in der Halle auf ihrer Seite. „Lemgo ist viel schöner als Berlin“, sangen die Fans, und es entwickelte sich, angetrieben von Tim Suton (8 Tore), ein richtiger Handball-Krimi. Mehrmals bot sich im zweiten Durchgang die Chance zum Ausgleich.

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Weltmeister Florian Kehrmann an der Seitenlinie. Sein Team bot einen großen Kampf.
Lemgos Trainer Florian Kehrmann erlebte an der Stätte seines Weltmeistertitels von 2007 einen echten Krimi. Berlins Boss Bob Hanning schüttelte mehrmals entsetzt den Kopf. Doch am Ende behielt der Meister einen kühlen Kopf und brachte den Vorsprung über die Runden.
„Wir haben uns schwergetan“, sagte Füchse-Kapitän Max Darj. „Aber 39 Tore gegen Lemgo schafft nicht jede Mannschaft. Die Atmosphäre in der Halle war einfach unglaublich.“ Gidsel urteilte: „Das war ein harter Kampf, ein typisches Halbfinale. In der zweiten Halbzeit gab es eine Phase, in der nicht alles geklappt hat. Lemgo hat es uns unheimlich schwer gemacht.“
Größtes Gesprächsthema und auffälligster Hingucker war der neue LED-Glasboden. Neun Lkw-Ladungen waren notwendig, um die 800 Quadratmeter Video-Spielboden anzuliefern. Da der neue Boden eine Höhe von 17 Zentimetern hat, musste der komplette Innenraum der Arena auf Podeste gehoben werden.

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Bei der Eröffnungs-Show zum Pokal-Final4 konnte der neue LED-Glasboden in der Lanxess-Arena eindrucksvoll genutzt werden.
ARD-Experte Johannes Bitter (43) testete vor dem Anwurf selbst einmal den neuen Untergrund. „Ich fand es beeindruckend, darauf herumzulaufen“, sagte er. Vor allem für die Schiedsrichter sei es ungewohnt, da die Linien nur noch virtuell dargestellt werden.
Auch Weltmeister Dominik Klein (42) staunte beim Anblick des Innenraums. „Das ist krass. Wir spielen quasi auf einem Fernsehbildschirm. Show gehört zum Sport inzwischen dazu, auch wenn das Wichtigste ist, was auf der Platte passiert.“

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Berlins Torhüter Dejan Milosavljev zeigte im ersten Halbfinale zahlreiche spektakuläre Paraden.
Der Voll-LED-Videosportboden macht das Spielfeld zur digitalen Leinwand. Vor allem bei der Einlaufshow konnte er eindrucksvoll genutzt werden. Während der Begegnung änderte sich am Blick auf das Feld nicht viel. Lediglich bei den Auszeiten wurde die Fläche in der abgedunkelten Halle besonders in Szene gesetzt.
Lemgos Hendrik Wagner verdrängte das ungewohnte Ambiente schnell. „Da macht sich keiner Gedanken drum“, sagte er beim Gang in die Kabine zur Halbzeit. Sein Mitspieler Frederik Simak urteilte nach der Partie: „Es tut ein bisschen mehr weh beim Hinfallen. Zudem ist er etwas wärmer als normaler Boden.“

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Die Fans der vier Handballteams zogen in verschiedenen Märschen von der Kölner Innenstadt zur Lanxess-Arena. Die Anhängerinnen und Anhänger des SC Magdeburg starteten am Roncalliplatz.
Durch die zwei ausverkauften Spieltage wird in diesem Jahr die Marke von 150.000 Fans geknackt, die in den bisherigen vier Jahren beim Final 4 in Köln waren. Der „Super Bowl des Handballs“, wie das Spektakel auch genannt wird, sorgte einmal mehr für einen echten Hexenkessel.
Köln steht das komplette Wochenende im Zeichen des Handballs. Alle vier Fanlager zogen am Samstag mit einem Marsch von der Innenstadt zur Lanxess-Arena. Erstmalig steigt am Samstagabend auch eine bereits ausverkaufte Fan-Party. 1600 Gäste werden im Theater am Tanzbrunnen erwartet.
