EXPRESS-Serie Das macht Ex-FC-Trainer Peter Neururer heute

Peter Neururer Feuerwehrmann

Peter Neururer mit Feuerlöscher: Er wurde von Vereinen immer geholt, wenn es lichterloh brannte.

Köln – Rot ist seine Farbe. Und mit dem Feuerlöscher zu posieren für ihn das kleinste Problem. Das Bild passt: Denn wenn es bei einem Bundesligisten in der 90er Jahren brennt, steht sein Name ganz oben in der  Liste:  Peter Neururer (60). So auch beim  1. FC Köln...

„Willst du beim FC anfangen?“, erinnert sich die Frohnatur an den Hilferuf des früheren Präsidenten Klaus Hartmann. Der FC ist im April 1996 in akuter Abstiegsnot, Neururer muss nicht lange überlegen.

Fan seit frühester Kindheit

Ist er doch nach eigener Aussage „seit dem 6. Lebensjahr“ FC-Fan durch und durch. „Mich ordnet ja jeder  als Bochumer oder Schalker ein. Aber dass ich zehn Jahre in Köln gewohnt hab´, weiß kaum einer. Ich kenne kaum einen größeren FC-Fan als der, der ich war. Mit Christoph Daum spielte ich zusammen in der Studentenmannschaft. Ich saß 1978 neben der Bank, als der FC in Hamburg gegen St. Pauli das Double geholt hat. Und: In Gilberts Pinte am Zülpicher hab’ ich gekellnert.“

Alles zum Thema Christoph Daum

Neururer ist ein redegewandter Alleinunterhalter. Immer gern gesehener Talkgast am Stammtisch. Einer, der polarisiert, mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Und so waren auch die 17 FC-Monate von „Peter dem Großen“ an Kuriositäten reich.

„Ich saß beim Double 1978 neben der Bank!“

Wir sitzen im Backstage-Bereich einer Talkshow im „Gloria-Theater“ am Kölner Neumarkt, und Neururer futtert Schoko-Riegel. Denn stolz ist der frühere Amateurkicker, der nie einen Titel als Trainer holte, bis heute vor allem auf eine Tatsache: dass er mit dem FC nicht abstieg. Im Last-Minute-Thriller 1996 behielt er mit Illgner, Polster und Co. die Nerven, gewann das entscheidende Spiel in Rostock.

Neururer Krücken

Peter Neururer (links) und EXPRESS-Reporter Markus Krücken

Drama beim Fernduell

Im Fernduell stieg Kaiserslautern durch ein 1:1 in Leverkusen dafür ab. Neururer hat die dramatischen Bilder von einst noch heute vor Augen: „1:0 in Rostock. Puh! Dass die Hansa-Fans beim Abpfiff aus Wut die Holzbänke rausrissen, war noch harmlos. Schlimmer war, als die Handyverbindung nach Leverkusen abbrach.“

Neururer weiter: „Meine Frau war dort auf der Tribüne und mit meinem Kumpel, Geschäftsführer Wolfgang Loos, in Rostock verbunden. Da brach Anfang der zweiten Hälfte die Leitung komplett zusammen. Auch die TV-Monitore am Spielfeldrand fielen aus. Wir wussten nicht mehr, was los war. Just in dem Moment kam Stefanie Kohn an (Neururer nennt den Ex-Stürmer wirklich so, d. Red.), sagte: »Ich hab´ aua, aua, muss raus.« Ich wurde fuchsteufelswild: Mein Vertrag ging nur weiter, wenn wir die Klasse halten würden.“

Der Kult-Coach: „Christoph Daum wurde ja schon von allen Seiten als mein Nachfolger gehandelt. Was machte ich nur? Ich brachte Gaißmayer als Joker rein - und zum Glück machte der Jeck das Ding. Hinten hielt der Bodo Illgner sowieso einfach alles. Das war nicht Weltklasse, das war mit Worten nicht wiederzugeben.“

Das Illgner-Drama

Apropos Illgner. Nur wenige Monate später sorgt ausgerechnet der Nationaltorwart, Weltmeister und Fanliebling für den schlimmsten Alarm in der Karriere des „Feuerwehrmanns“.

„Bodo war also weg“

„Es war der letzte Tag des Transferfensters. Am Nachmittag wollten Bodo und seine Frau Bianca ungewöhnlicherweise von mir, dass er früher vom Training abhauen könnte. Für keinen gibt's Ausnahmen, sagte ich ihnen erst. Doch beim dritten Mal gab ich nach: Seht zu, dass es keiner mitbekommt.  Bodo war also weg. Wenige Stunden später wusste ich auch, warum. Sie waren im Privatflieger nach Madrid abgerauscht. Denn eine Minute vor Mitternacht klingelte das Telefon. Am anderen Ende: Bodo. «Trainer, ich muss Ihnen mitteilen, dass ich bei Real Madrid unterschrieben habe»“, erzählt Neururer.

Bodo Illgner 1. FC Köln

FC-Keeperlegende Bodo Illgner

Er war geschockt. „Er war der beste Torwart in Deutschland und unser wichtigster Mann! Toni Polster  war ja schon auf dem absteigenden Ast. Die vier Millionen Mark, die wir von Real für Bodo kriegten, waren schwindend gering. Aber ich dachte: Okay, das wird in der Winterpause zumindest in die Mannschaft gesteckt. Doch von wegen, das Geld wurde ins Geißbockheim investiert.“

 „Ich war für Schewtschenko, wir holten Vucevic!“

Neururer wiederholt fassungslos die legendäre Anekdote vom verpassten Transfer des späteren Weltstars Andreij Schewtschenko (u.a. AC Mailand, Chelsea): „Ich hatte den Auftrag, mir Dynamo Kiew anzusehen. Die U23. Der überragende Junge dort hieß Schewtschenko und kostete damals 150.000 DM. Ich sah: Das ist eine Rakete und kam zurück. Aber dann sagte mir Manager Kalli Rühl: »Vergiss deinen Exoten. Ich hab da nen Goran Vucevic. Der spielt beim FC Barcelona. Den holen wir.«

Der Rest ist bekannt: Vucevic war vielleicht ein Freistoßspezialist, aber ein Altherrenkicker. Und Schewtschenko war später 38 Millionen wert…“

Die internen Querelen nehmen 1997 zu. Seine Nerven liegen blank. Beim Tanken an der Berrenrather Straße vergisst Neururer den Stutzen in der Zapfsäule, reißt ihn beim Losfahren ab. Schaden: 200.000 DM. »FC zu doof zum Tanken, habt Ihr vom EXPRESS geschrieben« , schmunzelt er.

Machtkampf mit Rühl

Doch kurz darauf war Schluss mit lustig: Im Machtkampf mit Chaos-Manager Rühl zog Neururer  nach drei Pleiten in Folge schließlich den Kürzeren. Nachfolger Lorenz Günther Köstner führte den FC 1998 in die 2. Liga. „Ich bin so froh, dass ich nicht der Abstiegstrainer war. Ich wäre mit der Mannschaft nicht abgestiegen“, sagt Neururer trotzig.

Neururer kommt ins Schwärmen und gerade richtig in Fahrt. Da ruft jemand: „Peter, komm auf die Bühne.“ Wieder Fussball-Stammtisch. Bei WDR-Mann Sven Pistors im Gloria. Neururer steht vom Sofa auf, verabschiedet uns aus dem Backstage-Bereich. Er stellt den Feuerlöscher in die Ecke und verschwindet hinter dem Vorhang im Scheinwerferlicht.

Was hängenbleibt? Vor allem eines: Blendende Laune...

Neururers Trainer-Statistik

bopp_16_01104

15.9.87-17.11.87: RW Essen (2. Liga)

1988-1989: Alem. Aachen (2. Liga)

10.4.89-13.11.90: FC Schalke 04 (2. Liga, Trennung auf 2. Platz)

13.3.91-28.5.91: Hertha BSC (1. Liga, nur 2 Punkte aus 12 Spielen)

1991-1993: 1. FC Saarbrücken (Aufstieg in 1. Bundesliga & Abstieg)

1994-1995: Hannover 96 (2. Liga, vor Abstieg gerettet)

1.4.96-30.9.97: 1. FC Köln (Klassenerhalt; danach 10. Platz; nach Pokal-Aus in Ulm und  nur 7 Punkten aus den ersten 8 Spielen  entlassen; insgesamt 54 Spiele: 21 Siege, 26 Niederlagen, 7 Unentschieden)

20.4.99-30.6.99: Fortuna Düsseldorf (2. Liga, Abstieg)

1999-2000: Kickers Offenbach (2. Liga, Abstieg nicht verhindert)

2000-2001: LR Ahlen (2. Liga)

2001-2005: VfL Bochum (Aufstieg in 1. Liga, 5. Platz, UEFA-Cup-Quali)

2005-2006: Hannover 96 (1. Liga)

2008-2009: MSV Duisburg (2. Liga)

8.4.13-9.12.14: VfL Bochum (Klassenerhalt 2. Liga, danach 15. Platz)

Auf der nächsten Seite: Welche Geste passt zu welchem FC-Moment?

bopp_16_01109

18. Mai 1996: Der FC war zum Abstiegsfinale in Rostock, Leverkusen spielte daheim gegen Kaiserslautern. Neururer brachte schon nach neun Minuten Holger Gaißmayer für Stefan Kohn. Der Joker traf eine Viertelstunde vor Schluss zum 1:0, der FC war gerettet  – und Neururer hatte seinen Job erledigt.

01K 15_71-95120572_ori

+++++

bopp_16_01107

24. Mai 1997: Der FC schlägt Leverkusen mit 4:0 und beraubte damit Bayer-Trainer Christoph Daum der Meisterschaft. „Daum wollte meinen Job haben, wofür ich heute Verständnis habe. Damals sagte ich aber den Jungs: Der soll bei uns im Stadion Deutscher Meister werden? Da hänge ich mich eher auf.“

01K 15_71-95100017_ori

+++++

bopp_16_01111

30. August 1997: Nachdem er Bodo Illgner trainingsfrei gegeben hatte, ging der nicht etwa mit seiner Frau Bianca im Grüngürtel spazieren, sondern flog im Privatjet nach Madrid. Dort unterzeichnete der Torwart einen Vertrag bei Real und hinterließ in Köln einen geschockten Trainer und fassungslose Fans.

Sie verwenden einen veralteten Browser. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um Ihren Besuch bei uns zu verbessern.