Tierfilmer Andreas Kieling hat mir uns darüber gesprochen, was ihm auf seinen Touren am meisten zusetzt und wie er zum Abschuss von Wölfen steht.
Andreas KielingBekannter Tierfilmer spricht über seine größte Angst

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Andreas Kieling mit einem Bartgeier für „Kielings wilde Welt“. Seine Dokumentationen verfolgen viele Fans im TV und auch auf Instagram.
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Was früher Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek waren, ist heute für die Fernsehnation Andreas Kieling (66). Der Mann aus der Eifel ist der bekannteste lebende Tierfilmer Deutschlands. Begeistert mit seinen Dokumentationen über abenteuerliche Survival-Touren Millionen Fans.
Der ehemalige Förster polarisiert, redet sich bisweilen aus Leidenschaft für Tiere und Natur in Rage und eckt durch Meinungsstärke gern an auch im großen Talk mit dem EXPRESS.
Andreas Kieling wurde von Bär und Giftschlange angegriffen
Herr Kieling, geht es Ihnen gesundheitlich wieder besser?
Andreas Kieling: Wieso?
Nun ja, Sie wurden vor zwei Jahren von einer Mamba gebissen und waren gelähmt, wurden von einem Braunbären angegriffen, der Ihnen die Kopfhaut abzog ...
Andreas Kieling: Ich mache meinen Beruf seit 35 Jahren, habe viele Jahre meines Lebens in Alaska auf engstem Raum mit Eisbären, Grizzlys und Moschusochsen gelebt. Gezeltet. Ohne dass da irgendwie ein Wassergraben oder Gitterstäbe um mich herum waren. Und ich habe das gut überstanden. Im Vergleich mit dem urbanen Leben, in dem täglich viele Unfälle mit Autos passieren, ist mir da doch relativ wenig passiert.
Was waren für Sie die schwierigsten Situationen?
Andreas Kieling: Es war die Einsamkeit, der man über Monate lang ausgesetzt ist. Das will natürlich keiner hören. Weil es die ja auch in der Großstadt gibt. Aber diese monatelange Einsamkeit, die muss man aushalten können. Und viele können das eben nicht. Weil es auch nicht unserer Natur entspricht. Wir sind eigentlich keine Wesen, die solitär leben.
Ihre größte Angst?
Andreas Kieling: Das war in all den Jahren eigentlich der Mensch. Ich musste ja oft mit alten, klapprigen Flugzeugen irgendwo hingebracht werden. Da wurde ich dann zum Beispiel in Alaska abgesetzt und der Pilot sagte mir, dass er in der oder der Woche zurückkomme, neue Nahrung oder frische Batterien oder was auch immer bringen würde – wenn die Wetterumstände das zulassen. Ich hatte zudem immer Angst, dass so ein altes Flugzeug zum Beispiel zu wenig Treibstoff oder der Pilot vielleicht Drogen genommen hat. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, selbst einen Pilotenschein zu machen. Das Tier war wirklich mein geringstes Problem.
Wirklich? Das mag man als Mensch, der Raubtiere nur vom Zoo her kennt, kaum glauben ...
Andreas Kieling: Ist aber so. Sehen Sie, allein schon, wie wir Menschen uns bewegen. Wir haben eine aufrechte Motorik, die suggeriert aus der Entfernung den Tieren schon mal: Da müssen wir aufpassen. Mit dem ist wahrscheinlich nicht gut Kirschen essen. Egal, ob das in Afrika ist oder in Südamerika oder in Alaska oder eben auch in Europa. Mittlerweile haben die Tiere gelernt, mit uns Menschen in gewisser Weise zusammenzuleben.
Das heißt, ich muss als Spaziergänger keine Angst haben, wenn ich einem Wolf begegne?
Andreas Kieling: Genau. Seit 40 oder 50 Jahren ist hierzulande kein Mensch mehr durch einen Wolf zu Schaden gekommen. In einem Nachbarort bei mir in der Eifel ist hingegen ein alter Mann von zwei streunenden Hunden auf offener Straße getötet wurden. Die haben erkannt, dass er eine einfache Beute war. Das würde bei einem Wolf nicht passieren. Der merkt sofort, wir sind ein anderer Beutegreifer und er lässt eine gewisse Nähe – das können durchaus zehn Meter sein – sehr wohl zu. Also eine Nähe, wo er noch gut flüchten kann. Anders sieht es aus, wenn Sie mit einem kleinen Hund unterwegs sind. Der kann für den Wolf sehr wohl eine Beute sein. Deshalb ist es immer eine gute Idee, wenn man in einem „Wolfsgebiet“ seinen Hund möglichst nah an der Leine bei sich behält.
Ein Gesetzesentwurf sieht vor, dass der Wolf als jagdbare Tierart in das Bundesjagdgesetz aufgenommen werden soll. Wie stehen Sie als Jäger, Förster und Tierschützer dazu?
Andreas Kieling: Gehen wir mal hundert Jahre zurück, in die Kölner Bucht zum Beispiel. Die Menschen lebten in kleinen Dörfern, um die Stadt war eine große Stadtmauer gebaut. Man hatte eigentlich damit gelebt, dass es da draußen Tiere gibt, die vielleicht eine Gefahr für uns darstellen. Und die rissen dann auch mal eine Ziege oder ein Schaf oder was auch immer. Da wurden dann Geschichten draus gesponnen. Und es war dann eben nicht nur eine Ziege, das waren dann gleich sieben Junge und noch eine Ziegenmutter. Der Wolf und die sieben Geißlein. Das böse Tier mit den langen Fangzähnen ... Das ist eine Urangst. Dabei ist der Wolf ebenso wie der Luchs eigentlich der Verbündete der Jäger, fängt alte und kranke Tiere und Frischlinge, sorgt dafür, dass sich die afrikanische Schweinepest nicht so schnell verbreitet oder dass viel zu viele Huftiere nicht den ganzen Wald auffressen.
Also nicht abschießen?
Andreas Kieling: Ach, das passiert doch schon längst unter der Hand. Bei uns in der Eifel haben wir viel Rotwild, viele Wildschweine, ab und an auch mal einen Wolf, aber letztendlich ist die Hocheifel ein Bermuda-Dreieck für Wölfe. Sie tauchen immer mal wieder auf und sind dann spurlos verschwunden. Die Erklärung ist ganz einfach, das sind die berühmten drei S: Schießen, Schaufeln – also vergraben – und Schweigen. Doch ich verstehe auch, dass der Bauer mit seinen paar Schafen sagt, dass er den Wolf nicht haben will, weil er nur einen kleinen Hüttepupp-Zaun hat und kein Riesending von 1,60 Meter Höhe mit Starkstrom aufstellen will. Ich glaube dennoch nach wie vor an die Wichtigkeit der Tiere, die ein bedeutender Beitrag für unser Ökosystem sein könnten. Darüber könnten wir jetzt noch stundenlang reden.
Dasselbe gilt für die Windkraft?
Andreas Kieling: Ein Vogel kann sehr genau erkennen, auf welchem Ast er landen kann oder auf welchem nicht. Ein schnell drehendes Rotorblatt erkennt er nicht. Andererseits müssen wir nun mal irgendwo unsere Energie her kriegen, aber ich finde, nicht um jeden Preis. Ich erhalte ständig Post von betroffenen „Anwohnern“ , die mir schreiben: Was sollen die Dinger, wenn in Frankreich und der Slowakei Atomkraftwerke stehen, die von uns Deutschen gebaut werden? Auch ein endloses Thema.
Apropos Ende: Wie lange wollen Sie eigentlich diesen doch schon sehr strapaziösen Job noch stemmen?
Andreas Kieling: Bestimmt noch zehn Jahre, weil die Arbeit mir wirklich sehr viel Freude macht. Ich war gerade erst für einige Wochen für Filmaufnahmen in Uganda und habe dort auch mit Giraffen gedreht, unglaublich faszinierende Tiere! Es ist einfach sehr berührend, wenn Menschen mir bei meinen Hallentouren erzählen, dass Sie wegen mir Zoologie studiert haben oder Biolehrer geworden sind. Ich möchte weiter mit beeindruckenden Filmaufnahmen und meinen persönlichen Erlebnissen aus meinem Leben in der Wildnis, von denen ich live dazu erzähle, vom Kind bis zu den Großeltern Interesse wecken und die Bereitschaft, sich auf diese faszinierende Welt einzulassen.
Andreas Kieling: Ein filmreifes Leben
1959 wurde Andreas Kieling in Gotha geboren, flüchtete 1976 schwimmend durch die Donau aus der DDR. Er heuerte in Westdeutschland als Seemann an, machte eine Ausbildung als Berufsjäger und begann 1991 seine Karriere als Dokumentarfilmer. Über seine Erlebnisse wie Reisen nach Alaska, die Erkundung des Yukon-Rivers oder eine Expedition durchs „wilde Deutschland“ entstanden viele Bücher und TV-Dokumentationen.
Im Rahmen seiner langen Karriere erlebte er wenige, aber durchaus lebensbedrohliche Tierangriffe. In die Schlagzeilen geriet er auch vor einer Survival-Challenge nach Konflikten mit seinen Mitstreitern. Kieling lebt in der Eifel, lebt von seiner Frau getrennt und hat zwei Söhne, die als Fotografen in seine Fußstapfen getreten sind.


