In „XY Spuren des Verbrechens“ steht Kriminaloberkommissar Fabian Puchelt Moderatorin Helene Reiner als Experte zur Seite. Im Interview spricht der aus „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ bekannte Polizist über seine Anfänge beim LKA und verrät, was er über True Crime und den „Tatort“ denkt.
„XY“-Experte Fabian Puchelt„Vielleicht ist es die menschliche Neugier auf das Unbegreifliche“

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Fabian Puchelt ist Pressesprecher des LKA Bayern und aus „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ und dem „XY Update“ bekannt. (Bild: ZDF/Saskia Pavek)
Ein Kind verschwindet, ein Mann wird entführt - was macht das mit den Angehörigen? Wie ermittelt die Polizei in solchen Fällen? Und wer muss eigentlich das Lösegeld zahlen? Diese und weitere Fragen will „XY Spuren des Verbrechens“ (sechs Folgen ab 6. Mai, mittwochs, 19.25 Uhr) beantworten. Der Ableger der bekannten ZDF-Fahndungssendung beleuchtet in sechs Folgen monothematisch Fälle aus dem „XY“-Archiv. Kriminaloberkommissar Fabian Puchelt vom LKA Bayern steht Moderatorin Helene Reiner (“heute journal - der Podcast“) als Experte zur Seite.
Am Set der neuen Sendung nahm sich der Polizist, den Zuschauerinnen und Zuschauern bereits aus „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ kennen, nach Drehschluss Zeit für ein Gespräch.
„Themen wie Schwerstkriminalität faszinieren mich“
teleschau: Herr Puchelt, war der Beruf Polizist Ihr Kindheitstraum?
Fabian Puchelt: Ja, war es tatsächlich (lacht). Ich komme aus einer Polizeifamilie, und schon mein Vater war Polizist. Das erste Geschenk, das ich als Kleinkind bekommen habe, war ein Polizei-Bobbycar, und ab dem Zeitpunkt war für mich klar: Ich möchte Polizist werden.

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In „XY Spuren des Verbrechens“ will Fabian Puchelt mit „Tatort“-Klischees aufräumen. (Bild: Stills aus dem Film / ZDF)
teleschau: Und wie sind Sie zur Kriminalpolizei gekommen?
Puchelt: Nach der Schule habe ich meine Ausbildung bei der Polizei begonnen. Da war es mir am Anfang wichtig, ein klassischer Polizist zu sein - mit Uniform und im Streifenwagen zu Einsätzen zu fahren und jeden Tag etwas anderes zu erleben. Weil mich Themen wie Schwerstkriminalität faszinieren, kam im Laufe der Ausbildung der Wunsch, ins LKA zu gehen. Als sich schließlich die Chance ergeben hat, bin ich dorthin gewechselt.
teleschau: Können Sie sich noch an Ihre erste Leiche erinnern?
Puchelt: Ja, kann ich sehr gut. Das müsste 2009 oder 2010 gewesen sein. Gerade beim ersten Mal hat man sehr viel Respekt davor, weil einem bewusst wird, wo man gerade steht und was hier eigentlich passiert ist. Das, was man sonst nur aus Film und Fernsehen kennt - das wird auf einmal greifbar. Da hängen Schicksale mit dran, da hängt womöglich ein großer Kriminalfall mit dran. Da kommt man ins Grübeln. Aber gleichzeitig fand ich das auch absolut spannend und interessant. Da war mir eigentlich klar: Ich habe mir den richtigen Job ausgesucht.
Fabian Puchelt ist „Tatort: Münster“-Fan
teleschau: Sie wollen in „XY Spuren des Verbrechens“ mit „Tatort“-Klischees aufräumen. Können Sie überhaupt noch einen „Tatort“ anschauen?

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„Wir erklären das 'Warum'.“ Fabian Puchelt am letzten Drehtag von „XY Spuren des Verbrechens“ in München. (Bild: teleschau)
Puchelt: (lacht) Wenn man als Polizist „Tatort“ schaut, muss man natürlich bei der einen oder anderen Sache den Kopf schütteln. Trotzdem bin ich totaler Fan vom Münsteraner „Tatort“ - den finde ich klasse. Für mich zählt da der Unterhaltungswert. Ansonsten bin ich, wenn ich zu Hause bin, nicht so der True-Crime- oder „Tatort“-Fan, sondern da ist für mich das Thema Kriminalität durch.
teleschau: Was machen Sie denn, um den Kopf nach der Arbeit frei zu bekommen?
Puchelt: Wenn ich mit meiner Hündin Paula im Wald oder in den Bergen unterwegs bin, kann ich abschalten. Ich bilde sie bei der Rettungshundestaffel der Feuerwehr Hochbrück als Trümmersuchhund zur Suche nach verschütteten Personen aus. Da bekomme ich gut den Kopf frei, weil es ein komplett anderes Themenfeld und eine komplett andere Arbeit ist. Da kann ich entspannen und die Freizeit genießen. Paula begleitet mich auch ins Büro und ist immer an meiner Seite, das ist natürlich toll.
teleschau: Welche Fälle berühren Sie am meisten?
Puchelt: Alle Fälle, in denen Kinder beteiligt sind. Das ist nochmal eine ganz andere Liga. Alles andere kann man vielleicht für sich irgendwo einordnen, aber bei Kindern hört es definitiv auf.
Es geht um die Frage nach dem „Warum“

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Im Ableger von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ steht Fabian Puchelt Moderatorin Helene Reiner als Polizei-Experte zur Seite. (Bild: Tobias Schult/ZDF)
teleschau: In „XY Spuren des Verbrechens“ geht es in einer Folge um das Thema „Wenn Frauen morden“. Morden Frauen anders?
Puchelt: Ich kann es Ihnen nicht sagen, denn wir beim BLKA bearbeiten keine Mordfälle, das macht die regionale Kriminalpolizei. Bei uns laufen die Zahlen aus der polizeilichen Kriminalstatistik und Forschungsergebnisse aus unserer kriminologischen Forschungsgruppe zusammen. In meiner Rolle als Experte beleuchte ich nicht die einzelnen Fälle, sondern die Oberthemen. In der konkreten Folge gehe ich auf die Frage „Wer mordet häufiger, Männer oder Frauen?“ und auf die Frage nach dem „Warum“ ein, nicht auf das „Wie“.
teleschau: Haben Sie bei der monothematischen Betrachtung der Fälle selbst noch einen neue Erkenntnis gehabt?
Puchelt: Das sind die Themen, mit denen ich mich im LKA tagtäglich beschäftige. Unser und mein Anspruch war: Wir erklären das „Warum“. Ich kenne allerdings die Aussagen der anderen Expertinnen und Experten, die in der Sendung zu Wort kommen, nicht. Deshalb bin ich sehr gespannt auf deren Einschätzung und darauf, wie die Sendung am Ende aussehen wird.
teleschau: Dank Social Media ist ständig und überall von Verbrechen zu lesen. Einige fühlen sich deshalb im Alltag weniger sicher. Wie erleben Sie das in Ihrer Arbeit?
Puchelt: Aufgrund meiner Tätigkeit im BLKA kennt man oftmals Hintergründe, Statistiken und Zahlen zu einzelnen Phänomen die oftmals in der öffentlichen Wahrnehmung nicht bekannt sind. Das ermöglicht einem das ein oder andere natürlich etwas anders einzuordnen und zu bewerten. Beispielsweise gingen Straftaten im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent in Bayern zurück. Gerade die Gewaltkriminalität ist nicht gestiegen, sondern gesunken (um 4,5 Prozent in Bayern, d.Red.).

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Fabian Puchelt und Helene Reiner wollen ein tieferens Verständnis für das „Warum“ hinter Verbrechensfällen schaffen. (Bild: ZDF / Stills aus dem Film)
teleschau: Warum, glauben Sie, ist die Faszination für True Crime so groß?
Puchelt: Das ist eine gute Frage (lacht). Vielleicht ist es die menschliche Neugier auf das Unbegreifliche, oder Verbotene. Aber eine konkretere Antwort habe ich darauf nicht.
teleschau: Finden Sie es wichtig, dass Menschen, die es nicht sowieso schon beruflich tun, sich mit Verbrechen auseinandersetzen - auch nachdem die Gerichte mit einem Fall abgeschlossen haben?
Puchelt: Ja, auf jeden Fall. Und weil Sie die Gerichte ansprechen: Das ist das Gute daran, dass wir in Deutschland leben. Ich kann mich, das ist meine persönliche Meinung, darauf verlassen, dass ein Urteil der Justiz Substanz hat und fundiert ist.
„Extrem wichtig, dass man alle Beteiligten mit ins Boot nimmt“
teleschau: Muss das Genre „True Crime“ trotzdem Grenzen haben?
Puchelt: Das ist eine gute Frage. Wir beim BLKA werden von vielen True-Crime-Formaten angefragt. Solange ich feststellen kann, dass es sich um eine objektive Aufarbeitung eines Falles handelt, finde ich das absolut legitim und vollkommen in Ordnung. Da ist es als Polizei unsere Aufgabe, solche Anfragen so weit wie möglich mit allen Fakten, die wir offenlegen dürfen, zu beantworten. Was die einzelnen Formate daraus machen, da haben wir keinen Einfluss drauf. Bewerten dürfen wir diese Formate als Polizei nicht. Wir können eine Antwort nicht verweigern, nur weil wir der Meinung sind, dass jemand das Thema nicht richtig angeht. Das würde gegen die Pressefreiheit verstoßen. Alle bekommen die gleichen Fakten.
teleschau: Hat es darüber hinaus einen Nutzen für die Polizei?
Puchelt: Es bietet uns die Chance, die polizeiliche Seite in der Öffentlichkeit zu präsentieren und mit Vorurteilen aufzuräumen. Solange wir aufklären können, tun wir das sehr gerne. Schließlich ist es auch in unserem Interesse, dass die Öffentlichkeit unsere Arbeit nachvollziehen und verstehen kann.
teleschau: Die Polizei sollte also eine präsente Stimme im True-Crime-Genre sein?
Puchelt: Ja, ich denke schon. Wenn alle Seiten - Opfer, Staatsanwaltschaft, Polizei - beleuchtet werden, können sich Zuhörerinnen und Zuhörer ein vollständiges Bild davon machen, was eigentlich passiert ist. Deswegen finde ich es extrem wichtig, dass man alle Beteiligten mit ins Boot nimmt. Es sollte keine einseitige Darstellung sein. Wie ich das als Privatperson dann interpretiere, ist jedem selbst überlassen. (tsch)
