Wer kauft die Ligen leer?Die Transferstrategien im Fußball der Frauen

Alessia Russo beobachtet fokussiert.

Alessia Russo (23, Manchester United) ist eine der gefragtesten Fußballspielerinnen der Welt. Das Bild zeigt sie am 11. Dezember 2022.

Neue Rekordsumme im Wintertransferfenster der Frauen, doch die Bundesliga droht von der englischen Women’s Super League abgehängt zu werden.

von Alina Ruprecht (aru)

Die Wintertransferphase ist beendet und die Frauen starten ab 3. Februar 2023 in die Rückrunde der Bundesliga.

Während in der englischen Women’s Super League sechsstellige Rekordgebote für Star-Stürmerin Alessia Russo, die derzeit bei Manchester United spielt, abgegeben wurden, verliefen die Geschäfte in Deutschland wesentlich ruhiger. Dass auch ein Bundesliga-Verein 500.000 Euro für eine Spielerin bietet, erscheint derzeit mehr als unwahrscheinlich.

Fußball der Frauen: Rekordsummen für Transfers

Transfersummen, wie jene, die Arsenal bereit war, für die Verpflichtung von Alessia Russo, zu zahlen, sorgen im Fußball der Frauen deshalb für Schlagzeilen, weil Spielerinnen in der Vergangenheit meist ablösefrei nach Vertragsende wechselten.

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Zudem haben längst nicht alle Verantwortlichen das wirtschaftliche Potenzial des Fußballs der Frauen erkannt. Mit der wachsenden Beliebtheit des Sports und seiner Akteurinnen rückt jedoch auch der finanzielle Aspekt zunehmend in den Vordergrund.

Dies lässt sich auch in den Zahlen des jährlichen FIFA-Transferreports erkennen. Im Jahr 2022 gingen im Fußball der Frauen internationale Wechsel im Gesamtwert von drei Millionen Euro über die Bühne. Diese neue Rekordsumme ist höher als die der Jahre 2021 und 2020 zusammengerechnet.

Im vergangenen Sommer wurde Keira Walsh zur teuersten Spielerin der Welt. Der FC Barcelona holte sie für mehr als 400.000 Euro von Manchester City. Der Transfer, wie auch das Bietergefecht um Alessia Russo zeigen, dass sich etwas verändert hat und auch in Zukunft mit sogar noch höheren Summen zu rechnen ist.

Fehlende Professionalität äußert sich auf dem Transfermarkt

Jedoch scheint es nicht, als könnte die Frauen-Bundesliga und ihre Vereine derzeit mit dieser Entwicklung mithalten. Schon jetzt verlieren die meisten Klubs ihre Leistungsträgerinnen an die direkte Konkurrenz.

So verpflichtete der VfL Wolfsburg jüngst Chantal Hagel ablösefrei von der TSG Hoffenheim für die kommende Saison. Auch der FC Bayern München schlug bei den Kraichgauerinnen zu und sicherte sich ab dem nächsten Sommer die Dienste von Katharina Naschenweng. Wie bereits Hagel verlässt sie ihren Verein ablösefrei.

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Die TSG Hoffenheim hatte bereits in den letzten Jahren mehrere hochkarätige Spielerinnen ziehen lassen, u.a. Tabea Waßmuth und Lena Lattwein, ohne finanziell von den Wechseln zu profitieren. Ähnlich war es einst dem SC Freiburg ergangen, beispielsweise als nacheinander Giulia Gwinn und Klara Bühl nach München wechselten.

Der Verein hat jedoch aus seinen Fehlern gelernt und im Januar 2022 die Verträge von nicht weniger als acht Spielerinnen verlängert. Unter ihnen ist auch die derzeitige Top-Torjägerin der Frauen-Bundesliga, Janina Minge.

Da die Liga nach wie vor nicht vollständig professionalisiert ist, haben jene Vereine, die aus eigener Kraft die besten Infrastrukturen und Gehälter bieten können, langfristig die größte Strahlkraft für die Spielerinnen. Mit den Entwicklungen im internationalen Transfergeschäft zeichnen sich jedoch auch für Deutschlands Top-Klubs neue Probleme am Horizont ab.

Dies liegt daran, dass andere Vereine oder gar ganze Ligen mit noch besseren Bedingungen und Gehältern aufwarten können. Besonders England ist eine äußerst attraktive Wechseldestination für Spielerinnen aus aller Welt. Die Vereine der Women’s Super League sind bereit, viel zu investieren, wie das Beispiel von Alessia Russo zeigt. Was wäre, wenn englische Klubs hohe sechsstellige Summen für Bundesliga-Spielerinnen bieten würden?

Fußball der Frauen: Ist die Bundesliga nicht attraktiv genug?

Ausgeschlossen werden kann dies nicht, denn herausragende Leistungen wecken Begehrlichkeiten. Jedoch stellt sich die Frage, was die deutschen Vereine potenziellen Rekordgeboten entgegensetzen können. Ähnlich hohe finanzielle Leistungen eher nicht. Der Wechsel von Top-Spielerinnen ins Ausland wäre ein großer Verlust für die deutsche Liga und zeigt einmal mehr, dass wichtige Entwicklungsschritte in der Vergangenheit versäumt wurden.

In England erhalten beispielsweise alle zwölf Vereine der Women’s Super League insgesamt knapp 30 Millionen Euro aus dem laufenden TV-Deal. In Deutschland spült die Übertragung der Frauen-Bundesliga Spiele nur rund 3,6 Millionen Euro in die Kassen der Klubs. Der neue TV-Deal, der ihnen ab der kommenden Saison zu mehr Einnahmen verhilft, reicht jedoch nicht an das englische Niveau heran und hätte bereits wesentlich früher kommen sollen.

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Die deutschen Vereine müssen jetzt zukunftsorientiert handeln und, wie beispielsweise der SC Freiburg, Spielerinnen langfristig an sich binden, um für den Fall eines Wechsels wenigstens eine angemessene Ablösesumme zu kassieren. Die Frauen-Bundesliga hat das Potenzial, im Transfergeschäft groß mitzumischen, nicht als Distributor für andere Ligen, sonders als attraktives Ziel für Spielerinnen.


Alina Ruprecht ist freie Autorin bei EXPRESS.de und kümmert sich in ihren Kolumnen um das Thema Frauenfußball. Sie ist Mitglied von FRÜF – Frauen reden über Fußball.


Um aus der Theorie eine Praxis zu machen, braucht es eine vollständige Professionalisierung der deutschen Liga, mehr Investitionen von Vereinen, Verbänden und Sponsoren, sowie Mut. Der Fußball der Frauen hat sein wirtschaftliches Potenzial noch nicht vollends entfaltet. Große Gewinne abseits des Spielfelds werden sich erst in den kommenden Jahren einstellen. Doch das Risiko der Investitionen lohnt sich, denn das Interesse an dem Sport boomt wie nie zuvor.

Alessia Russo wird ihren Verein wohl im Sommer ablösefrei verlassen. Manchester United entschied sich gegen den Verkauf, um sich die Chancen auf die englische Meisterschaft, sowie die Champions League-Qualifikation zu wahren. Jedoch haben Arsenals Gebote für die Stürmerin einen Blick in die zukünftige Normalität des Fußballs der Frauen gewährt.