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Daum über seine Flucht nach dem Koks-Skandal„Sehe ich aus wie ein elender Junkie?“

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Hat über sein Leben nachgedacht: Christoph Daum bei einer Theater-Premiere in Berlin 2019.

Köln – Christoph Daums Leben ist gekennzeichnet von Siegen, Titeln und Skandalen. Vor 20 Jahren erlebte er einen dramatischen Absturz, als er des Drogenkonsums überführt wurde. In seiner Autobiographie „Immer am Limit“ erzählt der 66-Jährige zum ersten Mal, wie es zum größten Fehler seines Lebens kam.

Diese Folge handelt von den Ereignissen, die sich am 21. Oktober 2000 abspielten. Damals trafen sich alle Leverkusener Verantwortlichen in der Wohnung von Robert Koch, Daums Assistenten, in Leverkusen.

Ich schließe die Augen und atme einmal tief durch. Als ich sie wieder öffne, rase ich immer noch auf den Abgrund zu. Was zur Hölle geht hier vor sich? Mein Blick wandert durch den Raum. Es ist schon nach Mitternacht, trotzdem sind sie alle hier: Reiner (Calmund), Roland (Koch), seine Frau Gabi, Bayers Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, Pressesprecher Uli Dost und unser Physiotherapeut Dieter Trzolek, die treue Seele. Sie sitzen vor mir auf der Couch oder am Esstisch, nur eine Stehlampe in der Ecke spendet etwas Licht. Wir sind in Rolands Wohnzimmer, er wohnt direkt neben dem Stadion. Warum weckt mich denn niemand auf? Ich spüre Wut und Panik in mir aufsteigen, ich kann nichts dagegen tun. Ich schließe noch mal die Augen, als Reiner wieder anfängt zu reden.

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Christoph Daum: „Ich spüre Wut und Panik in mir aufsteigen“

„Christoph, du musst aus Deutschland verschwinden!“ Er sagt das jetzt zum was-weiß-ich-wievielten Mal heute Nacht. Ich verstehe es immer noch nicht. Ich weiß nicht, was hier gerade passiert. Reiner redet wie ein Wasserfall, eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber diesmal klingt es überhaupt nicht lustig. Er hat Schweißperlen auf der Stirn und ist total aufgewühlt, die anderen sitzen die meiste Zeit nur schweigend herum.

Mir ist heiß, ich nehme nur einzelne Fetzen von Reiners Wortschwall wahr. Kann er damit wirklich mich meinen? Ich weiß nicht, wer ich gerade bin. Zumindest hatte ich geglaubt, ein anderer zu sein. Ich bin Christoph Daum, in drei Tagen werde ich 47 Jahre jung, und in nicht mal einem Jahr werde ich Bundestrainer. Ich wurde auserkoren, die Nationalmannschaft aus der Versenkung zu holen, weil ich das auch mit Bayer Leverkusen geschafft habe.

Sogar Uli Hoeneß hat für mich als Bundestrainer gestimmt! Hoeneß, Beckenbauer, Rummenigge, alle waren für mich! Und jetzt sind plötzlich alle gegen mich? Ich begreife es einfach nicht. Mein Kopf ist eine Geisterbahn, Erinnerungen blitzen auf und verschwinden wieder. Reiner reißt mich aus meinen Gedanken.

Reiner Calmund: „Dein Wert ist so hoch, dat du täglich gekokst haben musst!“

„Die Haarprobe ist positiv! Dein Wert ist so hoch, dat du täglich gekokst haben musst!“ Und wieder: „Wir müssen dich aus Deutschland rausbringen!“ Jetzt werde ich noch wütender, weil niemand von den anderen mir hilft. Ich soll ein Junkie sein? Warum sagt denn keiner was? Hätte ich mit Leverkusen fast Meister werden können, wenn ich drogenkrank wäre? Ich kann nicht fassen, was hier passiert. Klar, ich habe Mist gebaut. Ja, ich habe gekokst. Aber doch nicht täglich! Noch nicht mal wöchentlich! In den letzten Monaten sowieso nicht! Und dann kommt da so ein absurder Wert raus? Ich spüre Tränen in mir aufsteigen, nur meine Wut hält sie zurück. Ich beiße die Zähne zusammen, um meinen Zorn zu unterdrücken. Ich hatte doch extra Vorkehrungen getroffen! Es konnte doch gar kein positiver Wert herauskommen! Wie kann das alles sein?

Reiner redet und redet, sonst herrscht Totenstille. Jedes seiner Worte entsetzt mich nur noch mehr. Rudi und Roland sollen die Mannschaft morgen gegen Borussia Dortmund betreuen. Er will mich einfach in einen Flieger setzen! So plötzlich. So unerwartet. Ich gehe hin und her wie ein zorniger Tiger im Käfig, ich finde keinen Ausweg. Reiner spricht davon, dass ich ein bis drei Gramm täglich konsumiert haben müsse. Er hat das wahnwitzige Ergebnis meiner Haarprobe am Nachmittag abgeholt. Ich kann sein Gerede nicht mehr ertragen. Seine Sätze sind wie Fäuste, die ich nicht habe kommen sehen. Jeder einzelne Treffer macht mich noch wütender. Ich schreie sie alle an: „Bin ich euch in den letzten Monaten etwa wie ein Junkie vorgekommen?! Verdammte Scheiße, sehe ich aus wie ein elender Junkie?!“

Reiner Calmund organisierte Daums Flucht nach Florida

Mein Gesicht glüht vor Wut, es muss völlig rot sein. Wieder schauen die anderen nur zu Boden. Warum lassen sie mich allein? Ich will schon wieder meinen Zorn herausschreien, doch es ist Reiner, der mich stoppt. Er kommt auf mich zu und packt mich sanft am Arm. „Beruhig dich, Christoph!“ Beruhigen? Wie zum Teufel soll ich mich jetzt beruhigen? „Reiner, das kann doch alles nicht wahr sein!“ Ich bitte ihn darum, dass wir nach nebenan gehen, um alles in Ruhe zu besprechen.

Reiner reißt mich aus meinen Gedanken. Wir sind in der Küche. Er schaut mich todernst an. Reiner lässt keine meiner Erklärungen zu, er schmettert sie alle ab. Für ihn steht unwiderruflich fest, dass ich schnellstmöglich Deutschland verlassen muss. Er zieht einen Umschlag aus der Tasche und hält ihn mir vor die Nase. Er redet ungewöhnlich ruhig. „Hier ist ein Flugticket für dich. Um 10.05 Uhr fliegst du von Frankfurt nach Miami. Ich habe alles vorbereitet, Freunde erwarten dich und werden sich um dich kümmern.“

Greift ein Junkie als Trainer nach der Meisterschale? Schafft es ein Drogenkranker in die Königsklasse? Niemand beantwortet mir meine quälenden Fragen! Ich komme mir vor, als würde ich gegen eine Wand reden, jedes meiner Worte wird zurückgeschleudert. Reiner möchte, dass ich abtauche. Aber wovor soll ich flüchten? Ich starte einen letzten Versuch, Reiner umzustimmen. Meine Stimme überschlägt sich, und ich flehe Reiner an, diesen ungeheuerlichen Werten der Haarprobe keinen Glauben zu schenken. „Reiner, das kann nicht stimmen!“ Ja, der Drogenkonsum war der dümmste und schlimmste Fehler meines Lebens. Aber ein Junkie? Das war verrückt. Beweise konnte sowieso niemand erbringen! Dass ich das letzte Mal was von diesem verdammten Zeug genommen hatte, lag schon Monate zurück. Wie konnte dieser hohe Wert herauskommen?

Christoph Daums legendärer Ausspruch: „Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe“

Reiner muss mir doch glauben! Ich nehme meine letzte Kraft zusammen. „Reiner – hör mir bitte genau zu.“ Ich schaue ihm in die Augen und versuche, so ruhig wie möglich zu reden. Ich berichte ihm von einem befreundeten Arzt, über den ich mich absicherte. Er hatte für mich eine Haaranalyse unter anderem Namen in einem Speziallabor im Ausland durchgeführt. Ich habe das Gutachten selbst gelesen. Der Test war komplett negativ! Da war nichts nachweisbar: kein Kokain, kein Opium, keine Amphetamine, gar nichts! Hätte ich mich etwa sonst freiwillig auf diese Haarprobe eingelassen? Hätte ich mich sonst vor die Presse gesetzt und diese idiotische Mitteilung vorgelesen?

„Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe.“ Dieser Satz wird mir noch immer um die Ohren gehauen. Dabei war es nicht mal meine Idee! Die Presseabteilung von Bayer Leverkusen hatte mir dieses Statement vorgeschlagen, weil sie es für die beste Idee hielten. Erst wollte ich mich nicht darauf einlassen, dann gab ich doch nach. Was hatte ich auch zu befürchten? Ich hatte mich doch abgesichert! Wie konnte überhaupt ein positiver Wert herauskommen? Und dann auch noch ein so hoher! Diese Frage lässt mich nicht los.

Reiner verzieht keine Miene, als ich ihm all das erzähle. Meine Bitte, dieses Ergebnis mit einer zweiten Haaranalyse zu widerlegen, ignoriert er. Er lehnt nachdenklich am Herd und hört mir zu. Als ich fertig bin, legt er mir seine großen Hände auf die Schultern. Noch immer liegt leichter Schweiß auf seiner Stirn. Sein Gesicht ist jetzt ganz nah, ich kann die einzelnen Tropfen sehen. „Christoph, deine Reaktion ist völlig normal. Der Gerichtsmediziner hat mir schon gesagt, dass du das alles nicht wahrhaben wirst.“ In diesem Moment weicht all die Wut aus meinem Körper. Ich weiß jetzt, dass ich keine Chance habe.

Ich habe keine Energie mehr, zu protestieren. Im Morgengrauen verlasse ich Rolands Haus. Ich bin müde und erschöpft, aber selbst auf dem Weg in den Flieger verfolgen die Fragen mich: Warum soll ich Deutschland verlassen? Wie konnte dieser Wert herauskommen? Was passiert hier mit mir? Ich fühle mich wie ein angespanntes Seil, das zu reißen droht. An der einen Seite zerren die Schuldgefühle wegen meines unverzeihlichen Fehlers, auf der anderen Seite die Wut über dieses unbegreifliche Ergebnis der Haarprobe. Nur diese Wut hält mich wach. Ich habe seit mehr als 24 Stunden nicht geschlafen, doch das Chaos lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Es macht mich fertig. Ich lasse mich in den breiten Sitz in der ersten Klasse fallen. Das war’s jetzt also, denke ich.

War’s das wirklich? Da reißt mich jemand aus meinen Gedanken. Es ist die Frau auf dem Nebensitz, die mich anstarrt. „Sind Sie nicht Christoph Daum?“, fragt sie. Ja, ich bin Christoph Daum, denke ich. Der Christoph Daum, der aus Bayer 04 Leverkusen einen Spitzenclub geformt hat und von dem Sie denken, dass er im nächsten Jahr Bundestrainer werden wird. Jetzt sitze ich in einem Flieger, der mich gleich nach Miami bringen soll. In Wahrheit habe ich keine Ahnung, wo ich wirklich ankommen werde. Auch die Frau scheint irritiert. Sie starrt mich immer noch an. „Haben Sie nicht gleich ein Spiel gegen Borussia Dortmund?“