Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung  Immer mehr Teenies wenden sich ans Jugendamt

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Verzweifelt: Immer mehr Kinder und Teenies wenden sich ans Jugendamt und wollen den gewalttätigen, übergriffigen Eltern entfliehen. (Symbolfoto)

Köln – Nicht nur Missbrauchsskandale erschüttern derzeit Deutschland. Immer mehr Kinder wachsen in Messiewohnungen auf, werden geschlagen – oder einfach sich selbst überlassen.

Fakt ist: Jugendämter und Gerichte haben im vergangenen Jahr deutlich mehr Kinder komplett aus ihren Familien herausgeholt, in denen ihnen körperlicher oder seelischer Schaden drohten. Das waren 2019 allein in NRW 2214 Kinder – zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Kindesgefährdung: Fast 50.000 Verdachtsfälle im Jahr 2019 in NRW

Die erschütternden Missbrauchsmeldungen der vergangenen Monate haben unsere Sinne geschärft.

Fast 50.000 Verdachtsfälle rund ums Kindeswohl wurden 2019 in NRW gemeldet. Dieter Göbel, Fachbereichsleiter beim LVR-Landesjugendamt Rheinland: „Einer der Hauptgründe ist vermutlich, dass die Sensibilität gegenüber Kindern mit Auffälligkeiten heute deutlich höher ist als früher. Das Jugendamt wird heute öfter angerufen, wenn ein Kind häufig weint, schreit oder plötzlich stark verängstigt ist. Auch Erzieher in den Kitas sowie Lehrer schauen genauer hin, wenn die Kinder blaue Flecken oder Verletzungen haben oder auffällige Verhaltensweisen an den Tag legen.“

Kindesgefährdung: Bevölkerung wird aufmerksamer

Die Statistik untermauert seine Aussage: In 16,2 Prozent (Gesamtzahl: 8043) der Fälle haben Verwandte, Bekannte oder Nachbarn des Kindes auf die Gefährdung aufmerksam gemacht. Personal von Schulen oder Kindertageseinrichtungen und Tagespflegepersonen waren in 14,4 Prozent (7069) der Fälle Initiator.

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Wird die Lage durch die Corona-Krise noch verschärft? Der Verdacht liege nahe, aber ob es in den Zeiten der Corona-Pandemie zu einer erhöhten Anzahl von familiärer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gekommen ist, lasse sich noch nicht mit endgültiger Gewissheit sagen, meint Göbel.

Kindesentzug ist ein drastischer Schritt

Der vollständige Kindesentzug ist natürlich ein drastischer Schritt, der wohlüberlegt sein will. Eine Inobhutnahme bedeutet, dass das Jugendamt ein Kind aus einer Familie nimmt, wenn eine dringende Gefahr für das Wohl besteht.

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Dieter Göbel ist Fachbereichsleiter beim LVR-Landesjugendamt Rheinland.

Göbel: „In der Regel gibt es drei gewichtige Gründe, die zu einer Inobhutnahme führen: Es sind vor allem Misshandlungen und Vernachlässigungen sowie eine generelle Überforderung der Eltern.“

In den Verfahren, in denen 2019 eine akute Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, stellten die Jugendamtsmitarbeiter in NRW in 3623 Fällen Anzeichen von Vernachlässigung, in 2631 Fällen körperliche und in 2239 Fällen psychische Misshandlungen fest.

Kinder suchen selbst Hilfe

Unfassbar! In den letzten zehn Jahren wollten laut LVR in Deutschland pro Jahr durchschnittlich zwischen 8000 und 9000 Kinder und vor allem Jugendliche nicht mehr zuhause leben und haben selbst beim Jugendamt um Hilfe gebeten. Teenies, die Angst vor den eigenen Eltern haben.

In vielen Fällen offensichtlich zu Recht. Der Rechtsmediziner Michael Tsokos schätzt, dass es in Deutschland weit mehr als die nach der offiziellen Statistik erfassten 160 toten Kinder durch Misshandlungen pro Jahr gibt.

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Und dennoch: Für die Jugendämter ist die Herausnahme eines Kindes aus der Familie eine ständige Gratwanderung – die Mitarbeiter stehen dabei immer in der Kritik. „Lassen Sie das Kind in der Familie und es passiert etwas, werden sie mit dem juristisch relevanten Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung konfrontiert. Nehmen sie ein Kind aus der Familie, wird schnell kritisiert, dieser Schritt sei nicht nötig gewesen“, erlebt Göbel immer wieder.

Leben bei Messies

Der Leiter des Landesjugendamtes nennt ein Beispiel:

Die Inobhutnahme sei immer der letzte Schritt.

Es gibt viel zu wenig Pflegefamilien

Diese dauert im Durchschnitt etwa 30 Tage. Oftmals sei es so, dass sich die familiären Verhältnisse wieder stabilisiert haben und das Kind wieder zurück in die Familie kehre, wobei diese weiterhin vom Jugendamt unterstützt werde.

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Zeichnet sich eine solche Stabilisierung aber nicht ab, wird für das Kind eine Heimerziehung beantragt oder es wird in einer Pflegefamilie untergebracht. Eine Möglichkeit ist dabei auch die Bereitschaftspflege. Die Bereitschaftspflege bedeutet, dass das Kind in einem Zeitraum von wenigen Monaten in einer Pflegefamilie verbleibt, bis eine dauerhafte sichere Unterkunft gefunden wurde.

Aber da liegt auch ein weiteres Problem: „Leider gibt es zu wenig Pflegefamilien. Ich möchte an dieser Stelle appellieren, dass Familien, für die die Aufnahme eines Pflegekindes in Frage kommen, sich mit dem Jugendamt in Verbindung setzen und sich beraten lassen“, sagt Göbel.

Missbrauch: Was tun, wenn ich einen Verdacht habe?

Die erste Adresse ist das örtliche Jugendamt. Dort kann man sich auch anonym melden. Jeder zehnte Hinweis an das Jugendamt erfolgte 2019 übrigens anonym.

Dieter Göbel: „Was mir wichtig ist: Ein Anruf beim Jugendamt oder der Polizei ist kein Denunziantentum, sondern verantwortliches, soziales Handeln. Jeder Anruf kann entscheidend für das Leben eines Kindes sein. Ein Zögern ist hier nicht angebracht.“

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