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Christoph Kramer bei „3nach9“Er will aus Öffentlichkeit verschwinden: „Sehr toxisch“

Fußball-Kommentator Christoph Kramer war zu Gast bei „3nach9“.

Copyright: Radio Bremen (Screenshot)

Fußball-Kommentator Christoph Kramer war zu Gast bei „3nach9“.

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Christoph Kramer war am Freitagabend Gast bei „3nach9“. Dort sprach er über seinen neuen Roman, den Neuanfang unter Jürgen Klopp und darüber, warum er sich irgendwann ganz aus der Öffentlichkeit zurückziehen will.

Montagmorgen, Zeitung auf, Note nachschlagen. So lief es bei Christoph Kramer jahrelang nach jedem Spieltag. Hat er gut gespielt? Wie wirkte er nach außen? Es ist genau dieses Leben, das den Weltmeister von 2014 und Ex-Gladbacher jahrelang prägte. Doch irgendwann wolle er dieses Leben in der Öffentlichkeit hinter sich lassen. Darüber hat er am Freitagabend bei „3nach9“ ungewöhnlich offen gesprochen.

Im Studio von Radio Bremen saß Kramer am Freitagabend (2. Oktober) Gastgeber Giovanni di Lorenzo gegenüber. Die beiden sprachen über Fußball, über Kramers zweiten Roman „Wolkenberührpunkt“ und über die Frage, was der Applaus mit einem Menschen macht.

Neuer ZDF-Vertrag für Kramer: „Keine Zeit gehabt, mir das durchzulesen“

Zunächst ging es in der Sendung um seinen jüngsten Job: Auf Nachfrage erklärte Kramer, dass er seinen Vertrag unterschrieben hat und dem ZDF als Fernsehexperte erhalten bleibt. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Alleine in einem Container, ich habe keine Zeit gehabt, mir das durchzulesen, also ich hoffe, dass es weitergeht.“

Beim 2:0 der Nationalmannschaft gegen Serbien in der Nations League hatte Per Mertesacker seinen letzten Auftritt als ZDF-Experte an Kramers Seite. Ob künftig jemand anderes neben ihm steht oder ob er alleine weitermacht, wisse er noch nicht, sagte Kramer.

Kramer schwärmt von Jürgen Klopp

Über den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp sagte er: „Es gibt keinen besseren Menschen, der das so moderiert, wie er das tut. Er hat sich für die Mannschaft enorm viel Kredit erspielt. Das tut gut und war dringend nötig. Ich glaube, jeder in Deutschland glaubt wirklich, dass ein Neuanfang geschafft wird, mit viel Euphorie. Und Euphorie ist das Allerwichtigste, wenn man neu anfangen will.“

Di Lorenzo erinnerte daran, dass es auch an Klopp schon Kritik gegeben hatte, nach dem 0:1 gegen Griechenland in Augsburg. Es war die erste deutsche Niederlage gegen die Griechen überhaupt. Kramer antwortete: „Wir leben halt immer noch in Deutschland.“ Hierzulande sei man eben sehr kritisch, gerade im Sport, und das sei auch gut so. „Ich glaube, dass am Ende auch dieser kritische Geist dahin geführt hat, wo wir sind. Auch, wenn es gerade etwas abebbt. Am Ende sind wir aber gut und waren es auch immer.“

Ein Neuanfang benötige aber Vertrauen, so Kramer, das gelte im Sport genauso wie in der Politik. „Aktuell leben wir leider eben in einer Zeit, wo wenig Zeit gegeben wird, deshalb kann sich nicht so richtig etwas entwickeln. Bevor sich etwas entwickeln kann, wird so lange draufgehauen, bis es zerstört ist.“

Dann ging es um sein Buch. Der 35-Jährige aus Solingen, der für Borussia Mönchengladbach spielte, hat mit „Wolkenberührpunkt“ seinen zweiten Roman veröffentlicht. Er erscheint, wie schon sein Bestseller-Debüt „Das Leben fing im Sommer an“, beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Der Roman handelt von zwei sehr unterschiedlichen Männern: dem Weltmeister und Roman, einem jungen Mann, der in einer Buchhandlung Kramers erstes Buch mit abgezählten Münzen bezahlt. Sein eigenes Buch im Laden liegen zu sehen, sei immer noch „ein überwältigendes Gefühl“, so Kramer.

Training für den Bedeutungsverlust

In seinem Buch schreibt Kramer, dass es ein Training für den eigenen Bedeutungsverlust geben müsse, wenn man mit etwas aufhört, das man sehr geliebt hat. Bei ihm war das die Profikarriere. Kann man so etwas überhaupt trainieren, wollte Di Lorenzo wissen. Kramer antwortete ausführlich: „Ich weiß nicht, wie man das trainieren kann, ich habe aber über mein ganzes Leben festgestellt – und ich bin noch nicht so furchtbar alt –, dass diese süße Frucht der Öffentlichkeit, der Bewertung von außen und des Applauses von außen, dass das sehr toxisch ist, aber leider auch süchtig macht.“

Und weiter: „Ich habe viele Menschen beobachtet und dachte: Die haben den Absprung geschafft in ein ,friedlicheres‘ Sein und dann sind sie alle zurückgekommen.“ Als Beispiele nannte er Thomas Gottschalk und Stefan Raab, die ihre Karriere beendeten, später aber wieder zurückkehrten ins Rampenlicht. „Es gibt dafür keine Erklärung, weil sie brauchen kein Geld mehr. Es ist einfach diese Bestätigung von außen, die irgendwie süchtig macht.“

„Ich möchte nicht mehr das Gefühl haben, ich brauche Applaus“

Er selbst habe sich schon nach seiner Fußballkarriere vorgenommen, irgendwann nichts mehr mit der Öffentlichkeit zu tun haben zu müssen. „Ich habe sie genossen, ich liebe sie und ich finde das auch alles in Ordnung, aber ich möchte irgendwann einen so richtig glücklichen, ruhigen Frieden mit allem schließen und nicht mehr das Gefühl haben, ich brauche Applaus.“

Kramer wisse, dass ihm das schwerfallen wird. „Mein ganzes Leben lang, seitdem ich klein bin, wurde ich von außen bestätigt“, sagt er. Dazu gehörte eben auch die Zeitung, die man nach dem Fußballspiel aufschlägt. Er wisse, das sei ein unpopuläres Thema, aber: „Ich finde, damit muss man sich beschäftigen. Wir trainieren als Sportler unser Herz ab, aber die Bestätigung muss man auch abtrainieren.“ Bis dahin dauert es aber noch. Erst einmal bleibt Christoph Kramer der Öffentlichkeit erhalten, als Experte im ZDF. (mg)